Thank God it's Friday - dieses Lied von R. Kelly gesungen (zumindest erinnere ich mich nur an diese Version, vielleicht ist es auch nur ein Cover und es gab schon mehrere Versionen) geistert mir doch immer mal wieder an einem Freitag durch den Kopf. Endlich Wochenende... allerdings für mich nur fast! Denn erst steht der neue Eintrag zur Woche in den Startlöchern. Nur, wenn ich den erfolgreich hinter mich bringe, kann ich mich zurücklehnen und sowas wie Wochenende haben.
Laut Wochenserie sind wir noch sehr weit vom Freitag entfernt - wir befinden uns beim zweiten Teil. Und da man in Deutschland die Woche gerne mit dem ungeliebten Montag anfängt, befinden wir uns gerade bei Dienstag. Wie der regelmäßige Leser weiß, geht es um die Todsünden der Modernen Welt, verfasst von Mahatma Ghandi. Nun habe ich einige Schriften von Ghandi gelesen und trotz der Tatsache, dass ich kein Hinduist bin, liegt in den Worten Ghandis doch viel Wahres. Vielleicht habe ich mir deswegen diese Todsünden als Wochenthema ausgesucht und nicht die sieben neuen Todsünden, die Papst Benedict XVI. vor ein paar Jahren ausgerufen hat.
Zur Todsünde des Sommerlochdienstags steht auf der Ghandi-Agenda: "Genuss ohne Gewissen". Klingt einleuchtend, werden an dieser Stelle viele denken und sofort ans Essen denken. Dazu ist zu sagen: so falsch liegt ihr gar nicht, liebe Leser! Doch mal zurück auf Anfang.
Erinnern wir uns an die Zeit, in der es nicht für jeden Menschen in Deutschland genug zu essen gab. An diesem Punkt scheitern die Meisten von uns bereits, denn wir haben nicht zur Zeit des zweiten Weltkriegs oder der Weltwirtschaftskrise um 1929 gelebt. Die Überlieferungen dieser Zeit wecken in uns jedoch immer wieder Alarmbereitschaft, durch die wir in ständiger Angst leben, einen Zustand wieder zu erleben, den die meisten Menschen in diesem Land zum ersten Mal in ihrem Leben erleben würde. Das Land wurde in seiner Geschichte schon oft durch Hungersnöte und Wirtschaftskrisen geprügelt - jeder Einzelne von uns wahrscheinlich nicht. Es sei denn er hat die 60 bei weitem überschritten oder war in seinem Leben von bitterer Armut geprägt.
Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, das ist weder ein Geheimnis noch macht das irgendwen in diesem Land traurig. Durch einen straff durchorganisierten Staat sollten alle Menschen genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und saubere, intakte Kleidung besitzen. Hinzu besitzt der deutsche Bürger das Informationsrecht, also ist es heute schon Standard, dass jeder entweder einen Fernseher, zumindest aber ein Radio besitzt. Bevor nun Unkenrufe kommen á la "Es gibt verdammt viel Kinderarmut hier in Deutschland!" "Viel zuviele Menschen haben das alles nicht!", sage ich nur: es besteht vom Staat her die Absicht, dass jeder Bürger dieses Landes das besitzt - ob das nun im Ende wirklich der Fall ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Die Kinderarmut (oder allgemein die Armut) greift auch in einem Staat um sich, in dem jeder eigentlich genug zu essen hätte, um damit drei Menschen zu füttern. Die Kapazitäten unserer Lebensmittelvorräte sind schier unglaublich. Manchmal, wenn ich durch einen Supermarkt gehe und ein bestimmtes Produkt sehe, versuche ich mir vorzustellen, wieviele Produkte in diesem gleichen Moment in sämtlichen Supermärkten des Landes zur Verfügung stehen. Aber gelingen mag mir das nicht wirklich; dafür sind die Dimensionen der Massenproduktion einfach zu groß.
Sicher kann man sich nicht über alles so detailliert Gedanken machen, wie ich es gerade in dem Beispiel "Lebensmittelvorrat" angedeutet habe. Denn über die Vielfalt und Masse, in der uns Güter zur Verfügung stehen, würden wir irgendwann wahnsinnig werden. Vor allem, wenn man die Tatsache bedenkt, wieviele dieser Produkte tagtäglich in die Tonne gekloppt werden. Es heißt, dass jeder Deutsche Lebensmittel für 330 Euro pro Jahr wegwirft - insgesamt sind das 20 Millionen Tonnen meist noch genießbares, gutes Essen. Im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wären solche Zustände unvorstellbar gewesen, aber die Bundesrepublik Deutschland hat es in dieser Relation wahrlich weit gebracht.
Ich hatte die letzten Wochen erwähnt, ich würde es meiden, über EHEC zu sprechen. Da jetzt das Thema weitestgehend aus den Nachrichten und damit aus den Köpfen der Massen raus ist, wird es Zeit, doch mal darüber zu reden (vor allem, da wir jetzt weniger panisch wie Schafe denken, was die Ansteckung angeht!).
Es wurde ja viel darüber diskutiert, wie falsch die Regierung an die Sache mit dem EHEC Virus herangegangen ist, wieviel Zeit vergeudet wurde, den Erregerherd ausfindig zu machen oder die medizinische Versorgung zu optimieren. Alles, was mir in dem Moment wirklich sauer aufgestoßen war in diesser Zeit, war der Umgang mit den Lebensmitteln. Zunächst waren ja die spanischen Gurken (neben allen Gurken überhaupt und Tomaten und Blattsalaten) an der Misere Schuld. Und wie hat der doch immer so besonnene deutsche Bürger reagiert? Nach der Warnungsmeldung von Verbraucherministerin Aigner persönlich haben alle brav auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Salaten verzichtet. Was dann passierte? Das Bildmaterial in den Nachrichten türmte sich, Gurken wurden massenweise in den Müll geworfen, Salate wurden direkt auf dem Feld durch den Schredder zerstört. Es kam in diesen Wochen ganz deutlich zum Vorschein, was keiner eigentlich wahrhaben will im Ernährungsstumpfsinn: wir Deutschen haben wahrlich viel zu viel zu essen!
Der Witz an der Sache war im Nachhinein nur, dass keiner der drei Hauptbeschuldigten Schuld an der Verbreitung von EHEC war... stattdessen waren es Sprossen, die auch nur durch eine Mitarbeiterin, die das Virus in sich trug, kontaminiert sind. Fall erledigt, Akte geschlossen, Deutschland kann wieder aufatmen. Nun, anders gesehen heißt das aber: es sind immer noch Millionen Gurken, Tomaten und Salatköpfe einen "sinnlosen Tod" gestorben (wenn man's mal ganz lyrisch sehen will), mit denen locker ganze Städte hätten gesättigt werden können.
