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Freitag, 5. August 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 7. Tag: Sonntagspolitik

Es ist soweit: der Kreis schließt sich, die Woche endet. Die glorreichen sieben Blogeinträge zur Todsündenreihe wird heute komplettiert. Und das Thema könnte zu den Ereignissen, die sich fernab vom Spießerleben eines jeden von uns abspielt, gar nicht sein... Politik! Eigentlich wiedermal eine glatte Steilvorlage, allein schon den Sonntag in Zusammenhang mit der Politik zu nennen könnte jetzt allerlei Sprüche aus den Herzen eines jeden Wählers und Nichtwählers sprechen lassen: allein der Vergleich vom "Sonntagsfahrer" zum "Sonntagspolitiker ist ja schon Gold wert! "Politiker benehmen sich doch ein Leben lang, als würde sie nur sonntags Politik machen!" Zumindest eins ist in diesem Zusammenhang passend: erst vor wenigen Wochen schlug Andrea Nahles, ihres Zeichens Generalsekretärin der SPD, einen politikfreien Tag pro Woche vor. An diesem Tag soll (fast schon bibeltreu!) die Arbeit, die verbalen Hetzkampagnen etc. der Parteien untereinander ruhen. Und welcher Tag bietet sich da eher an als der Sonntag, von dem Gott schon gesagt hatte, dass an ihm sämtliche Arbeiten ruhen sollen? So sei es denn auch in dieser Sommerlochserie: der Politik gehört die letzte Todsünde, damit auch der Sonntag und gleichzeitig der letzte Platz bzw. Blogeintrag.
Doch zunächst mal wieder auf Anfang!

Ja, der Ruf des Politikers ist nicht zum Besten bestellt - und das ist kein nationales Problem, es ist ein Problem ihres Rufes. Wahrscheinlich gibt es kein Land auf diesem Planeten, in dem die Wähler mit ihren gewählten Stellvertretern in Regierungseinrichtungen wirklich zufrieden wären. Es ist wesentlich schwieriger, eine für die Masse zufriedenstellende Regierung zu formen als einen beispielsweise religiösen Stellvertreter. Vielleicht ist den Menschen die Politik wichtiger als die Religion und deswegen erhitzen sich sämtliche Gemüter beim Thema Politik so stark...? Nun, es ist mehr ein Gedankengang als eine Tatsache, denn immerhin kann auch die Religion Gemüter stark erhitzen (wie ich schon letzte Woche angesprochen habe!). Doch das Potenzial, die Gemüter in politischer Hinsicht überkochen zu lassen, ist weitaus stärker als das Einfordern von religiösen Wahrheiten und der Anspruch auf das ultimative Wissen im Religionskampf. Es liegt wahrscheinlich am gewaltigsten Unterschied zwischen Religion und Politik: Religion gründet sich auf Glauben, Politik auf (vermeintliches) Wissen.

Politik handelt vor allem von Fakten, vom Kampf für eine angeblich gerechte Welt, in der die wirtschaftlichen und menschlichen Interessen eines jeden Bürgers vertreten und Ernst genommen werden. Wenigstens ist das in demokratischen Staaten die Grundmaxime. Ob sie wirklich eingehalten wird, das steht auf einem ganz anderen Blatt... an die Politik zu glauben ist schließlich genauso tödlich, als in der Religion zu "wissen". Nicht umsonst sind "Kirche und Staat" getrennt, die Grundfesten sind einfach zu unterschiedlich. Auf der anderen Seite (wenn man vom Grundsatz eines jeden Themas im Leben geht) hat alles seinen gleichen Ursprung.


Das gleiche Problem stellt sich, wenn man sich die Parteien und ihren Kampf um die Politikkrone ansieht. Es könnte doch alles so einfach sein: Politiker gehen in ihren Beruf, um das Volk möglichst befriedigend zu vertreten. Aber gleich dort tauchen die ersten Probleme auf: wo mehr als ein Mensch zusammenkommt, gibt es Streit, weil es unterschiedliche Meinungen gibt. Also vertreten unterschiedliche Politiker mit unterschiedlichen Grundsätzen unterschiedliche Schichten und Ansichten in der Bevölkerung. Und genau dafür gibt es das Parteiensystem, in dem sozusagen Politiker mit anderen Politikern beruflich verheiratet werden - es soll ja schließlich zusammenkommen, was zusammen gehört.

Aber wie in jeder vernünftigen guten Ehe der Neuzeit bleiben Scheidungen und Neuverheiratungen nicht aus. Deswegen geschieht oft auch ein politisches "Bäumchen wechsle dich!"-Spiel statt. Zugegeben, es kommt weitaus weniger häufig vor, dass ein Politiker seine Partei wechselt als sich ein Mensch von seinem Partner scheiden lässt. Es ist an diesem Punkt doch wieder der Vergleich zur Religion passend... schließlich gibt es auch nicht so viele Menschen, die ihre Religion im Laufe des Lebens wechseln. Eher sind sie mit der Zeit uninteressiert an ihrer eigenen Religion; so in etwa funktioniert es dann auch mit der Politik. Ein Politiker verlernt in seinem Leben auch die Fähigkeit, an seiner eigenen Politik wirklich interessiert zu sein.

Woran das liegen mag? Wahrscheinlich an der von Gandhi beschriebenen, siebten Todsünde der Modernen Welt: Politik ohne Prinzipien.

Wenn ein Mensch sich entschließt, in die Politik zu gehen, tut er das, weil er ein Ziel hat: er will die Welt verändern, verbessern und das Volk, zu dem er dazugehört, zufriedenstellen. Dieses Ziel eint alle, ob sie zum politisch rechten, linken, mitte-rechten oder mitte-linken Flügel gehören - oder ob sie von der FDP sind. Dass es unterschiedliche Meinungen gibt und unterschiedliche politische Ansichten, ist dabei so klar wie dass das Amen ein Gebet abschließt.

Inwieweit diese politischen Ansichten bei extrem-rechts oder links jetzt sinnig oder unsinnig sind ist gar nicht mal so sehr Teil dieser Diskussion. Eine Demokratie hat schließlich den Sinn und Nutzen, dass dort jeder seine Meinung frei äußern darf - auch wenn sie uns manchmal nicht gefallen dürfte. Das trifft dann auch auf die Politik von rechtsextremen Parteien zu: so wenig dem Großteil der Bevölkerung diese Meinungen und Weltansichten gefallen, es gibt Leute, die so etwas hören wollen, die sich durch Politiker rechtsradikaler Parteien würdig und gut vertreten fühlen. Diese Tatsache ist zwar für jeden freiheits- und gleichheitsliebenden Menschen traurig mit anzusehen, aber leider Teil des demokratischen Gedankens.

Wie gesagt, ich möchte jetzt nicht über Rechts oder Links diskutieren, viel mehr beschäftigt mich der Zeitpunkt, ab dem Politiker ihre Prinzipien verlieren. Zwar heißt die Todsünde "Politik ohne Prinzipien", aber für eine prinziplose Politik bedarf es Menschen, die bei der Sache mitmachen. Und passenderweise müssen das Politiker sein, denn nur die gestalten in erster Linie die Politik eines Landes. Aber wo verlieren sie ihn, ihren beruflichen Lebensweg, die Grundsätze, durch die sie in die Politik kamen?

Ein Mensch muss (trotz viel Wissen) an die Sache glauben, für die er sich einsetzt. Damit wären wir schon wieder bei einer Parallele zur Religion. Und schon wie Jesus, als er sich in die Wüste zurückzog um für 40 Tage und Nächte zu fasten, ist auch ein Politiker allerhand Verführungen ausgesetzt. Die Wirtschaft ernährt nicht nur uns alle, sondern auch die Politiker - zunächst über uns, die wir mit unseren Steuern die immer weiter steigenden Gehälter bezahlen, später durch hohe Positionen in Wirtschaftsbereichen oder großen und reichen Konzernen. Und nach Scharen von Politikern, deren politische Karrieren immer kürzer und die Positionen in wirtschaftlich lukrativen Unternehmen immer höher werden, ist man zwangsläufig der Frage ausgeliefert: hatten die Politiker überhaupt je Prinzipien?

Früher hatten sie sie. Das zeigt sich, wenn man sich mit der Geschichte der Politik befasst. Natürlich gab es auch Politiker, die gravierende Fehler gemacht haben und es gibt auch sehr dunkle Kapitel der Politikgeschichte. Doch gerade, als ich mir den Film "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" von Michael Moore angesehen habe, wurde mir klar, dass es revolutionäre Ideen in der Vergangenheit gab, die verworfen wurden und nie wieder eingeführt wurden. Und das trotz aller Bildung, die die Menschheit in der heutigen Zeit hat.
"Das Recht auf Arbeit für jeden Bürger!", "Das Recht auf Wohlstand!", "Das Recht auf Sicherheit"... sollten eigentlich in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika gegeben sein. Das Recht, dass der eigene Besitz nicht einfach von gierigen Banken unter fadenscheinigen Ausreden weggenommen werden kann. Doch das geschieht Tag für Tag. Seit der Bankenkrise im Jahr 2008 hat sich die gesamte Welt verändert, das Finanzsystem gilt nicht mehr als die Grundfeste, die unser Leben sicher steuert, die regelt, dass wir unser hart verdientes Geld anlegen können und einen utopisch hohen Gewinn durch Investitionen an der Börse oder Zinserträge aus Sparanlagen erreichen.

Die Bankenkrise 2008 hatte Befürchtungen erweckt, die sich heute bestätigen. Dass es nicht damit getan ist, die Banken durch milliardenschwere Hilfspakete zu retten, sondern dass mit der Zeit immer größere Probleme auf uns zukommen würden. Und gerade zeigt sich dies, in der Euro-Krise in Europa sowie in der Staatspleite in den USA, die am Montag noch kurz vor knapp abgewendet wurde. Zwar waren die Wohlstandsstaaten allzu bereit, die Banken durch großzügige Rettungspakete vor der absoluten Pleite zu bewahren, aber dass das umgekehrt genauso laufen würde war wohl eher Wunschdenken aller Nicht-Banker.

Des Pudels Kern wird in der Angelegenheit "Staatspleite in den USA" gesucht und ist so schnell gefunden: die Reform des Steuerrechtes wurde zu Gestalten versucht, zum Ableiten der Staatspleite und zum Wohl der gesamten Bevölkerung. Und an dieser Stelle merkte man im Streit zwischen Demokraten und Republikanern mal wieder, dass die Politiker entweder nie Prinzipien hatten oder auf ihrem Weg zur Macht verloren haben. Denn warum sonst wurde das Pokerspiel um die Reform derart lange ausgereizt, Interessen überreizt vertreten, Gegenvorschläge grundsätzlich abgelehnt - und das gegenseitig. Entweder die Demokraten wollten ein gerechteres Steuersystem mit Einbezug einer höheren Reichensteuer, das wiederum wurde mit Nachdruck von den Republikanern abgelehnt. Die wollten höhere Steuern, aber die 1% der Superreichen Amerikas mussten auf jeden Fall geschont werden.

Und die radikale Tea Party, eine Splitterbewegung, die aus der republikanischen Partei entstanden ist? Die war grundsätzlich gegen alles, egal was gesagt wurde. Selbst wenn die Demokraten gesagt hätten, die Sonne geht im Osten auf, die Tea Party hätte dem mit Nachdruck widersprochen. Wieso? Weil sie es kann, weil der Wähler sie in das Repräsentantenhaus gewählt hat, ohne zu wissen, was die Tea Party wirklich repräsentiert, wofür sie sich wirklich einsetzt... sie wurde aus Frust gewählt, Frust der Wähler über die Versprechen Obamas, dass der Wandel geschieht und den Frust über die Republikaner, die alles boykottieren aber in Wirklichkeit selbst kein besseres Rezept für Amerika haben. Vor allem aber die Tatsache, dass der "Beste amerikanische Präsident aller Zeiten", George W. Bush jun., das Land erst in diese tiefe Krise geritten hat mit unbändigen Geldausgaben für Kriegseinsätze mit absoluter Steuersenkung für die Superreichen obendrauf.

Bei George Dabbelju kann man allerdings sagen, dass der wohl nie wirklich Prinzipien hatte, was die Politik betraf. Dadurch fiel es ihm auch nicht schwer, die nicht vorhandenen Prinzipien bei jeder Gelegenheit über Bord zu werfen. Das Gewissen dem hart arbeitenden, an der Armutsgrenze lebenden Amerikaner gegenüber hatte er durch seine Zugehörigkeit zu den Republikanern nie gehabt, doch selbst für republikanische Verhältnisse stapelte George W. Bush sehr tief, indem er die Steuer für die Superreichen auf ein Minimum beschränkte und andererseits das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster des Weißen Hauses schmiss.

Macht's Obama nun besser? Wenigstens gibt er vor, Prinzipien zu haben. Und man glaubt es ihm, leider hat er so viel Gewissen und so viele Prinzipien, dass ihm das für Amerika hässliche Wort "Sozialist" angehaftet wird. Die Republikaner versuchten im Wahlkampf 2008 Obama als den neuen Karl Marx Amerikas abzustempeln, weil er sich für soziale Gerechtigkeit aussprach. Warum das nun etwas Schlimmes war, müssten mir die Republikaner erst einmal erklären... ach ja, richtig: weil Kapitalismus etwas Wunderbares ist! Das Recht, zu arbeiten und damit endlos reich zu werden...

Der Knackpunkt ist wohl gefunden: Politik ist heutzutage weltweit zu sehr mit Kapitalismus verknüpft! Egal, ob es sich um eine Demokratie oder eine Diktatur handelt, das Hauptbestreben von Politikern ist das Erreichen des höchstmöglichen Reichtums in kürzester Zeit. Obgleich die politische Macht eigentlich etwas Gutes an sich haben sollte: das Bestreben zur Zufriedenheit aller durch die Mitgestaltung in einem politischen System. Aber diese Befriedigung ist zu gering für Menschen, die kapitalverwöhnt sind, denn wer möchte schon die Dankbarkeit des Volkes für eine gelungene Politik? Das ist ja genauso, als wäre man ins Kloster gegangen, um sich seinem Nächsten in Barmherzigkeit zu widmen.

Nein, wer Politiker wird, will auch etwas davon haben. Und das ist immer früher der Fall. Dabei ist es auch inzwischen egal, ob die Politik das Volk/den Wähler zufriedenstellt, man kann es ja schließlich nicht jedem Recht machen. Also richten sich die Politiker immer mehr nach der Wirtschaft, Vorstandsvorsitzenden von Großkonzernen und Banken, die ihre Interessen wiederum am Besten vertreten wissen wollen. Wie hieß es in dem Film "Kapitalismus" noch? Es ist laut einem Referendum der Großbanken an ihre Aktieninhaber (sprich: dem 1% der Superreichen des Landes) unfair, dass jeder Bürger des Landes eine Stimme hat. Damit haben die Superreichen auch nur eine Stimme, auch wenn sie zusammen über mehr Kapital im Land verfügen als 90% der Restbevölkerung zusammen. Was eine Ungerechtigkeit! Gott sei Dank gibt es Politiker, die sich beeinflussen lassen vom blumig-sanften Geruch des Geldes. Dank diesen Politikern kommt die Gerechtigkeit zu den Superreichen zurück.

Wie das funktioniert? Ein Politiker mag dem Superreichen nicht eine Vollmacht für unbegrenzt viele Stimmen an der Wahlurne geben, dafür lässt er die Wirtschaftsbosse kräftig in der Politik mitmischen und sorgt dafür, dass Politikreformen immer so ausfallen, dass die Reichen als die Zufriedenen aus dem Reformkrieg hervorgehen. Steuererhöhungen gehen damit grundsätzlich an den Reichen vorbei, als Ausgleich dafür gibt es ein paar Erdnüsse in Form von minimalen Steuersenkungen für das Durchschnittsvolk, die dann wiederum dazu führen, dass die Staatskassen immer leerer werden. Das Staunen darüber ist groß - aber solange die Reichen nicht einsehen, dass sie geben müssten, um den Staatsapparat mit am Leben zu halten, wird sich nicht viel ändern.

