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Montag, 29. Oktober 2012

The World Wrestling Federation presents: Obama vs. Romney oder: Die Entscheidung zwischen "schlimm" oder "schlimmer"?

Der "heiße Herbst" kommt in seine nächste Phase, während die Menschen in Deutschland sich noch über ein paar "goldene Tage" im Oktober freuen. Es stehen große Ereignisse an, nicht direkt in Deutschland (auch wenn man das angesichts der Aufmerksamkeit meinen könnte!), sondern in den USA. Der Präsident der Vereinigten Staaten wird wieder einmal gewählt: nach vier Jahren Barack Obama, dem "Messias", dem "Wunderkind für die amerikanische Politik", wird sich nun entscheiden, ob Mr Obama die "mächtigste Nation der Welt" noch weitere vier Jahre regieren darf oder ob er in den "politischen Ruhestand" geschickt wird. Die Republikaner würden am Liebsten zweiteres Szenario erleben und haben mit Mitt Romney den wohl einzigen Kandidaten ins Rennen geschickt, der es schafft, mehr Unentschiedene im Wahlkampf auf seine Seite zu ziehen.

Wer den amerikanischen Wahlkampf verstehen möchte, muss sich die Struktur des letzten halben Jahres vor dem Wahltag anschauen: die Show, die endlosen Wahlkampfreisen, die Volontäre, die von Tür zu Tür laufen und jeden virtuellen und real existierenden Briefkasten zuspammen... all diese Elemente beherrschen die Amerikaner mit einer solchen Perfektion, dass sie als Vorbild für Wahlkämpfe auf der ganzen Welt gelten. Nirgends wird so eine große Show gemacht, als in den United States of (God bless) America und in keinem demokratischen Land der Welt scheint die Bevölkerung offener für Märchenonkel zu sein als im Land des "Stars & Stripes-Banner". Die Show macht den Präsidenten ist die entscheidende Parole: wer nicht mit Überzeugung und Charisma den Wähler anlügt, wird die Wahl im Jobrennen des "mächtigsten Mannes der Welt" nicht gewinnen. Gerade das macht jedes Mal aufs Neue den Wettkampf ums Weiße Haus so spannend.

Vielleicht ist auch dies der Grund für das breite Interesse aus Deutschland an den Wahlen in den Vereinigten Staaten: man weiß nie, wer gewinnen wird, egal wie die Umfragen aussehen, es gibt nichts Unberechenbareres als den amerikanischen Wähler. Es gibt wohl kaum eine Wählerschaft auf diesem Planeten, die kurzfristiger und mit mehr Gefühlsleben ihr Kreuzchen setzt. Die Amerikaner wählen somit ihren Präsidenten, den wichtigsten Mann in der Weltpolitik, aus dem Bauch heraus. Was für eine gute Idee, vor allem, wenn man bedenkt, wie abhängig nicht nur knapp 380 Millionen Einwohner der Vereinigten Staaten, sondern auch die ganze Welt von dieser Entscheidung ist. Wichtiger als die innerpolitischen Entscheidungen in den USA sind immer noch die außenpolitischen, der Präsident entscheidet über das Schicksal ganzer Nationen, wenn er den Kriegsbefehl gibt oder interveniert. Der umgekehrte Fall gilt natürlich genauso, wie wir gerade in Syrien miterleben dürfen.

Vier Jahre Obama, was haben sie gebracht? Ende 2008, als der Hype um den ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten am Größten war gab es niemanden, der ihm hätte gefährlich werden können. Die "Yes we can"-Welle schwappte über den Atlantik einmal um die ganze Welt. Menschen in aller Welt trugen T-Shirts mit dem Konterfei des jetzigen US-Präsidenten, es gab sogar Wahlpartys in der Wahlnacht in deutschen Großstädten! Groß war die Euphorie um Obama, viele Hoffnungen rankten sich um ihn und seine Vision einer besseren Welt. Man hätte sogar denken können, Martin Luther King sei endlich wiederauferstanden. Endlich gibt es einen Mann, der die Probleme der Menschen versteht, die Schwachen versteht und unterstützt, sie sogar rettet. Super-Obama fehlte nur noch das passende Cape statt des Designeranzuges und die Illusion eines neuen Superhelden wäre perfekt gewesen. Zur gleichen Zeit wurde dem Newcomer und Popstar der schönen, neuen Politik sogar der Friedensnobelpreis verliehen. Was damals schon unter Kritikern als "Witz" galt, sollte sich aus heutiger Sicht leider bestätigen.

Die Amtsperiode Obamas war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. So hatte man vor allem in den ersten zwei Jahren den Eindruck, Obama sei zu untätig umgegangen mit dem politischen Vorteil, die demokratische Mehrheit auch im Repräsentantenhaus zu besitzen. Viele Gesetze, die Obama durchsetzen wollte, scheiterten auch durch innerparteiliche Streitigkeiten und Unstimmigkeiten. Besonders groß war in der ersten Zeit vor allem die Enttäuschung über das gebrochene Versprechen, das Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base des amerikanischen US-Stützpunktes auf der Insel Kuba zu schließen. Immerhin war dies ein großes, den Wahlkampf dominierendes Versprechen Obamas. Im Ende sollte auch dieses Versprechen sich mehr oder weniger in Wohlgefallen auflösen, auch wenn Obama im Jahr 2009 die Schließung des Gefangenenlagers beschlossen hatte.