Aber, wie gesagt, Deutschland hat einfach zuviel zum Essen. Woran das liegt? Liegt es wirklich an der Angst, dass wir, hätten wir weniger Vorräte, verhungern könnten? Bereitet uns ein Tod, dessen Qualen wir nicht einmal im Ansatz kennen, solche seelischen Schmerzen? Das kommt ja fast der Angst der Menschen im Mittelalter vor der Hölle nahe. Als Ablaßbriefe für Verwandte und sich selbst gekauft wurde, damit man nicht unter den Qualen des ewigen Höllenfeuers leiden sollte. Wenn man dieses Beispiel wirklich mit der heutigen Angst vorm Hungertod vergleicht, wäre es doch eigentlich schön, wenn man sich mit Ablaßbriefen vor dem Hungertod retten könnte. Wenigstens bräucht es dann nicht die übermäßige Flut an Lebensmitteln.
Damit sind wir natürlich noch nicht aus der Sache mit dem "Genuss ohne Gewissen" raus. Immerhin geht es uns Wohlstandsbürgern längst nicht mehr darum, einfach satt zu werden... das würde nämlich nur zur Hälfte erklären, warum es solch eine Vielfalt an Lebensmitteln gibt.
Essen ist längst nicht mehr nur dazu da, um satt zu werden. Allein die Menge und Vielfalt, die jeder von uns jeden Tag zu sich nimmt (Magermodels mal ausgenommen!) beweisen das. Wir brauchen das Essen und das nur sekundär zum Selbsterhalt. Primär wollen wir Essen genießen, mit mindestens drei Sinnen: Geruch, Geschmack und Optik. Der Trend nimmt dabei immer wahnwitzigere Formen an.
An unser Essen stellen wir inzwischen die höchsten Ansprüche: wir wollen nicht immer das Gleiche zur gleichen Uhrzeit essen (mal einfallslose TK-Pizza & Döner-Junkies ausgenommen!), wir wollen auf Entdeckungsreise gehen. Kulinarische Weltreisen in unserer kleinen bescheidenen Kochecke - oder den verschiedendsten Restaurant von den Maestros der Kochkunst zubereitet. Es ist nicht nur wichtig, das Essen zu kennen, dass in unseren Nachbarländern gegessen wird, wir wollen mehr. Höher, schneller, weiter gilt eben auch für die Themenwelt "Essen & Trinken". Immer außergewöhnlicher, teurer, exquisiter müssen die Geschmäcker sich in unserem Gaumen hin- und herwälzen. Wir preschen mit unserem Essen in ferne Länder vor, die wir in unserem Leben wahrscheinlich nie bereisen werden: Indien, Thailand, Australien, Neuseeland, Südafrika... es gibt inzwischen keine Küche, auf die nicht bereits in irgendeiner Weise der Fokus gelegt wurde. Auch in punkto "industriell hergestelltem Essen".
Grillsaucen mit indischem oder chinesischem Allroundflavour sind da nur der Anfang. Und es verkauft sich doch verdammt gut... billiger und stressfreier als ein authentischer Trip in die Länder ist es allemal, eine Grillsauce "Sweet China" für 80 Cent im Supermarkt zu kaufen. Die Wahrheit über chinesisches Essen wollen dann nur die wahren "Kulinariker mit Abenteuer im Blut", die alles ausprobieren, egal wie schmerzhaft oder geschmacklos es ist.
Auch die ständige Suche nach immer mehr Gechmacksformen und die ewige Verschwendung von Lebensmittelbeständen nur zur eigenen Befriedigung durch den Gaumen kann ruhigen Gewissens als "Größenwahn" bezeichnet werden. Nichts gegen gutes Essen! Auch ich liebe gute Küchen und das aus aller Welt. Und im Punkt "alles ausprobieren, kochen und essen wollen" kann ich mich auch ruhigen Gewissens schuldig bekennen. Der Schlüssel liegt wohl im Maß, nicht in der Masse. Wie mit allem im Leben.
Deutschland ist Spitzenreiter, wenn es um Dickleibigkeit geht. Dabei sind drei Viertel aller erwachsenen Männer und über die Hälfte der Frauen übergewichtig. Lachten wir vor einigen Jahren über die Übergewichtsrate der US-Bürger, ist inzwischen klar, dass wir uns (dank des Vorbilds amerikanischer Ernährung) dicht auf den Fersen der Amerikaner befinden. Ein immer bequemeres Leben gepaart mit immer weitreichenderen, fett- und zuckerreichen Ernährung hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Gegentrends gibt es natürlich auch, in übertriebener Pseudoaskese und so viel Sport, dass sich die Gelenke auf das hohe Alter des Sportlers nicht freuen dürften.
Das Gegenteil zum "Genuss ohne Gewissen" lag für Ghandi wohl in der Askese, in der der Fastende spirituelle Erleuchtung erhoffte durch den Verzicht auf Essen. Vergleichbar mit Magermodels ist das natürlich nicht, die essen nur nichts, um eine gute Figur zu erhalten. Fastende fasten nicht, um Gewicht zu verlieren, sondern (um es platt auszudrücken!) um zu Verstand zu kommen. Dass Essen unseren Verstand blenden kann, dürfte wohl jedem klar sein, wenn er darüber nachdenkt, wie wir uns durch das Essen manipulieren lassen. Ein Essen, dass verführerisch aussieht, ist bereits in unserem Mund, ehe wir darüber nachdenken können, woher die Zutaten für das Essen kommen, ob das Essen hygienisch einwandfrei ist etc.
Wen interessiert da schon "Gammelfleisch", wenn das Steak auf dem Teller so verdammt gut aussieht? Wirklich sehen kann man Gammelfleisch nicht, man kann es schmecken (und dann bereuen, dass man je eine gute Meinung davon hatte), aber das Auge spielt uns mehr als einen Streich, wenn es um den Gusto geht.
Ein interessanter Trend in dieser Richtung ist übrigens der "Food Porn". Ja, ganz recht... es handelt sich um "Essen im Pornoformat", wobei allerdings nicht die sexuelle Libido angesprochen werden soll. Es geht um Essen, dass so verführerisch für das menschliche Auge fotografiert wird, dass man schon beim Anblick einen Orgasmus bekommt. Also quasi "Playboy kulinarisch": das Essen löst Lustgefühle aus, ohne dass man es riechen oder schmecken kann.