Der Politiker, der jeweilig diese abenteuerlichen finanzpolitischen Beschlüsse fast, ist seinerzeit gar nicht lange genug im Amt, um ein Gewissen für seine eigene Politik zu gewinnen. Und damit bleiben die Prinzipien auch im unterbewussten Keller, wo sie hingehören. Prinzipien helfen nicht weiter, sie könnten nur helfen, eine gute Politik zu schaffen. Das Problem ist allerdings, dass eine gute Politik nicht nötig ist, um später in einer guten Wirtschaftsposition zu enden.

Bestes Beispiel und damit "Politiker der Woche" wäre in dieser Theorie Stefan Mappus. Der hatte in diesem Jahr bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg den CDU-Karren mächtig in den Kuhmist gefahren und für den revolutionären grün-roten Regierungswechsel gesorgt. Nach 58 Jahren politisch schwarzem Regieren in Baden-Württemberg war alles vorbei - aber nur, weil Stefan Mappus in Führungspositionen absolut unfähig ist, heißt das nicht, dass er jetzt arbeitslos enden sollte!

Genau deswegen wurde auch diese Woche bekannt, dass er in einer Führungsposition im Ausland für den Pharmakonzern Merck arbeiten wird. Und das wahrscheinlich nicht zum Nulltarif. Wie gesagt, kein Politiker geht ins Kloster und der Faktor Geld wird wohl dafür der ausschlaggebendste Grund dafür sein. Bemerkenswert ist wie gesagt nur, dass ein Normalo, der in seinem Beruf versagt, auf ewig gebranntmarkt sich durch die Arbeitswelt kämpfen darf. Ein Wirtschaftsboss oder Politiker kann dies immer wieder tun, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und wahrscheinlich wird dies auch munter weiter gehen, weil wer keine für ihn fatalen Konsequenzen zu befürchten hat, wird unvorsichtig und riskiert mehr, als er überblicken kann. Die Scherben auffegen bleibt dann dem unterbezahlten Bürger überlassen.

Damit bewegt sich die Sommerlochserie langsam aber sicher auf ihr Ende zu. Es gäbe noch viel mehr über die Politik und ihre Eigenarten zu schreiben, aber dafür gibt es noch so viele potenzielle Blogeinträge, dass es schon jetzt weh tun darf. Denn idiotisches Verhalten in der Politik stirbt nicht aus.

Ich bedanke mich in aller Form bei allen interessierten Lesern, die mit mir auf die Reise zu Gandhi's "Todsünden der Modernen Welt" mitgekommen sind. Es bleibt dann wohl nur die Hoffnung, dass die angesprochenen Themen nicht zu schnell in die Schublade des Vergessens geraten.

In diesem Sinne wünsche ich ein schönes Wochenende und die beruhigende Nachricht (vor allem für mich!), dass das TV-Sommerloch fast vorüber ist. Es besteht also Hoffnung, auch in vielen anderen Bereichen ;-) Bis zum nächsten Freitag!

LG Gene :-)

Freitag, 29. Juli 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 6. Tag: Samstagsreligion

Als ich letzte Woche meinen Eintrag schrieb, war gerade eine der schlimmsten Katastrophen bis jetzt in 2011 mitten im Gange. Zunächst war "nur" vom Bombenanschlag in einem norwegischen Regierungsgebäude in der Hauptstadt Oslo die Rede und erst in der Nacht las ich, was sich auf der Ferieninsel Utoya abgespielt hat. Wo dann danach hätte Schweigen herrschen sollen anhand dieser fassungslosen Tat, begannen wieder nur Diskussionen. Speziell, als bekannt wurde, dass der Täter Anders Behring Breivik sich zur rechtsextremen Szene hingezogen fühlt. Es scheint, als wiederhole sich die Geschichte, nicht nur im Hinblick auf Rechtsradikale, die Anschläge gegen ausländische Minderheiten verüben, sondern auch wenn man sich die Reaktion der Menschen ansieht. Es braucht irgendwie immer erst eine Katastrophe, bis Menschen anfangen über Probleme der Gesellschaft zu diskutieren. Oft frage ich mich, warum es erst 77 Tote braucht, bis man über eine Problematik nachdenkt... und dann stelle ich für mich selbst immer wieder fest, dass es sich doch viel besser macht, in einer Art "Nachbarschaftsgespräch" die Probleme der Welt zu diskutieren, solange diese Eisen noch heiß sind. Über Probleme, die unsichtbar wie ein Damoklesschwert über uns schweben, wird nicht gerne geredet - es ist ja nicht "in" oder "hip" genug.

"Hip" bin ich auch nicht unbedingt mit meiner Sommerlochserie, so sei es! Ich lebe wahrscheinlich in der begnadeten Situation, dass es mir egal ist. Aber so ganz den Bezug zur realen Wirklichkeit dieser Tage will ich ja nun auch nicht verlieren. Deswegen fand ich mein (mir selbst auferlegtes) Thema für diese Woche sowas von passend, dass es schon fast zu schön ist, um wahr zu sein. Womit ich letzte Woche noch so gekämpft habe, scheint in dieser Woche gute Steilvorlagen zu bieten. Aber ich will den "Samstag"-Morgen nicht vor dem Abend loben.

Am Wochenende der Sündenwoche steht mit dem Samstag zunächst einmal die Gewissheit, die harte Sündenarbeitswoche überlebt zu haben, mit allen ihren Schikanen, vom Reichtum über den Genuss, das Wissen, das Geschäft und schließlich die Wissenschaft. Nun direkt hinter dem Eingangstor des Wochenendes steht die Religion. Gandhi's sechste Todsünde der Modernen Welt nennt sich "Religion ohne Opferbereitschaft". Passender geht es nicht!

Wenn man an die Geschehnisse vergangenen Freitag in Norwegen denkt wich dem Schock das blanke Unverständnis für eine Tat, in der der Täter weder sich selbst zum Schluss richtet noch irgendwelche Reue für das zeigt, was er da angerichtet hat. Ein Mann "im besten Alter" mit der Kraft zu errichten, zu schaffen, zu wirtschaften - und diese dann nutzt, um zu zerstören, zu töten und grenzenloses Leid zu bringen. Doch für eine Sache hat er dann doch seine Kraft noch aufgewendet: ein rund 1500-seitiges Manifest zu schreiben, um seinem Narzissmus den Raum zu geben, einen Sockel für sein eigenes Denkmal zu errichten. Vor einiger Zeit schrieb ich einen Blogeintrag zum Thema "Narzissmus" (hier um genau zu sein) und erntete dafür viel Kritik und die Meinung einiger Leute, dass es mit dem Narzissmus gar nicht so schlimm in unserer Gesellschaft steht. Nach den Vorfällen dieser Woche mögen diese Meinungen sich zwar immer noch nicht geändert haben, allerdings merkt man doch, dass die Dimension des Narzissmus eine neue, erweiterte Form angenommen hat.

Seine Tat rechtfertigt Anders Behring Breivik mit der Begründung, er müsse die Welt retten. Wahrscheinlich meinte er damit (wie die meisten größenwahnsinnigen Genies dieser Erde) seine eigene Welt, nicht den Planeten Erde allgemein. Man muss inzwischen erschrecken vor dem, was ein Mensch in der Lage ist zu tun. Welche Geisteshaltung er annehmen kann, in welche mentalen Sackgassen er sich begeben kann in der festen Überzeugung, das Richtige zu tun.

Zu allen Zeiten brauchte der Mensch etwas, an das er glauben konnte. Immer dann, wenn er Phänomene des Lebens nicht erklären konnte, war da der Glauben, der vieles rechtfertigte. Und vor Jahrtausenden sind in verschiedenen Ecken der Erde daraus die sogenannten Weltreligionen entstanden: Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Jede dieser Relgionen ist im Kern gleich, sagt das Gleiche aus und will den Menschen auch das Gleiche vermitteln, nur werden dafür ganz verschiedene Philosophien und Theorien in die Welt gesetzt, die keiner wirklich wissenschaftlich beweisen kann, die aber irgendwo doch ihre Gültigkeit und Richtigkeit zu haben scheinen.
Religion ist über die ganze Zeit immer gültig, egal wohin wir gehen, egal, wie wir uns weiterentwickeln. Wo Bildung ist, wo eine Gesellschaft ist und wo Logik vorherrscht, braucht es auch etwas, an das wir uns klammern können am Ende des Tages, das uns durch unser Leben begleitet, unerschütterlich bis zum Ende unseres Lebens.

Doch nie haben wir die Religion so sehr in Frage gestellt wie heute. In einer Zeit, in der wir uns technisch und karrieretechnisch immer weiterentwickeln, in der das Geld und der Erfolg immer wichtiger werden, ist die Philosophie über das "woher komme ich und wohin gehe ich?" in den Hintergrund gerückt. Wenn wir uns diese Fragen inzwischen stellen, geht es nur um die Karriere oder unseren Lebensraum im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit oder die weite Zukunft, wenn wir nicht mehr auf diesem Planeten verweilen werden, sind scheinbar unwichtig geworden. Religion ist den meisten Menschen anscheinend absolut unwichtig geworden, es ist gar uncool, überhaupt noch über religiöse Zugehörigkeit zu sprechen.

Wer die Menschheit wirklich analysiert und kennt, der weiß aber auch, dass es zu jeder Bewegung eine Gegenbewegung gibt (oder besser gesagt geben muss!). Das ist eine Möglichkeit, religiösen Fanatismus zu erklären. Wie den des Anders Behring Breivik, der in seinem übersteigerten Religionswahn glaubt, nur gläubige Christen und Weiße hätten ein Recht auf Überleben. Vielleicht hat sich sein religiöser Fanatismus aber auch nur aus den Schreckensmeldungen der letzten zehn Jahre entwickelt: spätestens seit dem 11. September 2001 ist die Welt beherrscht vom Gedanken des terroristischen Islam, den Moslems, die in ihrem religiösen Wahn nur Tod und Leid über die Menschheit bringen wollen.

Dieses Bild hat sich leider in vielen Köpfen so festgesetzt, dass wir hinter jedem nordafrikanischen oder ostasiatischem Gesicht (hellhäutig bis mittelbraun, braune Augen, schwarze Haare) mit langem Bart einen Terroristen vermuten. Klar, das Böse ist allgemein ja auch immer dunkel, schon in der Religion. Im Christentum sind die Engel ja auch immer blond und blauäugig, der Teufel hingegen ist von dunkler Gestalt. Und da keiner der Laien irgendetwas über den Islam weiß, ist dieser auch schnell verteufelt.

Noch leichter wird die Sache allein dadurch, dass alles, was wir über den Islam wissen, nur mit negativen Bildern behaftet ist: Terroranschläge "im Namen des Islam", Akte gegen die Gleichberechtigung "im Namen des Islam", Mord und Totschlag "im Namen des Islam". Nur die, die selbst Moslem sind und nicht diese Taten verüben oder gutheißen wissen, dass der Islam vieles, aber nicht das bedeutet, was die Taten von 9/11 oder anderen Anschlägen repräsentieren.

Dabei müssten die Christen doch schlauer sein, als an den Islam als Terrorreligion zu glauben. Auch das Christentum hat über die Jahrtausende viele Leichen im Keller - und keine dieser Leichen ist auf eine schönere oder ehrenwertere Weise zustande gekommen. Sie entstanden auch aus religiösem Fanatismus heraus. Genau wie die Leichen von hinduistischen Fanatikern in Indien, die Moslems und Christen verfolgen und töten - oder auch umgekehrt. Eigentlich ist der "Totentanz der Religionen" ein munterer Ringelreihen der Kulturen, Weltanschauungen und "Was machen wir alle vor der Geburt und nach dem Tod"-Philosophen. So schön Religion ist, so gefährlich ist sie eben auch.

Wenn der Mensch allgemein einen großen Fehler begeht, dann ist es zu denken, dass sein Glaube und seine Weltanschauung nicht nur zu 100% richtig, sondern so richtig sind, dass nur sie auf jeden anderen Menschen passt. Und daraus resultiert zum Teil auch religiöser Fanatismus. Immer dann, wenn ein Mensch nicht nur meint, die geeignete Religion für sich gefunden zu haben, sondern behauptet, diese Religion passt auf alle knapp 7 Milliarden Erdenbürger.
Dabei sollten wir es doch alle besser wissen! Das klappt schließlich schon nicht in der Politik - und das ist etwas, bei dem es nicht auf "Gut Glück und viel Hoffnung" ankommt wie in der Religion. Die Ergebnisse einer Politik sind messbar, einschätzbar und man weiß immer, was die Politik tut - der Glaube ist im Politikgeschäft fehl am Platze. Trotzdem können wir uns nicht weltweit auf eine Partei, eine Regierungsform einigen, die das gesamte Erdenschiff schaukelt. Und wie soll das dann mit einer einzigen Religion funktionieren? Etwas, das so fragil ist wie eine Seifenblase, gestützt auf dem Glauben, dem "vielleicht ist es so, ich weiß es nicht, aber ich glaube daran"-Gefühl im Bauchraum, im Kopf und im Herzen.

Witzig wird die Religion erst, wenn man sie in ihre Einzelteile zerpflückt, verschiedene Prophetengeschichten unter die Lupe nimmt und feststellt, dass dort so einiges nicht wahr sein kann. Vor allem wird die Religion aber witzig, wenn in heiligen Schriften steht, dass Gott keine Gotteshäuser errichtet haben möchte und man an ihn auch ohne große Rituale glauben kann, aber jeder gute Christ meint, einmal wöchentlich (vorzugsweise sonntags) in die Kirche laufen zu müssen. Oder wenn Moslems darauf bestehen, dass es mehr und immer mehr Moscheen in Deutschland gibt. Wozu? Wenn man glaubt, kann man doch überall glauben, das hat Gott doch über seine Propheten der Menschheit mitteilen lassen. Warum braucht es dann Moscheen, Kirchen, Tempel etc., die den Propheten und Gott/Allah oder wem auch immer huldigen? Wird ein Mensch wirklich besser, wenn er einmal pro Woche in die Kirche geht? Was hat der Gläubige von diesem Ritual?

Oder geht es um die Ordnung, die ein jeder Mensch in seinem Leben braucht? Die Orientierung, wie etwas abzulaufen hat, wie lange ein Prozess dauern darf, wo er stattfindet, in welcher Reihenfolge er stattfindet etc. scheint uns allen verdammt wichtig zu sein. Als hätten wir sonst Angst, im luftleeren Raum zu schweben. Dinge, die nicht nach bestimmten Regeln ablaufen, sind uns suspekt. Wie Religionen, die wir nicht kennen - oder politische Systeme, die wir nicht verstehen.

Gandhi sprach von der Opferbereitschaft in der Religion, die jeder gläubige Mensch braucht. Nun, er meinte bestimmt nicht das, was Anders Behring Breivik letzte Woche getan hat. Mit "Opferbereitschaft" ist nicht gemeint, andere für seine Ideale zu opfern.... allerdings sind Selbstmordattentäter mit ihrem Selbstmord auf der genauso falschen Spur. Sich selbst und damit andere zu töten hat auch nichts mit religiöser Opferbereitschaft zu tun. Indem Gandhi dies ansprach, mahnte er vielmehr zum Verzicht für den Glauben, die Fähigkeit, Dinge zu lassen und selbst auch mal den Kürzeren zu ziehen im Rennen um die Spitze der Weltherrschaft.