Doch "Genuss ohne Gewissen" beschränkt sich ja nicht nur auf das, was wir oral aufnehmen und unseren Verdauungstrakt durchwandert. Genuss gibt es in vielen verschiedenen Formen. Und wo wir schon beim Thema "Porno" sind, auch dort gibt es den Genuss. Sexueller Genuss wird inzwischen derart hoch angepriesen, dass die Menschen vergessen, wozu Sex an sich überhaupt da ist. Und auch hier gibt es den "Genuss ohne Gewissen".
Wenn wir zurückblicken auf die Zeiten von Hungersnöten und Wirtschaftskrisen (um 1929), waren die Menschen dieser Zeit auch sexuell gesehen ganz andere wie die, die wir heute neben und vor uns haben. Ein Sexualpartner für's Leben.. so könnte man die Devise der damaligen Zeit zusammenfassen. Nicht flächendeckend, aber der Gedanke an Sex mit vielen wechselnden Partnern stellte sich doch wesentlich seltener als heute. Wir sind heute dank Kondomen und Pille wesentlich privilegierter als damals, wo man mit einem Mal Sex gleich den Artenerhalt sichern konnte.
Doch wie mit allem im Leben geht es um die Extreme. Und wo früher kaum Sex praktiziert wurde aus Angst vor erneutem Nachwuchs, wird dank dem Schlupfloch "Pille" (oder Kondom, je nachdem) der Sex bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Nicht, dass ich zum Moralprediger in dieser Sache mutieren möchte, das läge mir absolut fern. Doch auch sexueller Übergenuss, ohne ein Gewissen zu haben, kann schädlich sein - für sich selbst und für andere.
Spätestens, wenn Verhütung missachtet wird oder wenn der Sexualtrieb immer abenteuerlichere Ausmaße annimmt. Die Pornoindustrie mutiert inzwischen in ihren Videos schon zu olympischen Gymnastikübungen, wo man sich anfangen könnte zu fragen: was bringt's? Sexuelle Erfüllung? Oder eher ein paar gebrochene Rippen? Und die Zweisamkeit, nach der sich der Mensch so potenziell sehnt, bleibt bei all dem eh auf der Strecke. Wenn immer mehr Pornos gezeigt werden, in der Frauen mit immer mehr Männern gleichzeitig ungeschützten Verkehr haben, kann man sich zwangsläufig nur noch mit den Worten der "Black Eyed Peas" fragen: "Where is the love?"
Vielleicht geht es in den Todsünden alles in allem wirklich nur darum, die Liebe als höchstes Gut zu bewahren. Im weitesten Sinne (bei diesem Thema) die Liebe zum Essen, die Liebe zum guten, weil nicht wahllosen Sex und die Liebe zueinander. Ohne sich gegenseitig die Butter vom Brot nehmen zu wollen. Schließlich haben wir doch so viel Butter, so viele Kühe, die Milch für die Butter geben - und so viele Supermärkte, wo man kiloweise Butter kaufen kann.
Zweifel mögen sich an der Überflussgesellschaft nur breitmachen, wenn Menschen kurz vor Feiertagen in Panik durch den Supermarkt strömen und mit Ellenbogen und Beinchen stellen sich die besten Lebensmittel sichern wollen. Das alles in einer Welt, in der auf der anderen Seite der Erde in Haiti Menschen qualvoll verhungern ... so ganz ohne Butter, ohne Milch und ohne Kühe.
Schöne Welt ohne Probleme, grausame Welt ohne Gewissen - in diesem Sinne, ein schönes (kulinarisch wie sexuell erfülltes) Wochenende! Bis zum nächsten Freitag (bzw. Sommerlochmittwoch! ;-))
LG Gene :-)
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Freitag, 24. Juni 2011
Freitag, 17. Juni 2011
"Die aktuelle Sündenwoche" - 1. Tag - Montagsreichtum
Wie versprochen komme ich an diesem Freitag zum ersten Teil meiner Sommerloch-Serie. Seit dem letzten Eintrag ist wieder einmal viel Wasser die Mosel (oder auch andere Flüsse dieser Welt) hinabgeflossen und nicht jedes Gemüt blieb bei dem Thema "Narzissmus" so kalt wie das Wetter derzeit in Deutschland. Es scheint, als hätte ich einige narzisstische Gemüter allzu stark erhitzt in der Gewissensfrage: "Wieviel Narzissmus ist gut für uns?". Nun bin ich nicht dazu da, Menschen zu be- oder verurteilen aufgrund von übersteigerter Eigenliebe... und mein Blog ist es genausowenig. Vielleicht muss ich erneut den Leser einfach daran erinnern, dass es hier nur um ein paar Denkanstöße geht - auch an mich selbst! Denn nur, weil ich mich mit einem Text öffentlich an ein Publikum wende, heißt das nicht, dass ich in dem Schreibprozess nicht selbst darüber nachdenke, wie ich bestimmte Dinge im Leben angehe.
So und ähnlich hat sich auch die Themenfindung für die Serie gegen die Langeweile im Sommerloch abgespielt. Dabei hat mich das Thema schon sehr lange beschäftigt und indirekt hängt es auch mit dem Thema der vergangenen Woche zusammen. Denn in dem (bereits erwähnten) Buch "Narzissmus Epidemie" wurden nicht nur die Symptome und Phänomene übersteigerten Narzissmusses präsentiert, sondern auch Ansätze zur Eindämmung der Epidemie. Dabei wurde allerdings relativ nüchtern auch festgestellt, dass die Epidemie kaum aufzuhalten sei.
Mitnichten ist es einfach, die Selbstverliebtheit gegen eine bescheidenere Art des Lifestyles zu tauschen. In dem Buch sprachen die Autoren unter anderem davon, dass sich die Menschen bewusst werden müssten, sich wieder stärker religiösen Lebenseinstellungen zuzuwenden. An dieser Stelle hatte ich dann so meine Probleme, da ich nicht wirklich glaube, dass Religion alles im Leben lösen kann.
Nun braucht der Mensch allgemein eine Art Anker, an dem er sich festhalten kann. Dieser Anker kann durch vieles repräsentiert werden, beinhaltet meist aber im Kern eine Frage: "Warum leben?" und den damit verbundenen Fragen "Was mache ich eigentlich hier?", "Woher komme ich?" und "Wohin gehe ich?". Für die meisten Menschen war über Jahrhunderte hinweg die Religion (egal, ob man sich nun für das Christentum, den Buddhismus, den Hinduismus, das Judentum oder den Islam entschied) der entscheidende Mittelpunkt im Leben. Die Religion bildete den Grundstein für die Lebensart, für die man sich innerhalb einer Gesellschaft entschied.
In den letzten Jahrzehnten hat sich diese traditionsreiche Einstellung immer mehr verändert. Dabei geht es nicht nur um Atheismus, der beinhaltet, einfach an gar nichts zu glauben, was man nicht mit Sicherheit beweisen kann, sondern um eine Grundeinstellung, die in Zweifel zieht, dass Religion wirklich mit dem strengen Auge hoher Geistlicher gesehen werden muss/soll.
Ob das nun wiederum am Kapitalismus und der Gewinner/Verlierer-Einstellung der Allgemeinheit liegt ist fraglich. Wahrscheinlicher für die Verdrossenheit der Religion gegenüber ist die immer besser werdende Bildung der Massen, durch die der "gemeine Mob" (wie früher die durchschnittlich oder unterdurchschnittlich bezahlte Mehrheit der Gesellschaft genannt wurde) nicht mehr so manipulierbar ist wie vor einigen Jahrhunderten.
Da das Lesen und Schreiben zu den Grundfähigkeiten zählen, die jeder erlernen kann und mit denen fast jeder als Erwachsener ausgestattet ist, wird in der Wissgier der Menschen immer mehr in Frage gestellt. Und damit auch die Religion. Natürlich sind wir längst nicht soweit, dass alle Religionen abgeschafft wurden, ganz im Gegenteil entsteht neben der Religionsverdrossenheit der Fanatismus in der Religion, der Motive einer Religion so stark verdreht, dass sie in etwas Zerstörerisches umgewandelt wird.
Nun, das hier ist kein Religionsblog! Und ich selbst bin weit entfernt davon, ein streng gläubiger Mensch zu sein, wie er noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts existierte. Ich sehe auch nicht in der Zuwendung zur Religion das Allerweltsheil im Kampf gegen gesteigerten Narzissmus. Denn auch in der Religion gibt es durchaus genug davon.
Allerdings habe ich durch die Erwähnung des Themas "Religion" nachgedacht und mich nach einer Weile gefragt: "Was ist eigentlich aus den Todsünden geworden?".
In der heutigen Gesellschaft wird an vielen Ecken und Enden immer mehr bemängelt, wie abgebrüht oder hemmungslos wir Menschen uns benehmen. Sei es bei Jugendlichen, die an U-Bahn-Stationen willkürliche herausgepickte Opfer halb oder gar ganz tot prügeln. Oder Politiker, die dem Wähler das Blaue vom Himmel lügen, um später dann doch mit der Wirtschaft Hand in Hand zu arbeiten - alles in der Hoffnung, später einen gut dotierten Job in deren Reihen zu ergattern, wenn die Politikerkarriere einmal vorbei ist.
An diesen Punkten muss man sich (religiös oder nicht) doch fragen, wohin unsere Gesellschaft geht. Und wie sie so weit kommen konnte.
Dass die sieben zu Todsünden führenden Charaktereigenschaften Hochmut, Geiz, Wolllust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit uns noch nie weit gebracht haben, hat die Geschichte schon oft gezeigt, im Kleinen wie im Großen. Weitaus interessanter fand ich allerdings die sieben Todsünden der Modernen Welt, festgelegt von Mahatma Ghandi. Denn diese treffen heute mehr denn je auf unsere Gesellschaft zu und zeigen auf, wie sehr wir uns jeden Tag aufs Neue mit diesen Todsünden selbst ein Beinchen stellen.
Den Auftakt der Reihe machen wir nun (wie in einem klassischen Wochenzyklus) beim Montag - und der Todsünde "Reichtum ohne Arbeit". Und passender könnte diese Todsünde gerade gar nicht sein.
Logisch ist doch, dass (fast) Jeder am Montag seine Arbeitswoche beginnt - in der Hauptsache, um Geld zu verdienen. So sehr wir auch darauf pochen wollen, dass uns unsere Arbeit Spaß macht oder wir uns beruhigen wie sehr uns die Beschäftigung Freude bereitet, im Ende geht es immer um den schnöden Mammon. Was uns allerdings in den letzten Wochen wirklich gebannt bewegt ist die Situation des kurz vor der Pleite stehenden Griechenland.
Seit 2007 fürchtet sich die gesamte Weltwirtschaft vor der Finanzkrise, die viele Menschen (inklusive ihrer Immobilien) in die Pleite trieb, Tausende von Menschen ihren Job kostete und nun ganze Nationen in die Pleite führt. Wir Deutsche waren dabei noch verhältnismäßig gut davongekommen und ständig rühmt sich die derzeitige Regierung damit, wie gut wir mit der Finanzkrise zurechtgekommen sind. Man könnte allerdings meinen, wir sind im Ende zu gut aus der Sache rausgekommen, denn in den letzten Jahren ist Deutschland (neben anderen Nationen) nur noch damit beschäftigt, Hilfsmittel in die verschiedensten Kanäle zu pumpen und damit die ultimative Katastrophe, die Inflation, abzuwenden. Das war bei der Bankenkrise der Fall, aus der die Regierung mit millardenschweren Rettungspaketen aushalf. Dann kam der finanzielle Zerfall Irlands, das ehemalige europäische Wirtschaftswunder. Und nun ist es Griechenland. Neben Spanien und Portugal hat es Griechenland am Härtesten erwischt, das Land ist finanziell in die Knie gezwungen worden. Dabei ist wohl jedem bewusst, dass diese Pleite vor allem auf Mißwirtschaft und den lächerlichen Umgang der Griechen im Geldverteilen zurückzuführen ist.
Nun, es liegt wohl nicht nur daran, dass die Griechen ein niedrigeres geplantes Renteneintrittsalter im Gegensatz zu Deutschland haben. Denn obwohl Kanzlerin Merkel fordert, das Renteneintrittsalter aller EU-Staaten auf 67 anzuheben und damit Deutschland anzugleichen, so liegt im eigentlichen Renteneintrittsalter Griechenland fast gleichauf mit Deutschland. Was nützt also ein geplantes Renteneintrittsalter von 67, wenn die Deutschen im Durchschnitt doch mit 62 in Rente gehen? Und da unsere Wirtschaft nicht kaputt ist und wir nicht bedürftig sind nach Milliardenpaketen aus anderen EU-Staaten, kann es wohl kaum ausschließlich daran liegen, dass Griechenland jetzt pleite ist.
Allerdings ist das Renteneintrittsalter oder die Tatsache, dass Renten an bereits tote Bürger Griechenlands weitergezahlt wurden, ohne zu überprüfen, ob die betreffenden Personen noch leben, Baustein für Baustein der Teil des Gesamtproblems. Im Groben und Ganzen kann man auch in dieser Situation vom "Reichtum ohne Arbeit" zu reden. Nicht, dass kein Grieche etwas arbeitet - aber wie kann es sein, dass milliardenschwere Rettungspakete geschnürt werden, die dann an das Land gegeben werden, um zu retten, was noch zu retten ist ... und im Gegenzug hört man nur noch in den Schlagzeilen (ähnlich wie bei Portugal) wie sehr die Politik NICHT bereit ist, den Haushalt enger zu schnallen und Lösungen zu finden, um das Land vor dem Bankrott zu retten?