Das Machtstreben ist keine neue Tugend, sie zieht sich durch sämtliche Zeit- und Raumschichten der menschlichen Existenz. Und doch steht dieses Machtstreben in absolutem Gegensatz zu dem, was wir mit unserer Religion eigentlich repräsentieren. Wir wollen Menschen sein, die einen Glauben haben, wertvolle Menschen, die alles tun, um die Anerkennung der göttlichen Allmacht zu bekommen. Gleichzeitig wissen wir, dass in sämtlichen religiösen Schriften zwar die eigene Entfaltung, gleichzeitig aber auch die Bescheidenheit als höchste Tugend gemahnt wird. Und trotz dieses Wissens sind wir nur danach bestrebt, im egoistischen Erfolgsbad zu schwimmen.

Der Weg zur Religion ist der zum Verzicht. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund, warum religiöser Fanatismus nicht funktioniert. Im religiösen Fanatismus (sei er jetzt basierend auf islamistischen, christlichen oder hinduistischen Schriften) geht es nie um den Verzicht, es geht nie um Bescheidenheit und es geht auch nie um Brüderlichkeit. Religiöse Fanatisten sehen sich - sich ganz allein und keinen neben sich. Sie wollen die Welt beherrschen, wollen, dass alle das glauben, was sie selbst glauben und sehen die eine, ultimative Wahrheit in ihrem eigenen Glauben. Das wiederum widerspricht komplett den Grundfesten des Glaubens und eigentlich sind Religionsfanatiker das, was sie allen anderen unterstellen: Gotteslästerer, die ihre "Religion" darauf begründen, dass Gott nur sie liebt, weil sie sind, wie sie sind.

Ähnlich muss auch Anders Behring Breivik denken. Seine Taten waren richtig und gut - und wenn das nur in seinem Kopf so ist, so ist es trotzdem immer noch richtig, zumindest für ihn selbst. Die Welt um ihn herum existiert seit langer Zeit anscheinend nicht mehr. Wer ein 1500seitiges Manifest schreibt und 9 Jahre an einer Tat arbeitet, die nur Leid und Tod bringt, 77 Menschen das Leben kostet und ein ganzes Land in Schock versetzt, kann kein Gläubiger sein, der Brüderlichkeit und Frieden vertritt. Und er kann niemand sein, der die "Gesetze" oder "Philosophien" Gottes verstanden hat.

Die Religion hat schlussendlich einen großen Haken, der so groß ist, dass sogar ein Weißer Hai daran ersticken würde: Religion ist (trotz der Tatsache, dass sie Gott vertreten soll) nicht von ihm/ihr oder Es höchstpersönlich verfasst! In jeder Religion gibt es "nur" Vertreter, Propheten, die das "Wort Gottes" verbreiten... allerdings gibt es keine Schrift, die von Gott persönlich verfasst worden wäre. Und damit sind religiöse Schriften frei interpretierbar von dem, der sie liest. Jeder Mensch, der die Bibel, den Koran oder eine andere "heilige Schrift" liest, kann das Gelesene so auslegen, wie er es gerne möchte (mit Ausnahme von ein paar unumstößlichen Vorschriften). Aber genau das macht die Religion so angreifbar: wenn ein Mensch entscheidet, seine Interpretation den Massen zugänglich zu machen und damit Anhänger für seine Interpretation findet, wird er früher oder später durch seine Verbiegung der heiligen Schriften dazu beitragen, religiösem Fanatismus den Nährboden zu geben.

Erst, wenn die Menschen verstehen, dass Religion vom Menschen geschaffen und geprägt wird, kann er sich mit offenem Geist bewusst werden, was wahrhaftig ist und was nicht. Ein Mensch, der meint, mit regelmäßigen Besuchen in der Kirche seine Pflicht Gott und dem Nachbarn gegenüber erfüllt zu haben, liegt gewaltig daneben. Religion braucht die Opferbereitschaft, zu geben und zu teilen, die Brüderlichkeit zu akzeptieren und zu respektieren - so wie jeder Prophet es in seinen Schriften zu vermitteln versucht hat.

Menschen, die wahrhaft ihr Leben der Religion verschrieben haben, praktizieren den Verzicht und die Brüderlichkeit, ohne etwas für ihr eigenes Leben abzuverlangen. Es geht nicht um Ruhm, darum in die Geschichte einzugehen (egal ob negativ oder positiv) oder um eine große Menge Geld. Es geht um Seelenfrieden - was nach dem Weg der Ungewissheit das Ziel jeder Religion darstellt. Geistige Erfüllung und damit verbundenen Seelenfrieden - das kann keine Waffen bewirken und kein Blutvergießen.

Da wir allerdings in einer Welt mit fünf verschiedenen Weltreligionen und wahrscheinlich tausenden kleiner "Splitterreligionen" leben, wird der "Krieg der Religionen" noch lange weitergehen. Der "heilige Krieg", das Unterdrücken anderer Meinungen zum Begünstigen der Meinung von ein paar Männern, die in den Bergen irgendwo im Kaschmirgebiet leben. Wenn man genau darüber nachdenkt, wurden die Religionen nicht nur vom Menschen statt von Gott gemacht, sie wurden auch allesamt von Männern gemacht. Aber diese Bemerkung soll natürlich nicht heißen, dass Frauen eine bessere Religion entwickeln könnten. Wo verschiedene Meinungen aufeinanderprallen, wird es immer dazu kommen, dass nicht alle Sehnsüchte und Wünsche erfüllt werden.

Doch das Leben ist bekanntermaßen kein Wunschkonzert - und die Sündenwoche damit unaufhaltsam fast zu Ende. Es bleibt mir nur (bevor ich mich ins Wochenende verabschiede) mein tiefes Mitgefühl mit den Familien der Opfer mitzuteilen (auch wenn diese es wahrscheinlich nie lesen werden!). Und darauf aufmerksam zu machen, dass Religion im Kopf und Herzen beginnt - das sollte sich jeder vor Augen führen, wenn er das nächste Mal aus dem Haus geht und die Macht und das Geld vor die Menschlichkeit oder Brüderlichkeit stellt.

In diesem Sinne, ein schönes Wochenende an alle Leser - und bis zum nächsten Freitag!

LG Gene :-)

PS: Ich möchte (neben all der Trauer und dem Schock wegen Norwegen) nochmal auf die Hungerkatastrophe in Ostafrika aufmerksam machen. Alle 6 Minuten stirbt dort ein Kind zur Zeit an Hunger. Damit sind während der Zeit, in der ich diesen Blog geschrieben habe (etwas länger als sonst) 24 Kinder gestorben.

Um diesem Leid ein Ende zu setzen, bleibt nur eine Geldspende und die Hoffnung, das möglichst viel von ihr davon als Lebensmittelgüter in den betroffenen Gebieten ankommt. Für alle Interessierten hier einige Links:

Aktion-Deutschland hilft

Welthungerhilfe

MISEREOR

UNO-Flüchtlingshilfe

UNICEF

Freitag, 22. Juli 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 5. Tag: Freitagswissenschaft

Weiter in der Wochenserie zum Thema Gandhi's Versuch, der Welt die Todsünden der Modernen Welt näherzubringen. Ganz ehrlich, zu dem Thema "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" hatte ich die meisten Probleme, mir wirklich Gedanken zu machen. Es gibt zur Zeit einfach zu viele Dinge, die weit entfernt von der Wissenschaft stattfinden. Und bereits letzte Woche war mir das Thema "Hungersnot in Ostafrika" einfach viel wichtiger.

Doch ähnlich wie oft die Wissenschaft in den unterschiedlichsten Belangen bin ich mit meinem Blogthema letzte Woche an die Grenzen gestoßen. Es scheint die Menschen nur sehr wenig zu interessieren, was sich in dieser Region abspielt. Man bekommt das Gefühl, die Menschen können gut zusehen, wie kleine Kinder an Hunger und Durst sterben. Die Hilfen kommen viel zu langsam in Gang, schlimmer noch, eigentlich sind die Medien verantwortlich, denn die haben es vorher nicht für nötig gehalten, darüber zu berichten. Die Warnungen der Vereinten Nationen in der Dringlichkeitsform kommen ebenfalls viel zu spät. Es scheint als würde erst über ein Thema gesprochen, wenn es dringlich genug ist, wenn das Fass schon bei Weitem am Überlaufen ist. Damit ist das Reden über Probleme doch sehr verwandt mit der Wissenschaft, denn diese befasst sich auch erst in intensivster Form mit einem Problem, wenn es längst in unser aller Wohnzimmer beim Kaffeetrinken sitzen.

Nun, ganz so ungerecht darf man der Wissenschaft gegenüber nicht sein, sie setzt sich über Jahre dafür ein, dass Lösungen gegen bestimmte Krankheiten gefunden werden. Doch Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft und nicht jede Wissenschaft arbeitet im Interesse des Menschen.

Die Wissenschaft allgemein gliedert sich auf in viele verschiedene Bereiche, von der Chemie über die Physik, die Medizin oder auch die Wirtschaft. Ja, über's Geld zu philosophieren ist auch eine Wissenschaft. Es müssen Lösungen gefunden werden für bestimmte Wirtschaftsstrukturen, wie zum Beispiel gerade mit der Euro-Krise, in der wir alle bis zum Hals mit drin stecken.
Auf der anderen Seite gibt es Mediziner, die an der Heilung von bisher unheilbaren Krankheiten forschen: Krebs, AIDS, Alzheimer... in jahrelangen und endlosen wirkenden Studien mit Experimenten und Pharmaversuchen versuchen die Forscher nicht nur die Ursache der Erkrankungen zu entschlüsseln, sondern auch ein Gegenmittel zur Heilung dieser Kranheiten zu finden.

Und dafür sind die Menschen insgeheim den Forschern unendlich dankbar. Kaum auszudenken wäre ein Welt, in der fast jeder durch eine schwere Grippe dem Tode geweiht wäre. Wie gut ist es da doch, dass hochbezahlte Wissenschaftler an der Entschlüsselung und Heilung von Krankheiten arbeiten. Wirklich? Ist das alles nur gut?

Wissenschaft hat (wenn man sie näher betrachtet) wenig mit Herzensgüte oder Brüderlichkeit zu tun. Wer als Wissenschaftler arbeitet, dem geht es in erster Linie darum, in einen Wettbewerb mit anderen Wissenschaftlern zu treten. Und dieser Wettbewerb dreht sich zunächst um Forschungsgelder, die von allen möglichen Sponsoren ergattert werden wollen, damit Thesen, die von dem Wissenschaftler aufgestellt wurden, in Studien geprüft und gegebenenfalls bestätigt werden können. Also gleichen sich Wissenschaftler und Politiker enorm, denn beide müssen erst einmal fleißig bei Leuten positiv in Erscheinung treten, damit sie gesponsert werden. Die Arbeit, die danach auf Wissenschaftler oder Politiker wartet, unterscheidet sich allerdings gewaltig.

Ein Politiker hat den entscheidenden Vorteil, dass er die Thesen, die er aufstellt, nicht beweisen muss. Wenn ein Wissenschaftler aber etwas behauptet, muss er das auch beweisen können. Und selbst WENN er das kann, heißt das noch lange nicht, dass der Beweis wirklich einer ultimativen Wahrheit entspricht. In Studien wird behauptet, Butter sei ungesund wegen Cholesterin, damit dann in der nächsten Studie behauptet wird, Butter sei doch weit ungefährlicher für das Herz-/Kreislaufsystem als vorher angenommen. Das ist nur ein Beispiel für die Fehlbarkeit der Wissenschaft, zugegebenermaßen kein glänzendes, aber es ist immerhin ein Beispiel dafür, dass alles, was man erforschen kann, nicht unbedingt richtig ist.

Thesen werden geschaffen, um be- oder widerlegt zu werden. Diese Vorgehensweise hilft uns Menschen, Wissen zu erlangen und damit Erfahrungen zu sammeln. Und sie wird in allen Sparten des Lebens angewandt, in den persönlichen wie den öffentlichen. Doch die Wissenschaft ist keine Maschinerie, die individuell agiert, sie befasst sich mit Menschenmassen und deren Bedürfnissen. Gilt genauso für die Wirtschaftswissenschaft, die flächendeckend die finanziellen Bedürfnisse einer Gesellschaft beurteilt wie für die Mediziner, die forschen, um für eine Vielzahl von Menschen dienlich zu sein. Ob es dabei um eine Krankheit oder eine neue Hautcreme geht, spielt dabei so gut wie keine Rolle.

Das gravierendste Problem an der Wissenschaft ist schlussendlich wohl nur das der Unmenschlichkeit. Es geht nie um einen einzelnen Menschen, dem geholfen werden muss, es geht darum, ein Problem flächendeckend zu lösen. Das Hauptmotiv für diese Denkweise bei den Wissenschaftlern liegt wohl weniger im Gutmenschtum, dass die Wissenschaftler umgibt, sondern eher um den Ruhm, der am Ende harter Studien und Forschungen bei erfolgreichen Ergebnissen auf sie wartet. Der Forscher ist damit dann wohl, was das "It-Girl" für die Promiszene ist: keiner weiß so wirklich, was er geleistet hat, aber meine Güte, wir lieben ihn dafür!

Ganz so hart darf man die Arbeit von Forschern natürlich nicht sehen, gerade wenn man sich die Werbung anguckt. "Forschung ist die beste Medizin", so heißt der Slogan einer Werbekampagne, in der vorgeführt wird, wie wichtig die Forschung für die Menschheit ist. Wenn man Ghandi's Todsünde "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" mal aufs Korn nimmt, entdeckt man einige Dinge, die an der vermeintlich gutmenschlichen Wissenschaft falsch laufen.

Ein Punkt dabei ist (wie eigentlich immer im Leben!) das Geld. Forschung besteht in erster Linie aus Geld, es geht um Sponsoren, die Studien finanzieren, es geht in der Pharmaindustrie später um die möglichst lukrative Vermarktung von Medikamenten und es geht um immer höher dotierte Verträge für die Wissenschaftler. Nicht nur Politiker wissen, wie sie sich meistbietend verkaufen können, Wissenschaftler stehen dem nämlich in nichts nach.
Man kann davon ausgehen, dass Wissenschaftler ihren Beruf anfangs aus edlen, brüderlichen Motiven wählen. Aber am Ende des Tages entscheidet immer noch das Geld, wer den Zuschlag für was bekommt - warum er das tut, ist eigentlich egal, Hauptsache es springt genug Geld dabei heraus.

Dramatisch ist diese Entwicklung immer dann, wenn Forschung wichtig für das Überleben eines Menschen ist. Sichtbar wird dies vor allem in der Forschung rund um die schlimmste Krankheit der Neuzeit: AIDS, die Krankheit, die nun seit mehr als 30 Jahren ihr Unwesen treibt, auch weitreichend bekannt ist und zum Hauptthema jedes Sexualkundekurses gehört (oder zumindest gehören sollte). Forscher beschäftigen sich seitdem mit dem Thema HIV-Infizierung und wie man den Virus bekämpfen kann mit einer Akribie und Leidenschaft, die ihresgleichen sucht.

Ganz erfolglos ist man im Kampf gegen den HI-Virus ja nicht, immerhin hat man schon einige medikamentöse Therapien entwickelt, die helfen, das Leben der Infizierten erheblich zu verlängern. So gut sogar, dass HIV nicht mehr zwangsläufig ein Todesurteil sein muss. Dies gilt allerdings nur für diejenigen, die krankenversichert sind und in westlichen Wohlstandsstaaten leben. Denn die Pharmaindustrie, die die Mittel vertreibt, die entwickelt wurden im Kampf gegen den HI-Virus, wollen teuer verkauft werden. Immerhin hat die Industrie viel Geld in die Studien und Forschungen gesteckt, die liefen, um die Medikamente zu testen und als wirksam zu etablieren.