Ist es im Ende wirklich so, dass wir uns im Ende zu sehr auf andere verlassen, die den Karren aus dem Dreck ziehen? Es geht bei der Todsünde "Reichtum ohne Arbeit" nicht nur um Griechenland, sondern um uns alle. Keiner kann sich wirklich von dem Vorwurf freisprechen, lieber sein Geld mit weniger als mit freiwilliger Mehrarbeit verdienen zu wollen.
Gut, im Durchschnitt leistet der deutsche Festangestellte drei Überstunden die Woche. Doch freiwillige Überarbeit ist nicht darin begründet, dass der Mensch gerne arbeitet, oft geht es um den sicheren Erhalt seiner Arbeit, die Gewissheit, dass man auch Festangestellter bleibt. Schlussendlich hat die Ableistung von Überstunden auch viel mit der Furcht, den Job zu verlieren, zu tun... nicht mit der reinen Arbeitsfreude.
Schlimmer wird der Fall erst, wenn man mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen möchte. Dieses Phänomen trat erst Anfang bis Mitte der 90er auf, als anscheinend die gesamte Mittelschichtswelt an die Börse strebte und Aktien kaufte. Dabei ging es nicht darum, sein Geld sicher für die Zukunft anzulegen für schlechte Zeiten.... das Börsenfieber schlug mit der Absicht um sich, jeden mit möglichst wenig Aufwand potenziell zum Millionär zu machen.
Als es einige Fälle von Aktienmillionären gab, war der Rest der Bevölkerung schnell angesteckt. Bei jedem Börsengang jedes Großunternehmens war nicht nur die Presse, sondern auch jeder Durchschnittsbürger gebannt dabei. Bis zum Börsenkrach.
Der Katzenjammer war groß, als die Aktienkäufer feststellten, dass die Börse keine sichere Geldanlage, sondern ein riskantes Spiel ist, bei dem man wie beim Roulette alles gewinnen oder auch verlieren konnte. Das scheinbar so einfach verdiente Geld an der Börse war nicht nur nicht da, die Börse nahm den Börsenlaien auch noch ihr hart erspartes Geld weg. Im Prinzip hätten die Menschen spätestens ab diesem Punkt begreifen müssen, wie hart es ist, Geld zu verdienen. Und dass es keinen wirklichen Weg gibt, die Arbeit als Treibmittel, Geld zu bekommen, zu umschiffen.
Bereits letzte Woche sprach ich vom Narzissmus, immer reicher werden zu wollen und dadurch zu immer größerer Macht zu gelangen, den Materialismus in seinem eigenen kleinen Universum zu vergrößern. Heute ist die Gier nach viel Geld und einer abgesicherten Zukunft nicht nur für sich, sondern auch für seine Kinder und deren Kinder, wesentlich größer als noch vor einigen Jahrzehnten. Und noch nie wurden Menschen, die mit Faulheit zum großen Geld kamen, mehr gehasst und gleichzeitig geliebt wie heute.
Wir regen uns (da wir hart arbeiten und uns bemühen, jeden Euro ehrlich zu verdienen) immer wieder über die auf, die auch ohne Arbeit an Geld kommen. An der Spitze stehen dabei ausgerechnet Arbeitslose, die monatliche finanzielle Unterstützung bekommen. Natürlich ist es ungerecht, wenn Hartz IV Empfänger es durch Steuergelder schaffen, im Monat über die Runden zu kommen, während der arbeitende Durchschnittsbürger jede Woche mindestens 40 Stunden auf der Arbeit verbringt und unterm Strich das Gleiche erreicht. So sehr ich den Arbeitern in ihrem Unmut darüber zustimmen möchte, so sehr wundere ich mich zur gleichen Zeit, warum sie sich wesentlich weniger über Menschen echauffieren, die eine sehr hohe Summe an Geld für fast gar keine Arbeit verdienen.
Was ist zum Beispiel mit hochbezahlten Managern in Großunternehmen? Jeder Manager wird es natürlich nicht müde, in jedem Interview mit Journalisten zu beklagen, wieviel und wie hart sie für ihr Geld arbeiten müssen. Doch seien wir ehrlich: wenn diese Menschen wirklich so hart arbeiten müssten, wie sie behaupten, warum haben sie dann überhaupt noch die Zeit für Interviews? Und warum sehen diese Menschen noch so verdammt gesund aus für den harten Alltag, den sie angeblich haben? Wenn sie wirklich von der Stundenzahl so hart arbeiten würden wie ein Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert, würde keiner mehr den Job des Managers machen wollen; weil er dann nach spätestens 20 Jahren im Amt tot wäre.
In Anbetracht dieses Vergleichs werden Manager doch noch verdammt alt, oder? Ähnlich sieht es mit der Prominenz aus, sei es aus Sport, Kunst oder (um seriös zu bleiben) Politik. Man kann sich vorstellen, dass Musikkünstler manche Tage 14 bis 16 Stunden arbeiten... denn wenn die Werbemaschinerie angekurbelt werden muss, muss sie angekurbelt werden und das pronto. Aber was rechtfertigt dann die Bezahlung dieser Künstler in mehrstelliger Millionenhöhe? Was macht ein Popkünstler besser als Durchschnittsarbeiter? Inwieweit rechtfertigt Öffentlichkeitsarbeit eine Entlohnung, die in der Jahresbilanz so hoch ist, dass kein Durchschnittsbürger diese Summe in seinem gesamten Leben erarbeiten wird?
Wir haben also weitaus weniger Probleme mit einer Lady Gaga, die Millionen an ihrer Musik verdient oder Joseph Ackermann, Chef der Deutschen Bank, der jedes Jahr millionenhohe Gehälter kassiert als mit einem Hartz IV Empfänger, der ca. 500 Euro im Monat zur Lebenssicherung zugestanden bekommt. Natürlich, die ersten Beiden arbeiten für ihr Geld - aber wieso wird Arbeit auf der einen Seite so unrealistisch hoch bezahlt und auf der anderen Seite werden Tarife für einen Job festgelegt? Sind die Grenzen wirklich nach oben offen, sobald es um Verantwortung oder Öffentlichkeitsarbeit geht?