Warum sollten also die hiesigen Pharmakonzerne die gleichen Medikamente, die sie für Tausende von Euros dem versicherten Wohlstandsbürger verkaufen können, kostenlos an afrikanische HIV-Infizierte weitergeben, damit dort nicht die Menschen an dem Virus wie die Fliegen wegsterben? Alles im Leben ist ein Geschäft, auch die Gesundheit. Das würde mir jetzt jeder Pharmavertreter sagen. Moralische Bedenken werden im Namen des Geldes da gerne weggewischt.

Gandhi hatte wohl recht, wenn er die "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" als Todsünde bezeichnete. Immerhin soll Wissenschaft den Menschen doch nutzen und nicht schaden. Und trotzdem steht zwischen dem Menschen und dem Nutzen der Wissenschaft immer wieder das Geld. Wenn du kein Geld hast, wirst du nicht (oder nur sehr unzureichend) behandelt.

Übrigens nicht nur in Afrika, bei denen es schlichtweg an genug Medizinkapazitäten fehlt. Lange schon wird die deutsche Gesundheitsreform kritisiert, der Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatienten, die länger auf einen Arzttermin allgemein und dann länger im Wartezimmer warten müssen, damit sie im Ende die schlechtere Behandlung erfahren und mit billigeren und eventuell weniger wirksamen Medikamenten abgespeist werden.

Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch: dort, wo eigentlich kein Geld investiert werden müsste, wird munter draufloskassiert. Ob es jetzt um unnötige Röntgenaufnahmen geht oder Medikamente, die man komplett selbst bezahlen soll und die im Ende nichts wirken... der Gesundheitsapparat im Ganzen und die Pharmaindustrie als großes Rädchen im Getriebe wissen, wie sie sich am Leben erhalten sollen. Im Ende gibt es wohl nur den Trost der Pharmaindustrie, dass neben hohen Managergehältern und sinnlosem Geldausgeben für Werbekampagnen der Rest wieder an die Forschung geht. Und damit geht das muntere Untersuchen an den Ursachen und der Bekämpfungen von Erkrankungen von vorne los.

Sicher ist das eine gute Sache, keiner bestreitet, dass Forschung und Medizin wichtig sind, wenn man eine Welt haben will, in der jeder überlebt und wo Überbevölkerung herrscht. Katastrophen wie die Pest oder ein Massensterben durch einen Virus wären schier undenkbar in unserer heutigen Zeit und wenn dann mal eine Krankheit auftaucht, die gefährlich werden könnte (sprich: Vogelgrippe, Schweinegrippe oder EHEC diesen Sommer!) bricht sofort Massenpanik aus. Wir sehen uns alle schon auf dem Sterbebett - bis es zwei Tage später Entwarnung gibt, weil wir doch einen Impfstoff gegen die Krankheit haben oder einen anderen Weg finden, die Krankheit einzudämmen.

Gute Sache, wenn dadurch die Weltbevölkerung immer weiter steigen kann, bei immer weniger Platz auf dem Planeten Erde, der immer mehr umwelttechnisch zerstört wird... nun, ich hör schon auf mit dem Sarkasmus!

Wahrscheinlich wollte Gandhi mit dieser Todsünde nur darauf aufmerksam machen, dass der Mensch bei der Wissenschaft im Vordergrund stehen sollte. Und zwar nicht der Forscher als Mensch, der viel Geld verdienen wird, sondern jeder einzelne Mensch, der von einer Forschung profitieren könnte. Forschung soll nutzen, nie schaden - und ein Forscher sollte sich in einem Ethos nie über die Menschlichkeit hinwegsetzen in der blinden Hatz auf Geld und Ruhm. Doch dieses Problem haben im Ende nicht nur Forscher und Wissenschaftler - viele Menschen vergessen über den Überlebensdrang (und die damit verbundene Geldgier) die Menschlichkeit. Nicht nur Menschen mit Verantwortung, nicht nur Politiker, Wissenschaftler, Banker... sondern schlichtweg jeder, du und ich eingeschlossen.

Mit diesen Worten verabschiede ich mich von meinen Lesern für diese Woche. Ich bin ehrlich, dieses Thema war für mich das schwierigste in der Sündenreihe, denn es gibt so viele andere Dinge, die in meinem Kopf aus aktuellem Anlass umherschwirren. Wir hoffen deswegen alle auf Besserung für die nächste Woche.

Ein schönes Wochenende an alle und bis zum nächsten Freitag!

LG Gene :-)

Freitag, 8. Juli 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 4. Tag: Donnerstagsgeschäft

Die Sommerzeit hat (neben all ihren Annehmlichkeiten) so ihre Tücken. Dies ist wohl eine simple Feststellung, die sich für mich in den letzten Wochen wieder einmal bewahrheitet hat. Nicht, dass ich das gute Wetter verfluche oder die warmen Temperaturen (wobei es einigen ja immer noch nicht heiß genug ist)... die Tücken des Sommers liegen wohl an ganz anderer Stelle. Wenn nämlich nicht nur die Temperaturen, sondern auch das Gemüt der Menschen überkocht. Ob das nun an den warmen Außentemperaturen liegen mag, ist mir persönlich ein Rätsel.
Doch genau dieses Überkochen an Emotionen hat mich nachdenklich gemacht, ein Zögern in mir geschaffen mit der Frage: "Warum mache ich das hier eigentlich?"

Nein, ich zweifle nicht an der Art, wie ich schreibe oder was ich schreibe. Viel mehr zweifle ich daran, wieviel (und vor allem WAS) in den Köpfen der Menschen hängenbleibt. Wenn es in Kommentaren zu wichtigen Blogthemen (gerade, wenn es um Umwelt geht) nur darum geht, warum ich wann "dass" statt "das" schreibe, oder ob es "im Ende" statt "am Ende" heißt (oder doch vielleicht "ums Ende herum"?). Vielleicht geht es dabei nur darum, mich besser zu machen, womit ich mich dann fast wie eine 4jährige Eliteschülerin fühlen darf. "Das Genie muss schließlich zu 100% perfekt sein!"
Genau an diesem Punkt kommen mir dann die Gedanken: muss ich überhaupt perfekt sein? Muss ein Text, den ich ganz ohne technische Rechtschreibhilfen innerhalb von maximal 90 Minuten schreibe, wirklich einwandfrei in der Rechtschreibung sein? Muss ich damit wirklich sogar über Zeitungen stehen, die stundenlang geschrieben, gesetzt, Korrektur gelesen und dann gedruckt werden und trotzdem Rechtschreibfehler enthalten?

Diese Fragen gebe ich nun an jeden Leser weiter, bevor er sich von diesem ganzen Eintrag nur die gravierenden, tödlichen Rechtschreibfehler merkt, statt sich auf das Kernthema zu konzentrieren.

Und damit weg vom persönlichen "Wort zum Sonntag" und hin zur Sündenwoche. Gandhi's Ansichten teilen sich in diesem Blog sozusagen in der Mitte, denn es kommt hier zum 4. von 7 Todsünden der Modernen Welt. Und bevor aus dem Titel dieses Blogeintrags jemand etwas Zweideutiges ersehen will, erstmal Stop! Es mag sein, dass das, was man manchmal nach der Verdauung als Endprodukt zurücklässt, vornehm als "Geschäft" bezeichnet wird. Doch bei dem hier behandelten Geschäft geht es ausschließlich um den Handel, nicht um die Verdauung. Außerdem geht es um Moral... Moment, um was? Nun gut, es wird jetzt nicht so schlimm mit der Gesellschaft stehen, dass keiner mehr weiß, was Moral ist.... oder doch?

Zumindest hat die "Moral" einen sehr negativen Ruf. Ob das an der Religion liegt, die immer von "Moral" spricht oder ob es einfach eine sehr veraltete Tugend ist, die man eher in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts sieht als im modernen 2011? Man kann's nicht sagen, doch die Moral gilt immer als etwas, dass der Menschheit potenziell "den Spaß verdirbt". Als Begriffserklärung wird neben der Moral auch die "Sitte" erwähnt und spätestens bei dem Begriff sieht jeder steife Hemdkragen und eingeklemmte Gemüter vor sich.

Wie es in der Religion "Himmel und Hölle" gibt, so gibt es neben der Moral auch die Unmoral. Meist wird dann auch die Moral mit etwas Gutem, fast Himmlischen gleichgesetzt und die Unmoral mit dem passenden Gegenstück. Ein "unmoralisches Angebot" ist dann auch schon der Grundbegriff für ein "Geschäft ohne Moral", denn nicht nur seit dem gleichnamigen Film mit Robert Redford und Demi Moore wissen wir, dass es sich bei einem solchen Angebot um nichts handelt, dass die Sittenwächter erfreuen dürfte.

Doch ein "unmoralisches Angebot" schließt nicht unbedingt die Klausel "Sex gegen Geld" ein. Es geht auch anders (und Demi Moore muss auch nicht darin verwickelt sein). Das zeigen unter anderem auch die Nachrichten in dieser Woche.

Das Entsetzen war groß, als bekannt wurde, dass die Regierung plant, 200 Kampfpanzer nach Saudi-Arabien zu schicken. Die Opposition wettert heftig dagegen und wird damit zum Moralapostel, den eigentlich die spielen sollten, die die Regierung führen. Doch die sehen sich in keinster Weise schuldig, schweigen hartnäckig zu den Plänen unter dem Credo "Geheimhaltung" und werden wahrscheinlich bereits Ende des Sommers mit Testlieferungen beginnen. Was diesen Deal so unmoralisch macht ist wohl "nur" die Tatsache, dass Saudi-Arabien eine absolutistische Monarchie ist, bei der befürchtet werden darf, dass die "Leopard"-Panzer nicht zum Eigenschutz gegen den Iran, sondern gegen das eigene Volk richten könnte. Immerhin leben wir in Zeiten der großen Revolutionen in arabischen Staaten und da liegt es nicht gerade fern, dass ein Panzer, der mühelos auch in der Stadt agieren kann (und gerade deswegen als so populär gilt) für etwas "Unmoralisches" genutzt wird. Gerade in der Stückzahl.

Doch sind nur die Politiker die unmoralischen Erdenbürger unter uns? Okay, sie bekommen ab nächstem Jahr um 292 Euro mehr Gehalt pro Monat, um dann 2013 gleich nochmal die gleiche Summe zusätzlich mehr Gehalt im Monat zu bekommen. Im Vergleich: damit bekommen Politiker ab 2013 insgesamt 584 Euro mehr Gehalt im Monat, während ein Hartz IV Empfänger als Höchstsatz ungefähr die gleiche Summe im Monat erhält. Allerdings ist das dann die Totalsumme beim Arbeitslosen, beim Bundestagsabgeordneten ergibt sich daraus eine Summe von 8252 Euro. Pro Monat.

Natürlich kann man jetzt anmerken: "Der Hartz IV Empfänger muss sein "Einkommen" ja nicht versteuern!" Stimmt auch wieder, aber 8252 Euro? Ernsthaft? Für einen Job? Schlimmer geht's nur bei den Managerposten der Wirtschaftsriesen. Natürlich hatte ich jetzt schon oft das Thema "Wieviel Geld ist gerechtfertigt für welche Arbeit?" und meine Meinung ändert sich auch nicht zu dem Thema. Wenn ich mir anhören darf, wie Millionäre darüber philosophieren, dass sie "hart arbeiten" müssen, kann ich da nur mit einem moralisch entsetzten Kopfschütteln reagieren.

Erst in der vergangenen Woche gab es das Interview eines erfolgreichen Geschäftsmannes und Millionärs, der seinen Reichtum damit rechtfertigte, dass ein "normaler Arbeiter vielleicht 8-10 Stunden am Tag arbeitet, während er 15-17 Stunden arbeitet". Hätte ich dem Mann antworten können, hätte ich wahrscheinlich gesagt "15-17 Stunden was? Pro Woche?" Sicher, er meinte pro Tag. Doch an dieser Stelle dürften bei jedem vernünftigen Menschen die Alarmglocken im Kopf schrillen. Wenn man sich an die Industrialisierungszeit Ende des 19. Jhd. erinnert, in der Menschen 16 Stunden am Tag an Dampfmaschinen arbeiteten, kann man sich kaum vorstellen, dass ein Millionär wirklich so viel arbeiten sollte.

Und selbst wenn man sich vorstellt, dass ein Millionär wirklich so hart arbeiten sollte wie ein indischer Arbeiter, der Tag für Tag 16 Stunden lang Jeansstoffe mit ätzenden und gesundheitsschädlichen Azofarbstoffen einfärbt.... wie kann der Millionär dann noch nach Jahren des harten Schuftens gesund und wohl aussehen und Zeit haben, Interviews zu geben, während der indische Arbeiter an einer Lungenkrankheit in absoluter Armut stirbt?

So wirklich geht die Rechnung mit dem "hart arbeiten" im Zusammenhang mit "Millionär sein" nicht auf. Man könnte die Bezeichnung "ab und zu mehr arbeiten als ein normaler Arbeitnehmer" durchgehen lassen, allerdings klänge das nicht ganz so schick und beeindruckend wie "hart arbeiten wie ein Mann im Kohlebergwerk".

Womit ich allerdings schon im Kern des Themas bin: die Unmoral gibt es nicht nur in einer kleinen Gesellschaftsschicht, mit der die Mehrheit der Menschen nichts zu tun hat. Sonst hätte die "Moral" nicht so einen schlechten Ruf bei der Allgemeinheit. Moral gilt immer als etwas, dass sogenannten Moralaposteln vorbehalten ist, steifen, strengen Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen. Manchmal werde auch ich als solcher bezeichnet, wenn ich allgemein so spaßmachende Sachen wie "Grillen mit Holzkohle" als unnötig empfinde. Aber ich gebe zu, zum Moralapostel tauge ich in diesem Leben nicht, dafür bin auch ich zu sehr von der Unmoral verführt.

Das "Geschäft ohne Moral" geschieht nicht nur in Panzerdeals der Regierung mit arabischen Scheichs, es geschieht jeden Tag und zwar nicht im Großen, sondern auch im ganz kleinen. Wer hat nicht schonmal alles getan, um sein hart verdientes Geld bei einem Einkauf zu sparen. Wer greift nicht lieber zur Billigsupermarktware statt zu artgerechter Biohaltung oder fair gehandelten Produkten, ganz einfach weil der Unterschied am Gusto ja nicht zu bemerken ist, der Unterschied im Portemonaie doch gewaltig wehtun würde, wenn man das "moralisch Richtige" tun würde.

Ob man nun Kaffee kauft, der fair gehandelt ist oder doch den, der einfach nur fast nix kostet, ist nicht nur eine Sache von Moral oder Anstand, es ist auch eine Gewissensfrage. Wie wichtig ist es mir, dass ich einen Handel abschließe, von dem beide Seiten etwas haben? Möchte ich wirklich, dass der, der mein Produkt herstellt, auch was von dem Handel hat? Oder geht es mir doch nur eher darum, dass ich möglichst gut aus einem Deal herauskomme?

Ich habe Verständnis für alle die, die die zweite Frage als ihr Credo sehen, schließlich gibt es so viele Menschen, die tagtäglich versuchen, einen über den Tisch zu ziehen... wozu sollte man selbst da noch ehrlich bleiben? Speziell das Vorführen der Reichen, wie es am unehrlichsten geht und man damit am weitesten kommt, hat die Gesellschaft immer weiter verleitet, die Moral mal im Keller verrotten zu lassen, wenn's drauf ankommt.