"Reichtum ohne Arbeit" ist ein natürlich viel weitverbreiteteres Phänomen als nur in diesen paar Beispielen. Eigentlich gibt es mitten unter uns verflucht viele Menschen, die versuchen, mit allen Mitteln außer Arbeit an Reichtum zu kommen. Hacker, die wie diese Woche zwei junge Männer, die meinten, unveröffentlichte Songs von Weltstars von deren Privat-PCs zu klauen und im Internet zu verkaufen. Eventmanager, die gerne mal im Voraus Summen in vielstelligen Höhen kassieren und sich anschließend aus dem Staub machen. Und das, weil sie entweder gar nicht die Qualifikation oder das Grundwissen zum Gestalten eines Events haben oder schlichtweg in großen Versprechungen den Nerv der Menschen treffen, die sich dann nur zu gerne prellen lassen.
Die Liste ließe sich mit Betrügern, Schwindlern und Steuerhinterziehern fortsetzen. Oder Politikern des EU-Parlaments, die sich selbst gerne mal für EU-Ratssitzungen in Anwesenheitslisten eintragen, um dann, ohne an der Sitzung teilgenommen zu haben, wieder verschwinden. Nur um das Geld für die angebliche Anwesenheit zu kassieren. Vielleicht ist das "Reichtum ohne Arbeit" in Reinkultur. Und damit eine Todsünde der Modernen Welt.
Was wir daraus lernen? Wahrscheinlich eher wenig. Denn die Beispiele für "Reichtum ohne Arbeit" motivieren den Durchschnittsbürger nicht gerade, ehrlich und hart arbeitend durch's Leben zu gehen. Alles, was aus solchen Beispielen resultiert, ist die immer größer werdende Suche nach dem Reichtum, ganz ohne viel dafür tun zu müssen.
Nicht alle Menschen werden je so werden; es wird glücklicherweise immer die geben, die gerne ehrlich arbeiten. Menschen, die es schätzen, für ihre Arbeit ein Gehalt zu bekommen, ganz gleich, ob es millionenschwer oder doch nur im Tarifbereich ist. Das sind die Menschen, die erkannt haben, dass Reichtum nicht alles im Leben ist - und wir eher Arbeit als zentrale Beschäftigung des Lebens brauchen als Reichtum. Denn Geld im Überfluss führt nur zu Faulheit - und daraus resultiert die quälende Depression, die das Leben weitaus höher belastet als wenn man sein Leben mit einem Quantum zuviel Arbeit füllt.
In diesem Sinne - bis zum nächsten Freitag und dem zweiten Teil von "Die aktuelle Sündenwoche".
LG Gene :-)
So und ähnlich hat sich auch die Themenfindung für die Serie gegen die Langeweile im Sommerloch abgespielt. Dabei hat mich das Thema schon sehr lange beschäftigt und indirekt hängt es auch mit dem Thema der vergangenen Woche zusammen. Denn in dem (bereits erwähnten) Buch "Narzissmus Epidemie" wurden nicht nur die Symptome und Phänomene übersteigerten Narzissmusses präsentiert, sondern auch Ansätze zur Eindämmung der Epidemie. Dabei wurde allerdings relativ nüchtern auch festgestellt, dass die Epidemie kaum aufzuhalten sei.
Mitnichten ist es einfach, die Selbstverliebtheit gegen eine bescheidenere Art des Lifestyles zu tauschen. In dem Buch sprachen die Autoren unter anderem davon, dass sich die Menschen bewusst werden müssten, sich wieder stärker religiösen Lebenseinstellungen zuzuwenden. An dieser Stelle hatte ich dann so meine Probleme, da ich nicht wirklich glaube, dass Religion alles im Leben lösen kann.
Nun braucht der Mensch allgemein eine Art Anker, an dem er sich festhalten kann. Dieser Anker kann durch vieles repräsentiert werden, beinhaltet meist aber im Kern eine Frage: "Warum leben?" und den damit verbundenen Fragen "Was mache ich eigentlich hier?", "Woher komme ich?" und "Wohin gehe ich?". Für die meisten Menschen war über Jahrhunderte hinweg die Religion (egal, ob man sich nun für das Christentum, den Buddhismus, den Hinduismus, das Judentum oder den Islam entschied) der entscheidende Mittelpunkt im Leben. Die Religion bildete den Grundstein für die Lebensart, für die man sich innerhalb einer Gesellschaft entschied.
In den letzten Jahrzehnten hat sich diese traditionsreiche Einstellung immer mehr verändert. Dabei geht es nicht nur um Atheismus, der beinhaltet, einfach an gar nichts zu glauben, was man nicht mit Sicherheit beweisen kann, sondern um eine Grundeinstellung, die in Zweifel zieht, dass Religion wirklich mit dem strengen Auge hoher Geistlicher gesehen werden muss/soll.
Ob das nun wiederum am Kapitalismus und der Gewinner/Verlierer-Einstellung der Allgemeinheit liegt ist fraglich. Wahrscheinlicher für die Verdrossenheit der Religion gegenüber ist die immer besser werdende Bildung der Massen, durch die der "gemeine Mob" (wie früher die durchschnittlich oder unterdurchschnittlich bezahlte Mehrheit der Gesellschaft genannt wurde) nicht mehr so manipulierbar ist wie vor einigen Jahrhunderten.
Da das Lesen und Schreiben zu den Grundfähigkeiten zählen, die jeder erlernen kann und mit denen fast jeder als Erwachsener ausgestattet ist, wird in der Wissgier der Menschen immer mehr in Frage gestellt. Und damit auch die Religion. Natürlich sind wir längst nicht soweit, dass alle Religionen abgeschafft wurden, ganz im Gegenteil entsteht neben der Religionsverdrossenheit der Fanatismus in der Religion, der Motive einer Religion so stark verdreht, dass sie in etwas Zerstörerisches umgewandelt wird.
Nun, das hier ist kein Religionsblog! Und ich selbst bin weit entfernt davon, ein streng gläubiger Mensch zu sein, wie er noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts existierte. Ich sehe auch nicht in der Zuwendung zur Religion das Allerweltsheil im Kampf gegen gesteigerten Narzissmus. Denn auch in der Religion gibt es durchaus genug davon.
Allerdings habe ich durch die Erwähnung des Themas "Religion" nachgedacht und mich nach einer Weile gefragt: "Was ist eigentlich aus den Todsünden geworden?".
In der heutigen Gesellschaft wird an vielen Ecken und Enden immer mehr bemängelt, wie abgebrüht oder hemmungslos wir Menschen uns benehmen. Sei es bei Jugendlichen, die an U-Bahn-Stationen willkürliche herausgepickte Opfer halb oder gar ganz tot prügeln. Oder Politiker, die dem Wähler das Blaue vom Himmel lügen, um später dann doch mit der Wirtschaft Hand in Hand zu arbeiten - alles in der Hoffnung, später einen gut dotierten Job in deren Reihen zu ergattern, wenn die Politikerkarriere einmal vorbei ist.