Das "Geschäft ohne Moral" ist immer darauf abgezielt, den eigenen Vorteil über die Fairness zu stellen. Merkwürdigerweise verstehen wir Menschen Fairness im Sport verdammt gut, regen uns über unfaire Entscheidungen von Schiedsrichtern beim Fussballspiel oder eine unfaire Spielweise von Spielern auf, aber im eigenen Leben drücken wir gerne ein Auge zu. Denn Fairness ist auch eng mit Regeln verknüpft, an die sich am Besten jeder halten sollte. Doch man kann feststellen, dass so sehr der Mensch für eine Regel ist, er genau so lange für diese Regel ist, solange sie ihn nicht selbst betrifft. Wenn eine Regel den eigenen Vorstellungen im Weg steht, ist es schnell dahin mit der "Moral" und wir drücken bei uns selbst beide Augen ganz fest zu, bevor wir durch die Regelmauer hindurchpreschen.

Das Motto "Was für andere gilt, gilt nicht für mich!" ist vielleicht die Grundvoraussetzung, ein Geschäft ohne Moral abzuschließen. Der eigene Vorteil ist wichtiger, der Triumph über das ergatterte Schnäppchen angenehmer als die Gewissheit, mit einem fairen Geschäft den Zwei vom Hersteller bis zum Händler in einem angemessenem Rahmen befriedigt und gleichzeitig selbst ein hochwertiges Produkt ergattert zu haben. So entsteht auch die Massenproduktion, das Einkaufen in rauen Mengen zu Schrottpreisen, nicht nur im Bereich Lebensmittel, sondern auch bei Bekleidung oder Technik.

Es ist schön, in einer Welt zu leben, in der sich jeder alles leisten kann. Unter diesem Grundprinzip werden Produkte in großen Mengen zu Dumpingpreisen hergestellt und zu einem erschwinglichen Preis veräußert. Wir sehen zunächst darin nur die Möglichkeit, am Besten alles zu besitzen und das in reichhaltiger Vielfalt. Warum sollte eine Frau nur zwei paar gute Schuhe im Schrank stehen haben, wenn sie auch 200 Paar haben kann? Und warum sollte ein Mann nur einen Ferneher mit DVD-Player besitzen, wenn er das UND eine Heimkinoanlage mit allem Schnickschnack besitzen kann?

Das hat nicht nur mit Narzissmus zu tun, es ist einfach durch die Billigpreise der heutigen Zeit möglich. Was das für Konsequenzen hat, ist nur wenigen Menschen bewusst. Ob in afrikanischen Staaten Erze und Edelmetalle in rauen Mengen aus Gesteinen für massenhaft Mobiltelefone gefördert werden, interessiert den Otto Normalverbraucher in Deutschland nicht im Geringsten. Oder ob Schneiderinnen in Bangladesh oder China 16 Stunden am Tag in Massen vom einfachen T-Shirt bis zum H&M Billigabendkleid alles in Massen produzieren, damit sich jede Frau in jeder neuen Saison einen kompletten neuen Kleiderschrank voller Klamotten leisten kann.
Ein Kleid zu einem fairen Preis unter fairen Bedingungen zu kaufen ist nicht nur nicht befriedigend für die eigene Geldbörse, die Haltung der Gesellschaft hat es auch immer schwerer gemacht. Fairer Handel ist zwar immer wieder gern propagiert, jedoch total out. Er befriedigt das allgemeine Jagdprinzip des Shoppingjägers nicht und selbst, wenn man mit fairem Handel etwas gutes tut, hat dieser einen entscheidenden Nachteil: man sieht das Gute an diesem Handel nicht.

Was interessiert es den Käufer, ob es einer Schneiderin in Bangladesh mit ihren Arbeitsbedingungen wirklich gut geht? Dafür soll der Käufer ernsthaft für ein T-Shirt 7,99 Euro statt 3,99 Euro zahlen? Und ist dieses T-Shirt dann auch wirklich gut für den Käufer selbst? Immerhin muss auch der Faktor "eigene Gesundheit" gerade im Hinblick auf Kleidung mit eingerechnet werden. Ob in dem teureren Kleidungsstück wirklich keine Azofarbstoffe enthalten sind, ist wieder auf einem anderen Blatt geschrieben.

Und der Schnäppchenjäger kann sich selbst mit folgender Info beruhigen: selbst teurere Textilien werden teilweise in den gleichen Werkstätten zu den gleichen Lohn- und Arbeitsbedingungen hergestellt wie billige Textilien. Also, die einzige Frage, die sich am Ende des Tages stellt, kann nur lauten: Wo ist das "Geschäft mit Moral"? Wie kann man die Todsünde meiden und gleichzeitig die eigene Befriedigung in punkto Einkaufen finden?

Es wird von niemandem verlangt, dass er sein Geld auf Teufel komm raus ausgibt, bis er nichts mehr übrig hat. Ob Billigproduktion oder teures Markenprodukt, es wäre zunächst einmal wichtig, die Augen und Ohren offenzuhalten, zu welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt wird. Klar, das mag schwierig erscheinen, allerdings ist es im Zeitalter von hemmungslosem Internetgebrauch nicht mehr ganz so anstrengend wie früher, wo es viele Telefonate und noch mehr Geduld kostete, um herauszufinden, woher ein Produkt kam und welche Inhalts- bzw. Schadstoffe sich darin befanden. Aber auch das Internet erfordert Geduld und etwas Intelligenz, um an die nötigen Informationen zu kommen.

Man wird jedoch feststellen, wenn man sich wirklich ernsthaft mit einer Materie auseinandersetzt, kann das Geschäft mit Moral sogar funktionieren. Die Todsünde, das "Geschäft OHNE Moral" entsteht nämlich in erster Linie nicht nur aus Geiz oder dem Hetzen nach dem eigenen Vorteil. Wahrscheinlich entsteht es in erter Linie aus reiner Faulheit. Die Bequemlichkeit, sich keinen Zentimeter von der Couch wegzubewegen, ist weitaus verführerischer, als jedes gute Gewissen. Das erklärt wohl alles: das Schweigen des Verbrauchers zu menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in anderen Ländern oder das der Regierung, wenn es um unmoralische Geschäfte mit zwielichtigen Staaten.

Eine gute Nachricht zum Schluss: wir sind nicht alle unmoralisch, weil wir nach einem Schnäppchen geifern. Denn der Verbraucher ist ja nicht der entscheidende Hebel im internationalen Handel und Wandel. Schlussendlich ist der Verbraucher nur ein Hebel in dieser Maschinerie... aber wie bei jedem Uhrwerk und jeder Maschinerie muss jeder Hebel funktionieren, damit alles läuft. Und damit haben wir alle auch eine Entscheidungsgewalt, was wir kaufen und damit, was wir uns gefallen lassen und was nicht.

Der Rest ist Entscheidungsfreiheit. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein schönes Wochenende und verabschiede mich bis zum nächsten Freitag!

LG Gene :-)

Freitag, 1. Juli 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 3. Tag: Mittwochswissen

Es soll sie tatsächlich geben - Leute, die meinen Blog lesen! Nun, ich gebe mich da etwas zu bescheiden, denn inzwischen ist der Leserkreis doch nicht mehr an einer Hand abzuzählen. Und ich bin auch immer wieder dankbar, wenn mich Leser auf Fehler aufmerksam machen. An dieser Stelle ist mir die letzten zwei Wochen ein gar unverzeihlicher und peinlicher Fehler passiert: ich habe der "Großen Seele" Gandhi einen falschen Namen gegeben! Das h im Namen ist doch um ein paar Stellen zu weit nach vorne gewandert. Also, ich entschuldige mich bei Mohandas Karamchad Gandhi in aller Form posthum und schwöre, das h immer an die richtige Stelle zu setzen.

Womit wir schon wieder beim Thema wären, denn das Sommerloch frisst sich ja weiterhin gut durch die schönste Jahreszeit. Aber: die Hälfte ist ja (laut Sommerlochserie) fast erreicht. Heute kommen wir zum dritten Tag, dem Sommerlochmittwoch. Und hier geht es um ein Thema, das teilweise doch sehr persönlich anzusiedeln ist. Auf der Gandhi-Agenda steht zum Thema die Todsünde: "Wissen ohne Charakter".

Es klingt eigentlich einleuchtend, dass es eine Sünde ist, charakterlos zu sein, aber über Wissen zu verfügen. Oder Wissen zu verbreiten und sich dabei wie ein Egomane aufzuführen... da wären wir ja schon fast wieder beim Thema "Narzissmus". Aber so ganz einfach ist es ja nicht. Nur, weil man selbstverliebt ist, ist man längst nicht charakterlos; man ist auf dem besten Weg dahin, aber am Ziel "Charakterlosigkeit" längt nicht angekommen.

In dieser Woche gab es bei mir einige hitzige Diskussionen zum Thema "Sinn und Unsinn moderner Techniken". Dabei ging es hauptsächlich um den Nutzen von immer mehr technischem Schnickschnack in unserem Leben. Alle Geräte werden inzwischen so sehr in den Leben der meisten Menschen benötigt, dass sie sich ein Leben ohne gar nicht mehr vorstellen können. Dabei ist der Computer (inklusive dem Internet) eine Selbstverständlichkeit. Selbst in Schulen wird schon erwartet, dass den Kindern zu Hause ein Computer und ein Internetanschluss zur Verfügung steht; ob sich die Eltern überhaupt so etwas für sich selbst, geschweige denn für ihre Kinder leisten können, steht dabei auf einem anderen Blatt. Schließlich geht es ja um die "Bildung der Kinder" bei dieser Idee. Wenn ein Kind einen Computer und Internetzugang hat, kann es sich mehr Wissen aneignen, für seine Hausaufgaben besser recherchieren und so weiter... ein Schelm, wer einen bösen Gedanken wie den folgenden zusammenfasst: "Durch das Internet wird es für die Kinder leichter, Informationen zu finden - um sie gleich darauf wieder zu vergessen!"

Wie gesagt, Computer und Internet haben inzwischen fast den Standardgedanken des Fernsehers oder Radios eingenommen. Jeder braucht diese Dinge, um informiert zu sein, über das Weltgeschehen... und um Informationen anderer Art zu ergattern. Doch der moderne Zivilisationsmensch geht noch weiter: da braucht er dann ein Mobiltelefon und einen Tabletcomputer. Ein normaler Laptop oder ein sperriger Rechner scheinen schon derart unkomfortabel zu sein wie die Entscheidung "Mit dem Bus oder dem eigenen Auto zur Arbeit fahren".
Selbstredend müssen diese Accessoires modernen Lebens von der Innovationsfirma mit dem angebissenen Apfel stammen. Weil wer kein iPhone und kein iPad hat, hat nicht nur diese Sachen nicht (wie die Werbung wunderbar sinnig in Szene setzte!) sondern ist auch nicht hip, im Trend - nicht angesagt. Wer sich früher über die Oberflächlichkeit der Frauen beschwerte, nur Handtaschen von Luis Vuitton oder Chanel haben zu wollen, sollte sich die Oberflächlichkeit der Männer in diesem Punkt besser schenken. Denn sie ist weitaus schlimmer und in ihrer Verbohrtheit gehen die Männer derart weit zu behaupten, es sei wichtig, diese Dinge zu besitzen, damit die Menschen sich weiterentwickeln.

An diesem Punkt habe ich mich unwillkürlich (als Verfechter der "Bin dagegen"-Bewegung) gefragt: "Wo entwickeln wir uns weiter mit technischem Schnickschnack?" Meiner Meinung nach werden die Menschen tendenziell fauler durch Technik - ein Punkt, den viele Menschen nicht einsehen.
Dabei würde ich der Technik nie die Vorteile absprechen, die sie durchaus hat: 1. wir können alles bequemer erledigen (zumindest, ohne uns ein Bein auszurenken!), 2. wir können alles wesentlich schneller machen (was bedeutet, mehr Freizeit für alle!) und 3. wir haben mehr Effektivität in unserem Leben (weil viele Dinge in mehrere Richtungen recherchiert oder erledigt werden können und damit mehr potenzielle Aufgaben des Lebens abgedeckt werden).

Soweit so gut, das haben wir alle soweit eingesehen. Aber braucht man dafür wirklich ein iPad bzw. einen Tablet-PC? Es ist eine nette Spielerei, das sehe ich auch, wenn ich mir die Fernsehwerbung angucke. Doch der Impuls, dafür rund 700 Euro auszugeben, ist in mir nicht wirklich aufgetaucht.

Die Diskussion um "Sinn oder Unsinn von Tablet-PC's" nahm allerdings schier makabere Züge an, als der Befürworter meinte, Kinder würden sich durch einen Tablet-PC besser entwickeln und intelligenter werden. "Schließlich müsste man ja mit der Technik gehen und sich weiterentwickeln!"
Ganz konträr zu diesem Gedanken musste ich an die Schlagzeilen dieser Woche denken, dass zig tausende von Ausbildungsplätzen noch frei sind und nicht besetzt werden können. Dazu dann die Aussage eines Vorsitzenden der DIHK, der sagte, dass 20% der Schulabgänger "nicht ausbildungsfähig" seien. Nun kann man sich fragen: "Wäre das mit einem Tablet-PC im Alltagsgebrauch nicht passiert?"

Man kann es zu bezweifeln wagen. So nützlich die Technik im Ende ist, sie macht (wie schon erwähnt) bequem. Und je früher sich der Mensch an die Technik gewöhnt (sprich: im Kindesalter), umso bequemer wird er. Die Tendenz, sich auf Dinge zu verlassen, die man von der Kindheit an kennt, ist sehr groß. Das kann man auch an sich persönlich beobachten. Alles, was man von der Kindheit her kennt, ist einem als Erwachsener so selbstverständlich, dass man nie und nimmer darauf verzichten könnte - auch wenn es Generationen vor uns durchaus konnten. Wenn man dabei in Extremen denkt könnte man nicht nur den Computer, den Fernseher oder das Telefon erwähnen, sondern sogar den Strom an sich oder die Zentralheizung.
Ähnlich geht es uns dieser Tage mit dem "Smartphone" und dem Tablet-PC. Wenn Kinder mit diesen Spielereien aufwachsen, ohne selbst aktiv zu werden, wenn es um die Informationsbeschaffung geht, werden die Kinder in ihren Köpfen zwar vermeintlich schlauer, aber auch immer träger und sind später nicht in der Lage, auch mal ohne diese Wissensbeschaffungsquellen nach Informationen zu suchen.

Aber nicht nur die zukünftigen Generationen haben dieses Problem, denn erschreckend schnell haben sich die Erwachsenen bereits an diese Entwicklung gewöhnt. Es scheint außer den Höhen des Himalayas fast keinen Ort mehr zu geben, an denen es nicht mindestens eine Person gibt, die mit dem Zeigefinger nervös über einen kleinen oder größeren Bildschirm wischt. Und an der Stelle teilt sich das Wissensmeer in zwei Lager: die eine Seite ist die eigentlich gut erdachte und gemeinte, die zur Informationsbeschaffung und zur Bildung beitragen soll; die andere Seite ist die tatsächlich genutzte, auf Unterhaltung, Chatting und facebook-Updates ausgerichtete. Und zweitere ist die weitaus stärker genutzte, man kann inzwischen sagen, dass sich mindestens 80% der Freizeitgestaltung im Internet auf soziale Netzwerkseiten oder private Kommunikation beschränkt. Wer begibt sich im Internet denn noch freiwillig auf Wissensbildung und -erweiterung?