An diesen Punkten muss man sich (religiös oder nicht) doch fragen, wohin unsere Gesellschaft geht. Und wie sie so weit kommen konnte.
Dass die sieben zu Todsünden führenden Charaktereigenschaften Hochmut, Geiz, Wolllust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit uns noch nie weit gebracht haben, hat die Geschichte schon oft gezeigt, im Kleinen wie im Großen. Weitaus interessanter fand ich allerdings die sieben Todsünden der Modernen Welt, festgelegt von Mahatma Ghandi. Denn diese treffen heute mehr denn je auf unsere Gesellschaft zu und zeigen auf, wie sehr wir uns jeden Tag aufs Neue mit diesen Todsünden selbst ein Beinchen stellen.
Den Auftakt der Reihe machen wir nun (wie in einem klassischen Wochenzyklus) beim Montag - und der Todsünde "Reichtum ohne Arbeit". Und passender könnte diese Todsünde gerade gar nicht sein.
Logisch ist doch, dass (fast) Jeder am Montag seine Arbeitswoche beginnt - in der Hauptsache, um Geld zu verdienen. So sehr wir auch darauf pochen wollen, dass uns unsere Arbeit Spaß macht oder wir uns beruhigen wie sehr uns die Beschäftigung Freude bereitet, im Ende geht es immer um den schnöden Mammon. Was uns allerdings in den letzten Wochen wirklich gebannt bewegt ist die Situation des kurz vor der Pleite stehenden Griechenland.
Seit 2007 fürchtet sich die gesamte Weltwirtschaft vor der Finanzkrise, die viele Menschen (inklusive ihrer Immobilien) in die Pleite trieb, Tausende von Menschen ihren Job kostete und nun ganze Nationen in die Pleite führt. Wir Deutsche waren dabei noch verhältnismäßig gut davongekommen und ständig rühmt sich die derzeitige Regierung damit, wie gut wir mit der Finanzkrise zurechtgekommen sind. Man könnte allerdings meinen, wir sind im Ende zu gut aus der Sache rausgekommen, denn in den letzten Jahren ist Deutschland (neben anderen Nationen) nur noch damit beschäftigt, Hilfsmittel in die verschiedensten Kanäle zu pumpen und damit die ultimative Katastrophe, die Inflation, abzuwenden. Das war bei der Bankenkrise der Fall, aus der die Regierung mit millardenschweren Rettungspaketen aushalf. Dann kam der finanzielle Zerfall Irlands, das ehemalige europäische Wirtschaftswunder. Und nun ist es Griechenland. Neben Spanien und Portugal hat es Griechenland am Härtesten erwischt, das Land ist finanziell in die Knie gezwungen worden. Dabei ist wohl jedem bewusst, dass diese Pleite vor allem auf Mißwirtschaft und den lächerlichen Umgang der Griechen im Geldverteilen zurückzuführen ist.
Nun, es liegt wohl nicht nur daran, dass die Griechen ein niedrigeres geplantes Renteneintrittsalter im Gegensatz zu Deutschland haben. Denn obwohl Kanzlerin Merkel fordert, das Renteneintrittsalter aller EU-Staaten auf 67 anzuheben und damit Deutschland anzugleichen, so liegt im eigentlichen Renteneintrittsalter Griechenland fast gleichauf mit Deutschland. Was nützt also ein geplantes Renteneintrittsalter von 67, wenn die Deutschen im Durchschnitt doch mit 62 in Rente gehen? Und da unsere Wirtschaft nicht kaputt ist und wir nicht bedürftig sind nach Milliardenpaketen aus anderen EU-Staaten, kann es wohl kaum ausschließlich daran liegen, dass Griechenland jetzt pleite ist.
Allerdings ist das Renteneintrittsalter oder die Tatsache, dass Renten an bereits tote Bürger Griechenlands weitergezahlt wurden, ohne zu überprüfen, ob die betreffenden Personen noch leben, Baustein für Baustein der Teil des Gesamtproblems. Im Groben und Ganzen kann man auch in dieser Situation vom "Reichtum ohne Arbeit" zu reden. Nicht, dass kein Grieche etwas arbeitet - aber wie kann es sein, dass milliardenschwere Rettungspakete geschnürt werden, die dann an das Land gegeben werden, um zu retten, was noch zu retten ist ... und im Gegenzug hört man nur noch in den Schlagzeilen (ähnlich wie bei Portugal) wie sehr die Politik NICHT bereit ist, den Haushalt enger zu schnallen und Lösungen zu finden, um das Land vor dem Bankrott zu retten?
Ist es im Ende wirklich so, dass wir uns im Ende zu sehr auf andere verlassen, die den Karren aus dem Dreck ziehen? Es geht bei der Todsünde "Reichtum ohne Arbeit" nicht nur um Griechenland, sondern um uns alle. Keiner kann sich wirklich von dem Vorwurf freisprechen, lieber sein Geld mit weniger als mit freiwilliger Mehrarbeit verdienen zu wollen.
Gut, im Durchschnitt leistet der deutsche Festangestellte drei Überstunden die Woche. Doch freiwillige Überarbeit ist nicht darin begründet, dass der Mensch gerne arbeitet, oft geht es um den sicheren Erhalt seiner Arbeit, die Gewissheit, dass man auch Festangestellter bleibt. Schlussendlich hat die Ableistung von Überstunden auch viel mit der Furcht, den Job zu verlieren, zu tun... nicht mit der reinen Arbeitsfreude.
Schlimmer wird der Fall erst, wenn man mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen möchte. Dieses Phänomen trat erst Anfang bis Mitte der 90er auf, als anscheinend die gesamte Mittelschichtswelt an die Börse strebte und Aktien kaufte. Dabei ging es nicht darum, sein Geld sicher für die Zukunft anzulegen für schlechte Zeiten.... das Börsenfieber schlug mit der Absicht um sich, jeden mit möglichst wenig Aufwand potenziell zum Millionär zu machen.
Als es einige Fälle von Aktienmillionären gab, war der Rest der Bevölkerung schnell angesteckt. Bei jedem Börsengang jedes Großunternehmens war nicht nur die Presse, sondern auch jeder Durchschnittsbürger gebannt dabei. Bis zum Börsenkrach.
Der Katzenjammer war groß, als die Aktienkäufer feststellten, dass die Börse keine sichere Geldanlage, sondern ein riskantes Spiel ist, bei dem man wie beim Roulette alles gewinnen oder auch verlieren konnte. Das scheinbar so einfach verdiente Geld an der Börse war nicht nur nicht da, die Börse nahm den Börsenlaien auch noch ihr hart erspartes Geld weg. Im Prinzip hätten die Menschen spätestens ab diesem Punkt begreifen müssen, wie hart es ist, Geld zu verdienen. Und dass es keinen wirklichen Weg gibt, die Arbeit als Treibmittel, Geld zu bekommen, zu umschiffen.
Bereits letzte Woche sprach ich vom Narzissmus, immer reicher werden zu wollen und dadurch zu immer größerer Macht zu gelangen, den Materialismus in seinem eigenen kleinen Universum zu vergrößern. Heute ist die Gier nach viel Geld und einer abgesicherten Zukunft nicht nur für sich, sondern auch für seine Kinder und deren Kinder, wesentlich größer als noch vor einigen Jahrzehnten. Und noch nie wurden Menschen, die mit Faulheit zum großen Geld kamen, mehr gehasst und gleichzeitig geliebt wie heute.
Wir regen uns (da wir hart arbeiten und uns bemühen, jeden Euro ehrlich zu verdienen) immer wieder über die auf, die auch ohne Arbeit an Geld kommen. An der Spitze stehen dabei ausgerechnet Arbeitslose, die monatliche finanzielle Unterstützung bekommen. Natürlich ist es ungerecht, wenn Hartz IV Empfänger es durch Steuergelder schaffen, im Monat über die Runden zu kommen, während der arbeitende Durchschnittsbürger jede Woche mindestens 40 Stunden auf der Arbeit verbringt und unterm Strich das Gleiche erreicht. So sehr ich den Arbeitern in ihrem Unmut darüber zustimmen möchte, so sehr wundere ich mich zur gleichen Zeit, warum sie sich wesentlich weniger über Menschen echauffieren, die eine sehr hohe Summe an Geld für fast gar keine Arbeit verdienen.
Was ist zum Beispiel mit hochbezahlten Managern in Großunternehmen? Jeder Manager wird es natürlich nicht müde, in jedem Interview mit Journalisten zu beklagen, wieviel und wie hart sie für ihr Geld arbeiten müssen. Doch seien wir ehrlich: wenn diese Menschen wirklich so hart arbeiten müssten, wie sie behaupten, warum haben sie dann überhaupt noch die Zeit für Interviews? Und warum sehen diese Menschen noch so verdammt gesund aus für den harten Alltag, den sie angeblich haben? Wenn sie wirklich von der Stundenzahl so hart arbeiten würden wie ein Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert, würde keiner mehr den Job des Managers machen wollen; weil er dann nach spätestens 20 Jahren im Amt tot wäre.
In Anbetracht dieses Vergleichs werden Manager doch noch verdammt alt, oder? Ähnlich sieht es mit der Prominenz aus, sei es aus Sport, Kunst oder (um seriös zu bleiben) Politik. Man kann sich vorstellen, dass Musikkünstler manche Tage 14 bis 16 Stunden arbeiten... denn wenn die Werbemaschinerie angekurbelt werden muss, muss sie angekurbelt werden und das pronto. Aber was rechtfertigt dann die Bezahlung dieser Künstler in mehrstelliger Millionenhöhe? Was macht ein Popkünstler besser als Durchschnittsarbeiter? Inwieweit rechtfertigt Öffentlichkeitsarbeit eine Entlohnung, die in der Jahresbilanz so hoch ist, dass kein Durchschnittsbürger diese Summe in seinem gesamten Leben erarbeiten wird?
Wir haben also weitaus weniger Probleme mit einer Lady Gaga, die Millionen an ihrer Musik verdient oder Joseph Ackermann, Chef der Deutschen Bank, der jedes Jahr millionenhohe Gehälter kassiert als mit einem Hartz IV Empfänger, der ca. 500 Euro im Monat zur Lebenssicherung zugestanden bekommt. Natürlich, die ersten Beiden arbeiten für ihr Geld - aber wieso wird Arbeit auf der einen Seite so unrealistisch hoch bezahlt und auf der anderen Seite werden Tarife für einen Job festgelegt? Sind die Grenzen wirklich nach oben offen, sobald es um Verantwortung oder Öffentlichkeitsarbeit geht?
"Reichtum ohne Arbeit" ist ein natürlich viel weitverbreiteteres Phänomen als nur in diesen paar Beispielen. Eigentlich gibt es mitten unter uns verflucht viele Menschen, die versuchen, mit allen Mitteln außer Arbeit an Reichtum zu kommen. Hacker, die wie diese Woche zwei junge Männer, die meinten, unveröffentlichte Songs von Weltstars von deren Privat-PCs zu klauen und im Internet zu verkaufen. Eventmanager, die gerne mal im Voraus Summen in vielstelligen Höhen kassieren und sich anschließend aus dem Staub machen. Und das, weil sie entweder gar nicht die Qualifikation oder das Grundwissen zum Gestalten eines Events haben oder schlichtweg in großen Versprechungen den Nerv der Menschen treffen, die sich dann nur zu gerne prellen lassen.
Die Liste ließe sich mit Betrügern, Schwindlern und Steuerhinterziehern fortsetzen. Oder Politikern des EU-Parlaments, die sich selbst gerne mal für EU-Ratssitzungen in Anwesenheitslisten eintragen, um dann, ohne an der Sitzung teilgenommen zu haben, wieder verschwinden. Nur um das Geld für die angebliche Anwesenheit zu kassieren. Vielleicht ist das "Reichtum ohne Arbeit" in Reinkultur. Und damit eine Todsünde der Modernen Welt.
Was wir daraus lernen? Wahrscheinlich eher wenig. Denn die Beispiele für "Reichtum ohne Arbeit" motivieren den Durchschnittsbürger nicht gerade, ehrlich und hart arbeitend durch's Leben zu gehen. Alles, was aus solchen Beispielen resultiert, ist die immer größer werdende Suche nach dem Reichtum, ganz ohne viel dafür tun zu müssen.
Nicht alle Menschen werden je so werden; es wird glücklicherweise immer die geben, die gerne ehrlich arbeiten. Menschen, die es schätzen, für ihre Arbeit ein Gehalt zu bekommen, ganz gleich, ob es millionenschwer oder doch nur im Tarifbereich ist. Das sind die Menschen, die erkannt haben, dass Reichtum nicht alles im Leben ist - und wir eher Arbeit als zentrale Beschäftigung des Lebens brauchen als Reichtum. Denn Geld im Überfluss führt nur zu Faulheit - und daraus resultiert die quälende Depression, die das Leben weitaus höher belastet als wenn man sein Leben mit einem Quantum zuviel Arbeit füllt.
In diesem Sinne - bis zum nächsten Freitag und dem zweiten Teil von "Die aktuelle Sündenwoche".
LG Gene :-)
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