Doch der Spagat zwischen immer mehr Bildung im Gegensatz zu immer wengier Bildungsbereitschaft ist nicht das einzige Problem. Es ging doch um das Thema "Wissen ohne Charakter". Dieser Titel könnte vieles bedeuten, eindeutig wäre zu sagen, dass einem das größte Wissen nichts nützen mag, wenn man dafür einen schlechten oder gar keinen Charakter hat.
Die Verbreitung von Wissen geschieht heutzutage primär aus zwei Gründen: Reichtum und Ruhm (okay, mit zweiterem ist ersteres ebenfalls verknüpft, allerdings nicht ausschließlich!).
Jeder Mensch süchtet mit immer größerer Bildung und immer höheren Bildungsansprüchen danach, gesehen und wahrgenommen zu werden mit dem, was er zu sagen hat. Selbst wenn er nichts zu sagen hat, er will gesehen und wahrgenommen werden. Doch angenehmer ist es, wenn der Aufmerksamkeitssüchtige etwas zu sagen hat.

In diesem Punkt leben wir doch in einer tollen Gesellschaft. Jedem Kind wird eine Schulbildung (unabhängig von sozialer Herkunft, Religion oder Rasse) zugestanden. Was die Kinder (bzw. ihre Eltern) nun daraus machen, steht auf einem anderen Blatt. Ob nun Immigranten ihren Kindern zu Hause untersagen, die deutsche Sprache zu sprechen und damit indirekt der Bildung des Kindes in Deutschland im Wege stehen, steht gar nicht in diesem Zusammenhang auf dem Blatt. Oder ob es Eltern wirklich gelingt, ihr Kind bei den Hausaufgaben zu helfen. Oder wieviel Nachhilfe und Unterstützung Kinder in der Bildung brauchen, damit sie möglichst weit im Bildungssystem kommen. Am Anfang steht nur der Fakt, dass jedem Kind eine Schulbildung zusteht. Und das ist nicht in jedem Land selbstverständlich.

Wie weit das deutsche Kind dann von der Grundschule aus mit seinem Wissen kommt, sei dahingestellt. Ob es je ein Gymnasium von innen sieht, ist leider immer noch in erster Linie eine Frage des Geldes. Kinder von Eltern mit gutbezahlten Berufen erreichen viel häufiger das Gymnasium als Kinder aus sozial schwachen Familien. Ist das ungerecht? Natürlich ist es das. Die Frage ist im Ende allerdings, ob Kinder, die am Gymnasium ihre Bildung erhalten, wirklich die besseren, weil gebildeteren Menschen werden. Womit man noch tiefer greifen dürfte: ist Bildung wirklich im Ende gleich Wissen? Oder anders gefragt: wieviel weiß ich zehn bis zwanzig Jahre später noch von meiner Bildung?

Wahrscheinlich recht wenig. Ich persönlich kann mich nur an sehr wenige Themen erinnern, die ich in der Schule wochenlang quälend durchgekaut habe. Vielleicht ist das ein weiteres Problem des Bildungssystems: viele Themen werden einem als derart trockene Materie serviert, dass man sie stur auswendig lernt, ohne wirklich Interesse zu haben. Allein der Note wegen. Damit beginnen Kinder allerdings nur, was sie als Erwachsene weiterführen: Dinge ausführen, die man nicht wirklich mag oder tun will. Nur macht man dies später nicht für die Note, sondern schlicht für's Geld.

Aber wie gesagt: Wissen ist nicht mit Bildung gleichzusetzen. Oft bin ich Menschen begegnet, die einen sehr hohen Bildungsgrad vorweisen konnten, deren Intelligenz sich aber meist auf auswendig gelernte Formeln beschränkte. Wissen an sich zeichnet sich hingegen doch dadurch aus, dass es jeder haben kann - und das auf erschreckend einfach Art und Weise. Doch dazu später mehr.

Wie gesagt, es gibt Menschen, die ihre Intelligenz mehr auf das Auswendiglernen von Formeln oder Definitionen beschränken. Solch einen Fall hatte ich erst vor einigen Wochen. Dieser Mann war der Ansicht, dass man jeden Begriff (von "Motivation" über "Innovation") quälend in einzelne Theorien zerpflücken und interpretieren musste, dass eine Konversation mit ihm sehr schwer viel. Okay, ich will jetzt nicht zu weit in diese Konversation greifen, doch mir wurde in dem Moment eins schnell klar: es mag zwar auf den ersten Blick wirken, als sei ein Mensch intelligent, weil er in Dinge bestimmte Theorien und Meinungen hineininterpretieren kann, aber ob er das im Ende wirklich ist, kann nicht mit Sicherheit und objektiv bewertet werden.

Bildung ist im Ende nicht der Schlüssel zur Intelligenz oder zum allumfassenden Wissen, er kann nur eine Stütze sein. Wenn ein Kind Jahr für Jahr Bestnoten in der Schule schreibt, weil es besonders gut auswendig lernt, hat das wenig mit Intelligenz zu tun, sondern mehr mit einem guten Kurzzeitgedächtnis. Würde man dieses Kind einige Jahre später den gleichen Stoff abfragen, stünde es mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Schlauch. Aber über die Bestnoten, die das Kind erreicht, erlangt es später einen guten Abschluss und damit eine Ausbildung oder einen Studienplatz, über den es dann später Spitzengehälter kassiert.

Das ist wohl das Einzige, was Bildung und Wissen gemein haben: wir benutzen beides, um ans große Geld zu kommen. Und von dem Vorwurf kann sich keiner freisprechen, denn jeder Mensch träumt von seinem finanziell sicheren Leben. Doch was ist Wissen nun genau? Und ab wann wird Wissen zur Todsünde?

Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Und wenn Wissen wenig mit Bildung zu tun hat, so hat es mehr mit Intelligenz zu tun, da es nicht nur um Informationen geht, die man erlernt, sondern auch um die Kombinationsfähigkeit der einzelnen Informationen zu einem Machtgeflecht.
An dieser Stelle gibt es zwei Sorten von Wissensmenschen: die einen, die ihr Wissen aus Herzensgüte weitergeben, damit der Empfänger etwas aus dem Wissen des Gebers lernt. Und diejenigen, die ihr Wissen weitergeben, um einen möglichst großen Vorteil zu erlangen.

Wahrscheinlich kann man bei zweiterer Kategorie von der Todsünde "Wissen ohne Charakter" sprechen. Ein Mensch, der sein Wissen nur als Waffe einsetzt, den größtmöglichen Vorteil daraus zu ziehen, ist meist auch ein Mensch, der über wenig bis gar keinen Charakter verfügt. Was nutzt ein Mensch, der vermeintlich viel weiß, aber im Ende seinen Wissensvorsprung dazu nutzt, andere Menschen vorzuführen oder zu demütigen? Oder ein Mensch, der nur sehr viel weiß, es aber nicht einsetzt, um anderen Menschen zu helfen, sondern wartet, bis in einem Problem das Kind in den Brunnen gefallen ist... nur damit er dann später als "Superman" im Supercape auftreten kann und auf die billigste Tour den Karren aus dem Dreck zieht?

Doch wo verliert ein Mensch seinen Charakter? Beim Geld, würden die meisten Menschen schnell vermuten. Nur verliert ein Mensch nicht nur seinen Charakter durch das Geld, es steckt weit mehr dahinter. Wie groß ist der Wunsch, gleichzeitig Donald Trump und Mutter Theresa zu verkörpern? Leider ist beides nicht möglich (was man am unterschiedlichen Verhalten dieser beiden Persönlichkeiten sehen kann!). Ein Mensch muss sich ab einem gewissen Punkt entscheiden, wohin ihn sein Wissen tragen soll: zur Hilfe anderer oder zur Eigenhilfe.

Noch ein Punkt mag beim Thema "Wissen" wichtig sein: Meinungsbildung und -vertretung. Und da trennt sich in der heutigen Zeit so gewaltig die Spreu vom Weizen, dass es weh tut. Um auf das Thema "Tablet-PC's und Technik" zurückzukommen: selten war der große Teil der Bevölkerung so gut informiert wie heute. Gleichzeitig war es im Vergleich so selten, dass Menschen eine fundierte und ausführliche Meinung zum Zeitgeschehen haben. Auch das kann zur Charakterlosigkeit zählen: den Mund nicht aufzumachen, obwohl einen etwas stört und einfach mit dem Strom schwimmen statt gegen ihn. Wie bei den Lemmingen, aber das Thema hatten wir ja bereits!
Was ich damit sagen will: die Informationsflut der heutigen Zeit ermutigt aktiv, dass der Mensch sich selbst einen Reim auf die Gesellschaft und ihre Probleme macht. Trotzdem ist der Widerstand der Massen so weich wie Butter, die eine Stunde in praller Sonne gestanden hat. Bis auf die Demonstrationen in den nordafrikanischen Staaten, die teilweise immer noch anhalten und unter Militäreinsatz blutig niedergeschlagen werden, ist der "Widerstand des Volkes" sehr gering.

Zuletzt konnte man in Deutschland zwei Phänomene von Demonstrationen beobachten: eins ist (immer noch aktuell) der Widerstand gegen den Bau von "Stuttgart 21". Die andere Demonstrationswelle liegt dagegen schon wieder Jahre zurück und richtete sich gegen die Einführung von Hartz IV. So erfolglos die Demonstrationen waren, so stumm sind die Leute inzwischen auch. Wenn es mit der Demonstration nicht klappt, Pech gehabt... dann akzeptieren wir einfach die Dinge so, wie sie sind.
Wenn sich die Demonstranten in Tunesien, Libyen, Ägypten oder Syrien benehmen würden, hätten die Aufstände es wohl nie ins Fernsehen geschafft. Man kann im Vergleich behaupten, dass die Demonstranten dieser Länder ihr Wissen zumindest nutzen, um für die Freiheit der Masse zu kämpfen, sich wehren gegen die Umstände, die ihnen nicht gefallen. Und im Hinterkopf das Wissen innehaben, Lösungsvorschläge zu präsentieren.

Die Frage ist, was der Deutsche mit all seinem Wissen, dass er haben könnte über den technischen Fortschritt und die demokratische Meinungsvielfalt, machen soll. Laut Gandhi müsste er Charakter entwickeln; genug Charakter, sein Wissen nicht nur zum eigenen Vorteil einzusetzen. Genug Charakter, um sein Wissen nicht meistbietend zu verkaufen. Und genug Wissen, mindestens zu einer eigenen Meinungsbildung fähig zu sein.
Solange der Großteil der Deutschen allerdings seine Meinung über die Zeitung mit den vier Großbuchstaben bildet, habe ich da so meine Zweifel, ob da nicht reihenweise weiterhin Todsünden begangen werden. Aber nicht nur in diesem Bereich werden tagtäglich Todsünden begangen.

Wie ich sagte, Wissen lässt sich durch eine erschreckend einfache Art und Weise aneignen. Dabei geht es nicht primär darum, brav auswendig zu lernen oder Wissen teuer zu erkaufen. Auch Wissen vorheucheln (wie Menschen, die sich ihren Doktortitel erkaufen!) ist nicht der Weg, der zu wählen ist.

Wissen ist laut dem Philosophen Platon als "wahre, gerechtfertigte Meinung" definiert und diskutiert. Was man da nun hineininterpretieren will, könnte mehr als nur ein Buch füllen. Doch in einem muss sich die Menschheit einig sein: um eine Meinung zu haben, braucht es Erfahrung. Wieviel Erfahrung das ist, bleibt dahingestellt - manche Menschen machen in 5 Tagen mehr Erfahrungen als andere in 30 Jahren. Aber nur aus Erfahrungen und dem Öffnen für Erfahrungen und den dadurch gewonnen Informationen kann man Wissen formen. Sicher ist ein wenig Bildung nicht unnütz... doch der ständige Lernprozess des Lebens und die Bereitschaft, immer weiter lernen und Erfahrungen machen zu wollen machen im Ende einen Menschen mit genug Wissen aus, um eine wahre, gerechtfertigte Meinung zu formen.

In diesem Sinne - auf das wir alle in der kommenden Woche viele Erfahrungen machen und daraus auch lernen.

Ein schönes Wochenende und bis nächsten Freitag - LG Gene :-)

Freitag, 24. Juni 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 2. Tag: Dienstagsgenuss

Thank God it's Friday - dieses Lied von R. Kelly gesungen (zumindest erinnere ich mich nur an diese Version, vielleicht ist es auch nur ein Cover und es gab schon mehrere Versionen) geistert mir doch immer mal wieder an einem Freitag durch den Kopf. Endlich Wochenende... allerdings für mich nur fast! Denn erst steht der neue Eintrag zur Woche in den Startlöchern. Nur, wenn ich den erfolgreich hinter mich bringe, kann ich mich zurücklehnen und sowas wie Wochenende haben.

Laut Wochenserie sind wir noch sehr weit vom Freitag entfernt - wir befinden uns beim zweiten Teil. Und da man in Deutschland die Woche gerne mit dem ungeliebten Montag anfängt, befinden wir uns gerade bei Dienstag. Wie der regelmäßige Leser weiß, geht es um die Todsünden der Modernen Welt, verfasst von Mahatma Ghandi. Nun habe ich einige Schriften von Ghandi gelesen und trotz der Tatsache, dass ich kein Hinduist bin, liegt in den Worten Ghandis doch viel Wahres. Vielleicht habe ich mir deswegen diese Todsünden als Wochenthema ausgesucht und nicht die sieben neuen Todsünden, die Papst Benedict XVI. vor ein paar Jahren ausgerufen hat.
Zur Todsünde des Sommerlochdienstags steht auf der Ghandi-Agenda: "Genuss ohne Gewissen". Klingt einleuchtend, werden an dieser Stelle viele denken und sofort ans Essen denken. Dazu ist zu sagen: so falsch liegt ihr gar nicht, liebe Leser! Doch mal zurück auf Anfang.

Erinnern wir uns an die Zeit, in der es nicht für jeden Menschen in Deutschland genug zu essen gab. An diesem Punkt scheitern die Meisten von uns bereits, denn wir haben nicht zur Zeit des zweiten Weltkriegs oder der Weltwirtschaftskrise um 1929 gelebt. Die Überlieferungen dieser Zeit wecken in uns jedoch immer wieder Alarmbereitschaft, durch die wir in ständiger Angst leben, einen Zustand wieder zu erleben, den die meisten Menschen in diesem Land zum ersten Mal in ihrem Leben erleben würde. Das Land wurde in seiner Geschichte schon oft durch Hungersnöte und Wirtschaftskrisen geprügelt - jeder Einzelne von uns wahrscheinlich nicht. Es sei denn er hat die 60 bei weitem überschritten oder war in seinem Leben von bitterer Armut geprägt.

Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, das ist weder ein Geheimnis noch macht das irgendwen in diesem Land traurig. Durch einen straff durchorganisierten Staat sollten alle Menschen genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und saubere, intakte Kleidung besitzen. Hinzu besitzt der deutsche Bürger das Informationsrecht, also ist es heute schon Standard, dass jeder entweder einen Fernseher, zumindest aber ein Radio besitzt. Bevor nun Unkenrufe kommen á la "Es gibt verdammt viel Kinderarmut hier in Deutschland!" "Viel zuviele Menschen haben das alles nicht!", sage ich nur: es besteht vom Staat her die Absicht, dass jeder Bürger dieses Landes das besitzt - ob das nun im Ende wirklich der Fall ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Die Kinderarmut (oder allgemein die Armut) greift auch in einem Staat um sich, in dem jeder eigentlich genug zu essen hätte, um damit drei Menschen zu füttern. Die Kapazitäten unserer Lebensmittelvorräte sind schier unglaublich. Manchmal, wenn ich durch einen Supermarkt gehe und ein bestimmtes Produkt sehe, versuche ich mir vorzustellen, wieviele Produkte in diesem gleichen Moment in sämtlichen Supermärkten des Landes zur Verfügung stehen. Aber gelingen mag mir das nicht wirklich; dafür sind die Dimensionen der Massenproduktion einfach zu groß.

Sicher kann man sich nicht über alles so detailliert Gedanken machen, wie ich es gerade in dem Beispiel "Lebensmittelvorrat" angedeutet habe. Denn über die Vielfalt und Masse, in der uns Güter zur Verfügung stehen, würden wir irgendwann wahnsinnig werden. Vor allem, wenn man die Tatsache bedenkt, wieviele dieser Produkte tagtäglich in die Tonne gekloppt werden. Es heißt, dass jeder Deutsche Lebensmittel für 330 Euro pro Jahr wegwirft - insgesamt sind das 20 Millionen Tonnen meist noch genießbares, gutes Essen. Im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wären solche Zustände unvorstellbar gewesen, aber die Bundesrepublik Deutschland hat es in dieser Relation wahrlich weit gebracht.

Ich hatte die letzten Wochen erwähnt, ich würde es meiden, über EHEC zu sprechen. Da jetzt das Thema weitestgehend aus den Nachrichten und damit aus den Köpfen der Massen raus ist, wird es Zeit, doch mal darüber zu reden (vor allem, da wir jetzt weniger panisch wie Schafe denken, was die Ansteckung angeht!).
Es wurde ja viel darüber diskutiert, wie falsch die Regierung an die Sache mit dem EHEC Virus herangegangen ist, wieviel Zeit vergeudet wurde, den Erregerherd ausfindig zu machen oder die medizinische Versorgung zu optimieren. Alles, was mir in dem Moment wirklich sauer aufgestoßen war in diesser Zeit, war der Umgang mit den Lebensmitteln. Zunächst waren ja die spanischen Gurken (neben allen Gurken überhaupt und Tomaten und Blattsalaten) an der Misere Schuld. Und wie hat der doch immer so besonnene deutsche Bürger reagiert? Nach der Warnungsmeldung von Verbraucherministerin Aigner persönlich haben alle brav auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Salaten verzichtet. Was dann passierte? Das Bildmaterial in den Nachrichten türmte sich, Gurken wurden massenweise in den Müll geworfen, Salate wurden direkt auf dem Feld durch den Schredder zerstört. Es kam in diesen Wochen ganz deutlich zum Vorschein, was keiner eigentlich wahrhaben will im Ernährungsstumpfsinn: wir Deutschen haben wahrlich viel zu viel zu essen!

Der Witz an der Sache war im Nachhinein nur, dass keiner der drei Hauptbeschuldigten Schuld an der Verbreitung von EHEC war... stattdessen waren es Sprossen, die auch nur durch eine Mitarbeiterin, die das Virus in sich trug, kontaminiert sind. Fall erledigt, Akte geschlossen, Deutschland kann wieder aufatmen. Nun, anders gesehen heißt das aber: es sind immer noch Millionen Gurken, Tomaten und Salatköpfe einen "sinnlosen Tod" gestorben (wenn man's mal ganz lyrisch sehen will), mit denen locker ganze Städte hätten gesättigt werden können.

Aber, wie gesagt, Deutschland hat einfach zuviel zum Essen. Woran das liegt? Liegt es wirklich an der Angst, dass wir, hätten wir weniger Vorräte, verhungern könnten? Bereitet uns ein Tod, dessen Qualen wir nicht einmal im Ansatz kennen, solche seelischen Schmerzen? Das kommt ja fast der Angst der Menschen im Mittelalter vor der Hölle nahe. Als Ablaßbriefe für Verwandte und sich selbst gekauft wurde, damit man nicht unter den Qualen des ewigen Höllenfeuers leiden sollte. Wenn man dieses Beispiel wirklich mit der heutigen Angst vorm Hungertod vergleicht, wäre es doch eigentlich schön, wenn man sich mit Ablaßbriefen vor dem Hungertod retten könnte. Wenigstens bräucht es dann nicht die übermäßige Flut an Lebensmitteln.

Damit sind wir natürlich noch nicht aus der Sache mit dem "Genuss ohne Gewissen" raus. Immerhin geht es uns Wohlstandsbürgern längst nicht mehr darum, einfach satt zu werden... das würde nämlich nur zur Hälfte erklären, warum es solch eine Vielfalt an Lebensmitteln gibt.

Essen ist längst nicht mehr nur dazu da, um satt zu werden. Allein die Menge und Vielfalt, die jeder von uns jeden Tag zu sich nimmt (Magermodels mal ausgenommen!) beweisen das. Wir brauchen das Essen und das nur sekundär zum Selbsterhalt. Primär wollen wir Essen genießen, mit mindestens drei Sinnen: Geruch, Geschmack und Optik. Der Trend nimmt dabei immer wahnwitzigere Formen an.

An unser Essen stellen wir inzwischen die höchsten Ansprüche: wir wollen nicht immer das Gleiche zur gleichen Uhrzeit essen (mal einfallslose TK-Pizza & Döner-Junkies ausgenommen!), wir wollen auf Entdeckungsreise gehen. Kulinarische Weltreisen in unserer kleinen bescheidenen Kochecke - oder den verschiedendsten Restaurant von den Maestros der Kochkunst zubereitet. Es ist nicht nur wichtig, das Essen zu kennen, dass in unseren Nachbarländern gegessen wird, wir wollen mehr. Höher, schneller, weiter gilt eben auch für die Themenwelt "Essen & Trinken". Immer außergewöhnlicher, teurer, exquisiter müssen die Geschmäcker sich in unserem Gaumen hin- und herwälzen. Wir preschen mit unserem Essen in ferne Länder vor, die wir in unserem Leben wahrscheinlich nie bereisen werden: Indien, Thailand, Australien, Neuseeland, Südafrika... es gibt inzwischen keine Küche, auf die nicht bereits in irgendeiner Weise der Fokus gelegt wurde. Auch in punkto "industriell hergestelltem Essen".

Grillsaucen mit indischem oder chinesischem Allroundflavour sind da nur der Anfang. Und es verkauft sich doch verdammt gut... billiger und stressfreier als ein authentischer Trip in die Länder ist es allemal, eine Grillsauce "Sweet China" für 80 Cent im Supermarkt zu kaufen. Die Wahrheit über chinesisches Essen wollen dann nur die wahren "Kulinariker mit Abenteuer im Blut", die alles ausprobieren, egal wie schmerzhaft oder geschmacklos es ist.

Auch die ständige Suche nach immer mehr Gechmacksformen und die ewige Verschwendung von Lebensmittelbeständen nur zur eigenen Befriedigung durch den Gaumen kann ruhigen Gewissens als "Größenwahn" bezeichnet werden. Nichts gegen gutes Essen! Auch ich liebe gute Küchen und das aus aller Welt. Und im Punkt "alles ausprobieren, kochen und essen wollen" kann ich mich auch ruhigen Gewissens schuldig bekennen. Der Schlüssel liegt wohl im Maß, nicht in der Masse. Wie mit allem im Leben.

Deutschland ist Spitzenreiter, wenn es um Dickleibigkeit geht. Dabei sind drei Viertel aller erwachsenen Männer und über die Hälfte der Frauen übergewichtig. Lachten wir vor einigen Jahren über die Übergewichtsrate der US-Bürger, ist inzwischen klar, dass wir uns (dank des Vorbilds amerikanischer Ernährung) dicht auf den Fersen der Amerikaner befinden. Ein immer bequemeres Leben gepaart mit immer weitreichenderen, fett- und zuckerreichen Ernährung hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Gegentrends gibt es natürlich auch, in übertriebener Pseudoaskese und so viel Sport, dass sich die Gelenke auf das hohe Alter des Sportlers nicht freuen dürften.

Das Gegenteil zum "Genuss ohne Gewissen" lag für Ghandi wohl in der Askese, in der der Fastende spirituelle Erleuchtung erhoffte durch den Verzicht auf Essen. Vergleichbar mit Magermodels ist das natürlich nicht, die essen nur nichts, um eine gute Figur zu erhalten. Fastende fasten nicht, um Gewicht zu verlieren, sondern (um es platt auszudrücken!) um zu Verstand zu kommen. Dass Essen unseren Verstand blenden kann, dürfte wohl jedem klar sein, wenn er darüber nachdenkt, wie wir uns durch das Essen manipulieren lassen. Ein Essen, dass verführerisch aussieht, ist bereits in unserem Mund, ehe wir darüber nachdenken können, woher die Zutaten für das Essen kommen, ob das Essen hygienisch einwandfrei ist etc.

Wen interessiert da schon "Gammelfleisch", wenn das Steak auf dem Teller so verdammt gut aussieht? Wirklich sehen kann man Gammelfleisch nicht, man kann es schmecken (und dann bereuen, dass man je eine gute Meinung davon hatte), aber das Auge spielt uns mehr als einen Streich, wenn es um den Gusto geht.

Ein interessanter Trend in dieser Richtung ist übrigens der "Food Porn". Ja, ganz recht... es handelt sich um "Essen im Pornoformat", wobei allerdings nicht die sexuelle Libido angesprochen werden soll. Es geht um Essen, dass so verführerisch für das menschliche Auge fotografiert wird, dass man schon beim Anblick einen Orgasmus bekommt. Also quasi "Playboy kulinarisch": das Essen löst Lustgefühle aus, ohne dass man es riechen oder schmecken kann.

Doch "Genuss ohne Gewissen" beschränkt sich ja nicht nur auf das, was wir oral aufnehmen und unseren Verdauungstrakt durchwandert. Genuss gibt es in vielen verschiedenen Formen. Und wo wir schon beim Thema "Porno" sind, auch dort gibt es den Genuss. Sexueller Genuss wird inzwischen derart hoch angepriesen, dass die Menschen vergessen, wozu Sex an sich überhaupt da ist. Und auch hier gibt es den "Genuss ohne Gewissen".

Wenn wir zurückblicken auf die Zeiten von Hungersnöten und Wirtschaftskrisen (um 1929), waren die Menschen dieser Zeit auch sexuell gesehen ganz andere wie die, die wir heute neben und vor uns haben. Ein Sexualpartner für's Leben.. so könnte man die Devise der damaligen Zeit zusammenfassen. Nicht flächendeckend, aber der Gedanke an Sex mit vielen wechselnden Partnern stellte sich doch wesentlich seltener als heute. Wir sind heute dank Kondomen und Pille wesentlich privilegierter als damals, wo man mit einem Mal Sex gleich den Artenerhalt sichern konnte.

Doch wie mit allem im Leben geht es um die Extreme. Und wo früher kaum Sex praktiziert wurde aus Angst vor erneutem Nachwuchs, wird dank dem Schlupfloch "Pille" (oder Kondom, je nachdem) der Sex bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Nicht, dass ich zum Moralprediger in dieser Sache mutieren möchte, das läge mir absolut fern. Doch auch sexueller Übergenuss, ohne ein Gewissen zu haben, kann schädlich sein - für sich selbst und für andere.

Spätestens, wenn Verhütung missachtet wird oder wenn der Sexualtrieb immer abenteuerlichere Ausmaße annimmt. Die Pornoindustrie mutiert inzwischen in ihren Videos schon zu olympischen Gymnastikübungen, wo man sich anfangen könnte zu fragen: was bringt's? Sexuelle Erfüllung? Oder eher ein paar gebrochene Rippen? Und die Zweisamkeit, nach der sich der Mensch so potenziell sehnt, bleibt bei all dem eh auf der Strecke. Wenn immer mehr Pornos gezeigt werden, in der Frauen mit immer mehr Männern gleichzeitig ungeschützten Verkehr haben, kann man sich zwangsläufig nur noch mit den Worten der "Black Eyed Peas" fragen: "Where is the love?"

Vielleicht geht es in den Todsünden alles in allem wirklich nur darum, die Liebe als höchstes Gut zu bewahren. Im weitesten Sinne (bei diesem Thema) die Liebe zum Essen, die Liebe zum guten, weil nicht wahllosen Sex und die Liebe zueinander. Ohne sich gegenseitig die Butter vom Brot nehmen zu wollen. Schließlich haben wir doch so viel Butter, so viele Kühe, die Milch für die Butter geben - und so viele Supermärkte, wo man kiloweise Butter kaufen kann.

Zweifel mögen sich an der Überflussgesellschaft nur breitmachen, wenn Menschen kurz vor Feiertagen in Panik durch den Supermarkt strömen und mit Ellenbogen und Beinchen stellen sich die besten Lebensmittel sichern wollen. Das alles in einer Welt, in der auf der anderen Seite der Erde in Haiti Menschen qualvoll verhungern ... so ganz ohne Butter, ohne Milch und ohne Kühe.

Schöne Welt ohne Probleme, grausame Welt ohne Gewissen - in diesem Sinne, ein schönes (kulinarisch wie sexuell erfülltes) Wochenende! Bis zum nächsten Freitag (bzw. Sommerlochmittwoch! ;-))

LG Gene :-)

Freitag, 17. Juni 2011

"Die aktuelle Sündenwoche" - 1. Tag - Montagsreichtum

Wie versprochen komme ich an diesem Freitag zum ersten Teil meiner Sommerloch-Serie. Seit dem letzten Eintrag ist wieder einmal viel Wasser die Mosel (oder auch andere Flüsse dieser Welt) hinabgeflossen und nicht jedes Gemüt blieb bei dem Thema "Narzissmus" so kalt wie das Wetter derzeit in Deutschland. Es scheint, als hätte ich einige narzisstische Gemüter allzu stark erhitzt in der Gewissensfrage: "Wieviel Narzissmus ist gut für uns?". Nun bin ich nicht dazu da, Menschen zu be- oder verurteilen aufgrund von übersteigerter Eigenliebe... und mein Blog ist es genausowenig. Vielleicht muss ich erneut den Leser einfach daran erinnern, dass es hier nur um ein paar Denkanstöße geht - auch an mich selbst! Denn nur, weil ich mich mit einem Text öffentlich an ein Publikum wende, heißt das nicht, dass ich in dem Schreibprozess nicht selbst darüber nachdenke, wie ich bestimmte Dinge im Leben angehe.
So und ähnlich hat sich auch die Themenfindung für die Serie gegen die Langeweile im Sommerloch abgespielt. Dabei hat mich das Thema schon sehr lange beschäftigt und indirekt hängt es auch mit dem Thema der vergangenen Woche zusammen. Denn in dem (bereits erwähnten) Buch "Narzissmus Epidemie" wurden nicht nur die Symptome und Phänomene übersteigerten Narzissmusses präsentiert, sondern auch Ansätze zur Eindämmung der Epidemie. Dabei wurde allerdings relativ nüchtern auch festgestellt, dass die Epidemie kaum aufzuhalten sei.

Mitnichten ist es einfach, die Selbstverliebtheit gegen eine bescheidenere Art des Lifestyles zu tauschen. In dem Buch sprachen die Autoren unter anderem davon, dass sich die Menschen bewusst werden müssten, sich wieder stärker religiösen Lebenseinstellungen zuzuwenden. An dieser Stelle hatte ich dann so meine Probleme, da ich nicht wirklich glaube, dass Religion alles im Leben lösen kann.

Nun braucht der Mensch allgemein eine Art Anker, an dem er sich festhalten kann. Dieser Anker kann durch vieles repräsentiert werden, beinhaltet meist aber im Kern eine Frage: "Warum leben?" und den damit verbundenen Fragen "Was mache ich eigentlich hier?", "Woher komme ich?" und "Wohin gehe ich?". Für die meisten Menschen war über Jahrhunderte hinweg die Religion (egal, ob man sich nun für das Christentum, den Buddhismus, den Hinduismus, das Judentum oder den Islam entschied) der entscheidende Mittelpunkt im Leben. Die Religion bildete den Grundstein für die Lebensart, für die man sich innerhalb einer Gesellschaft entschied.
In den letzten Jahrzehnten hat sich diese traditionsreiche Einstellung immer mehr verändert. Dabei geht es nicht nur um Atheismus, der beinhaltet, einfach an gar nichts zu glauben, was man nicht mit Sicherheit beweisen kann, sondern um eine Grundeinstellung, die in Zweifel zieht, dass Religion wirklich mit dem strengen Auge hoher Geistlicher gesehen werden muss/soll.

Ob das nun wiederum am Kapitalismus und der Gewinner/Verlierer-Einstellung der Allgemeinheit liegt ist fraglich. Wahrscheinlicher für die Verdrossenheit der Religion gegenüber ist die immer besser werdende Bildung der Massen, durch die der "gemeine Mob" (wie früher die durchschnittlich oder unterdurchschnittlich bezahlte Mehrheit der Gesellschaft genannt wurde) nicht mehr so manipulierbar ist wie vor einigen Jahrhunderten.
Da das Lesen und Schreiben zu den Grundfähigkeiten zählen, die jeder erlernen kann und mit denen fast jeder als Erwachsener ausgestattet ist, wird in der Wissgier der Menschen immer mehr in Frage gestellt. Und damit auch die Religion. Natürlich sind wir längst nicht soweit, dass alle Religionen abgeschafft wurden, ganz im Gegenteil entsteht neben der Religionsverdrossenheit der Fanatismus in der Religion, der Motive einer Religion so stark verdreht, dass sie in etwas Zerstörerisches umgewandelt wird.

Nun, das hier ist kein Religionsblog! Und ich selbst bin weit entfernt davon, ein streng gläubiger Mensch zu sein, wie er noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts existierte. Ich sehe auch nicht in der Zuwendung zur Religion das Allerweltsheil im Kampf gegen gesteigerten Narzissmus. Denn auch in der Religion gibt es durchaus genug davon.

Allerdings habe ich durch die Erwähnung des Themas "Religion" nachgedacht und mich nach einer Weile gefragt: "Was ist eigentlich aus den Todsünden geworden?".

In der heutigen Gesellschaft wird an vielen Ecken und Enden immer mehr bemängelt, wie abgebrüht oder hemmungslos wir Menschen uns benehmen. Sei es bei Jugendlichen, die an U-Bahn-Stationen willkürliche herausgepickte Opfer halb oder gar ganz tot prügeln. Oder Politiker, die dem Wähler das Blaue vom Himmel lügen, um später dann doch mit der Wirtschaft Hand in Hand zu arbeiten - alles in der Hoffnung, später einen gut dotierten Job in deren Reihen zu ergattern, wenn die Politikerkarriere einmal vorbei ist.
An diesen Punkten muss man sich (religiös oder nicht) doch fragen, wohin unsere Gesellschaft geht. Und wie sie so weit kommen konnte.

Dass die sieben zu Todsünden führenden Charaktereigenschaften Hochmut, Geiz, Wolllust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit uns noch nie weit gebracht haben, hat die Geschichte schon oft gezeigt, im Kleinen wie im Großen. Weitaus interessanter fand ich allerdings die sieben Todsünden der Modernen Welt, festgelegt von Mahatma Ghandi. Denn diese treffen heute mehr denn je auf unsere Gesellschaft zu und zeigen auf, wie sehr wir uns jeden Tag aufs Neue mit diesen Todsünden selbst ein Beinchen stellen.

Den Auftakt der Reihe machen wir nun (wie in einem klassischen Wochenzyklus) beim Montag - und der Todsünde "Reichtum ohne Arbeit". Und passender könnte diese Todsünde gerade gar nicht sein.

Logisch ist doch, dass (fast) Jeder am Montag seine Arbeitswoche beginnt - in der Hauptsache, um Geld zu verdienen. So sehr wir auch darauf pochen wollen, dass uns unsere Arbeit Spaß macht oder wir uns beruhigen wie sehr uns die Beschäftigung Freude bereitet, im Ende geht es immer um den schnöden Mammon. Was uns allerdings in den letzten Wochen wirklich gebannt bewegt ist die Situation des kurz vor der Pleite stehenden Griechenland.

Seit 2007 fürchtet sich die gesamte Weltwirtschaft vor der Finanzkrise, die viele Menschen (inklusive ihrer Immobilien) in die Pleite trieb, Tausende von Menschen ihren Job kostete und nun ganze Nationen in die Pleite führt. Wir Deutsche waren dabei noch verhältnismäßig gut davongekommen und ständig rühmt sich die derzeitige Regierung damit, wie gut wir mit der Finanzkrise zurechtgekommen sind. Man könnte allerdings meinen, wir sind im Ende zu gut aus der Sache rausgekommen, denn in den letzten Jahren ist Deutschland (neben anderen Nationen) nur noch damit beschäftigt, Hilfsmittel in die verschiedensten Kanäle zu pumpen und damit die ultimative Katastrophe, die Inflation, abzuwenden. Das war bei der Bankenkrise der Fall, aus der die Regierung mit millardenschweren Rettungspaketen aushalf. Dann kam der finanzielle Zerfall Irlands, das ehemalige europäische Wirtschaftswunder. Und nun ist es Griechenland. Neben Spanien und Portugal hat es Griechenland am Härtesten erwischt, das Land ist finanziell in die Knie gezwungen worden. Dabei ist wohl jedem bewusst, dass diese Pleite vor allem auf Mißwirtschaft und den lächerlichen Umgang der Griechen im Geldverteilen zurückzuführen ist.

Nun, es liegt wohl nicht nur daran, dass die Griechen ein niedrigeres geplantes Renteneintrittsalter im Gegensatz zu Deutschland haben. Denn obwohl Kanzlerin Merkel fordert, das Renteneintrittsalter aller EU-Staaten auf 67 anzuheben und damit Deutschland anzugleichen, so liegt im eigentlichen Renteneintrittsalter Griechenland fast gleichauf mit Deutschland. Was nützt also ein geplantes Renteneintrittsalter von 67, wenn die Deutschen im Durchschnitt doch mit 62 in Rente gehen? Und da unsere Wirtschaft nicht kaputt ist und wir nicht bedürftig sind nach Milliardenpaketen aus anderen EU-Staaten, kann es wohl kaum ausschließlich daran liegen, dass Griechenland jetzt pleite ist.

Allerdings ist das Renteneintrittsalter oder die Tatsache, dass Renten an bereits tote Bürger Griechenlands weitergezahlt wurden, ohne zu überprüfen, ob die betreffenden Personen noch leben, Baustein für Baustein der Teil des Gesamtproblems. Im Groben und Ganzen kann man auch in dieser Situation vom "Reichtum ohne Arbeit" zu reden. Nicht, dass kein Grieche etwas arbeitet - aber wie kann es sein, dass milliardenschwere Rettungspakete geschnürt werden, die dann an das Land gegeben werden, um zu retten, was noch zu retten ist ... und im Gegenzug hört man nur noch in den Schlagzeilen (ähnlich wie bei Portugal) wie sehr die Politik NICHT bereit ist, den Haushalt enger zu schnallen und Lösungen zu finden, um das Land vor dem Bankrott zu retten?

Ist es im Ende wirklich so, dass wir uns im Ende zu sehr auf andere verlassen, die den Karren aus dem Dreck ziehen? Es geht bei der Todsünde "Reichtum ohne Arbeit" nicht nur um Griechenland, sondern um uns alle. Keiner kann sich wirklich von dem Vorwurf freisprechen, lieber sein Geld mit weniger als mit freiwilliger Mehrarbeit verdienen zu wollen.

Gut, im Durchschnitt leistet der deutsche Festangestellte drei Überstunden die Woche. Doch freiwillige Überarbeit ist nicht darin begründet, dass der Mensch gerne arbeitet, oft geht es um den sicheren Erhalt seiner Arbeit, die Gewissheit, dass man auch Festangestellter bleibt. Schlussendlich hat die Ableistung von Überstunden auch viel mit der Furcht, den Job zu verlieren, zu tun... nicht mit der reinen Arbeitsfreude.

Schlimmer wird der Fall erst, wenn man mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen möchte. Dieses Phänomen trat erst Anfang bis Mitte der 90er auf, als anscheinend die gesamte Mittelschichtswelt an die Börse strebte und Aktien kaufte. Dabei ging es nicht darum, sein Geld sicher für die Zukunft anzulegen für schlechte Zeiten.... das Börsenfieber schlug mit der Absicht um sich, jeden mit möglichst wenig Aufwand potenziell zum Millionär zu machen.
Als es einige Fälle von Aktienmillionären gab, war der Rest der Bevölkerung schnell angesteckt. Bei jedem Börsengang jedes Großunternehmens war nicht nur die Presse, sondern auch jeder Durchschnittsbürger gebannt dabei. Bis zum Börsenkrach.

Der Katzenjammer war groß, als die Aktienkäufer feststellten, dass die Börse keine sichere Geldanlage, sondern ein riskantes Spiel ist, bei dem man wie beim Roulette alles gewinnen oder auch verlieren konnte. Das scheinbar so einfach verdiente Geld an der Börse war nicht nur nicht da, die Börse nahm den Börsenlaien auch noch ihr hart erspartes Geld weg. Im Prinzip hätten die Menschen spätestens ab diesem Punkt begreifen müssen, wie hart es ist, Geld zu verdienen. Und dass es keinen wirklichen Weg gibt, die Arbeit als Treibmittel, Geld zu bekommen, zu umschiffen.

Bereits letzte Woche sprach ich vom Narzissmus, immer reicher werden zu wollen und dadurch zu immer größerer Macht zu gelangen, den Materialismus in seinem eigenen kleinen Universum zu vergrößern. Heute ist die Gier nach viel Geld und einer abgesicherten Zukunft nicht nur für sich, sondern auch für seine Kinder und deren Kinder, wesentlich größer als noch vor einigen Jahrzehnten. Und noch nie wurden Menschen, die mit Faulheit zum großen Geld kamen, mehr gehasst und gleichzeitig geliebt wie heute.

Wir regen uns (da wir hart arbeiten und uns bemühen, jeden Euro ehrlich zu verdienen) immer wieder über die auf, die auch ohne Arbeit an Geld kommen. An der Spitze stehen dabei ausgerechnet Arbeitslose, die monatliche finanzielle Unterstützung bekommen. Natürlich ist es ungerecht, wenn Hartz IV Empfänger es durch Steuergelder schaffen, im Monat über die Runden zu kommen, während der arbeitende Durchschnittsbürger jede Woche mindestens 40 Stunden auf der Arbeit verbringt und unterm Strich das Gleiche erreicht. So sehr ich den Arbeitern in ihrem Unmut darüber zustimmen möchte, so sehr wundere ich mich zur gleichen Zeit, warum sie sich wesentlich weniger über Menschen echauffieren, die eine sehr hohe Summe an Geld für fast gar keine Arbeit verdienen.

Was ist zum Beispiel mit hochbezahlten Managern in Großunternehmen? Jeder Manager wird es natürlich nicht müde, in jedem Interview mit Journalisten zu beklagen, wieviel und wie hart sie für ihr Geld arbeiten müssen. Doch seien wir ehrlich: wenn diese Menschen wirklich so hart arbeiten müssten, wie sie behaupten, warum haben sie dann überhaupt noch die Zeit für Interviews? Und warum sehen diese Menschen noch so verdammt gesund aus für den harten Alltag, den sie angeblich haben? Wenn sie wirklich von der Stundenzahl so hart arbeiten würden wie ein Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert, würde keiner mehr den Job des Managers machen wollen; weil er dann nach spätestens 20 Jahren im Amt tot wäre.

In Anbetracht dieses Vergleichs werden Manager doch noch verdammt alt, oder? Ähnlich sieht es mit der Prominenz aus, sei es aus Sport, Kunst oder (um seriös zu bleiben) Politik. Man kann sich vorstellen, dass Musikkünstler manche Tage 14 bis 16 Stunden arbeiten... denn wenn die Werbemaschinerie angekurbelt werden muss, muss sie angekurbelt werden und das pronto. Aber was rechtfertigt dann die Bezahlung dieser Künstler in mehrstelliger Millionenhöhe? Was macht ein Popkünstler besser als Durchschnittsarbeiter? Inwieweit rechtfertigt Öffentlichkeitsarbeit eine Entlohnung, die in der Jahresbilanz so hoch ist, dass kein Durchschnittsbürger diese Summe in seinem gesamten Leben erarbeiten wird?

Wir haben also weitaus weniger Probleme mit einer Lady Gaga, die Millionen an ihrer Musik verdient oder Joseph Ackermann, Chef der Deutschen Bank, der jedes Jahr millionenhohe Gehälter kassiert als mit einem Hartz IV Empfänger, der ca. 500 Euro im Monat zur Lebenssicherung zugestanden bekommt. Natürlich, die ersten Beiden arbeiten für ihr Geld - aber wieso wird Arbeit auf der einen Seite so unrealistisch hoch bezahlt und auf der anderen Seite werden Tarife für einen Job festgelegt? Sind die Grenzen wirklich nach oben offen, sobald es um Verantwortung oder Öffentlichkeitsarbeit geht?

"Reichtum ohne Arbeit" ist ein natürlich viel weitverbreiteteres Phänomen als nur in diesen paar Beispielen. Eigentlich gibt es mitten unter uns verflucht viele Menschen, die versuchen, mit allen Mitteln außer Arbeit an Reichtum zu kommen. Hacker, die wie diese Woche zwei junge Männer, die meinten, unveröffentlichte Songs von Weltstars von deren Privat-PCs zu klauen und im Internet zu verkaufen. Eventmanager, die gerne mal im Voraus Summen in vielstelligen Höhen kassieren und sich anschließend aus dem Staub machen. Und das, weil sie entweder gar nicht die Qualifikation oder das Grundwissen zum Gestalten eines Events haben oder schlichtweg in großen Versprechungen den Nerv der Menschen treffen, die sich dann nur zu gerne prellen lassen.
Die Liste ließe sich mit Betrügern, Schwindlern und Steuerhinterziehern fortsetzen. Oder Politikern des EU-Parlaments, die sich selbst gerne mal für EU-Ratssitzungen in Anwesenheitslisten eintragen, um dann, ohne an der Sitzung teilgenommen zu haben, wieder verschwinden. Nur um das Geld für die angebliche Anwesenheit zu kassieren. Vielleicht ist das "Reichtum ohne Arbeit" in Reinkultur. Und damit eine Todsünde der Modernen Welt.

Was wir daraus lernen? Wahrscheinlich eher wenig. Denn die Beispiele für "Reichtum ohne Arbeit" motivieren den Durchschnittsbürger nicht gerade, ehrlich und hart arbeitend durch's Leben zu gehen. Alles, was aus solchen Beispielen resultiert, ist die immer größer werdende Suche nach dem Reichtum, ganz ohne viel dafür tun zu müssen.

Nicht alle Menschen werden je so werden; es wird glücklicherweise immer die geben, die gerne ehrlich arbeiten. Menschen, die es schätzen, für ihre Arbeit ein Gehalt zu bekommen, ganz gleich, ob es millionenschwer oder doch nur im Tarifbereich ist. Das sind die Menschen, die erkannt haben, dass Reichtum nicht alles im Leben ist - und wir eher Arbeit als zentrale Beschäftigung des Lebens brauchen als Reichtum. Denn Geld im Überfluss führt nur zu Faulheit - und daraus resultiert die quälende Depression, die das Leben weitaus höher belastet als wenn man sein Leben mit einem Quantum zuviel Arbeit füllt.

In diesem Sinne - bis zum nächsten Freitag und dem zweiten Teil von "Die aktuelle Sündenwoche".

LG Gene :-)

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