Nicht nur dort allerdings ist Obama gescheitert. Ein weiteres, die gesamte Amtsperiode beeinflussendes Thema war die Krankenversicherung für alle. Bereits Bill und Hillary Clinton waren in ihrer Amtszeit gescheitert, ein einheitliches System auch für die Schwachen der Gesellschaft durchzusetzen. Die Situation wurde vor allem im Jahr 2010 nach den Repräsentantenwahlen deutlich schwerer, denn von diesem Zeitpunkt ab hatten die Republikaner die Mehrheit gemeinsam mit der radikaleren Tea Party und versuchten nach Kräften, die Pläne Obamas zu durchkreuzen. Obama hatte trotzdem einen großen Erfolg, das Gesetz zum Gesundheitswesen wurde nach mehrfachen Korrekturen doch durchgesetzt. Fraglich ist in diesem Zusammenhang nur, ob die einheitliche "health care" der unteren Sozialschicht wirklich hilft, denn mehr oder weniger verpflichtet das Gesetz die Menschen, eine Krankenversicherung abzuschließen. Diese Lösung hilft den Menschen, die Geringverdiener sind, allerdings so gut wie gar nichts. Die Befürchtungen gingen sogar so weit, dass sie sich um ihre Existenz sorgten für den Fall, dass sie zu einer Krankenversicherung verpflichtet würden.

Doch wie in allen Dingen im Leben, ist Obama auch nicht nur ein Beispiel für die reine Enttäuschung. Immerhin hat Obama viel erreicht, im Vordergrund steht vor allem die Eliminierung von Osama bin Laden im Jahr 2011. Bin Laden galt als "Stachel im Fleisch" der USA, der Mann, der für die Anschläge des 11. September hauptverantwortlich war. Die Republikaner werden wohl für immer einen Groll in sich tragen, dass Obama in einer Amtszeit geschafft hat, was George W. Bush jr. in 8 Jahren nicht gelang. Nichts desto trotz, in all den Jahren, in denen es um die Ergreifung bin Ladens ging, gab es keine tiefen Gräben zwischen den Demokraten und den Republikanern. Anders sah das Ganze bei den Anschlägen in Libyen auf die US-Botschaft aus, bei der drei Menschen starben und die eine Welle von weiteren Anschlägen durch Extremisten auslöste. In diesen Tagen im September hat sich vor allem Mitt Romney einige Blessuren zugezogen, indem er direkt gegen Obama und die demokratische Regierung schoss, wenngleich es für das gesamte amerikanische Volk eindeutig ist, dass in solch schwierigen Krisen vor allem der Zusammenhalt gilt, sogar über parteiliche Grenzen hinaus.

Es war spätestens in dieser Situation klar, dass der Wahlkampf in den USA auf Hochtouren lief, weit vor dem ersten Fernsehduell zwischen Romney und Obama. Und es war klar, dass dieser Wahlkampf dreckiger und heftiger als viele andere Wahlkämpfe werden würde, denn die Republikaner wollen das Ruder wieder übernehmen. Nach acht Jahren Bush und einer republikanischen Machtunterbrechung durch Obama für vier Jahre meinen die Konservativen des Landes, es wäre wieder Zeit für die Allheilbringung durch die Republikaner. Doch den Republikanern stehen seit 2010 schwere Zeiten bevor, denn die radikale Tea-Party hat immer mehr Anhänger dazugewonnen. Die Gründe für den Ansturm bei einer absoluten schwachsinnigen Partei sind vielfältig, vor allem aber empfanden die Menschen die konservative republikanische Partei einfach nicht mehr als konservativ genug. Mit einem Mal wollten die Menschen mehr Konservatismus, mehr reaktionäre Strukturen als die Republikaner als weltoffen oder gar liberal zu sehen. Soziale Strukturen? Wer in einer amerikanischen Partei das Wort "sozial" überhaupt in den Mund oder gar in das Parteiprogramm aufnimmt, ist für den konservativen Flügel längst im Kommunismus angekommen. Sozial = linksextrem? Europa weiß, dass es zwischen diesen Extremen auch Farbschattierungen gibt und nicht nur Schwarz oder Weiß.

Wenn die Amerikaner eins genauso gut, vielleicht sogar besser beherrschen als die Chinesen (und die sind bereits Spitze darin), dann ist es die Polemik und die Übertreibung. Etwas, was gar nicht so extrem in eine bestimmte Richtung gehört, wird durch Wahlkampfreden oder diffamierende Wahlkampfspots so weit in eine extreme Ecke gedrängt, dass es jeder glaubt. Wahlkampfspots und Wahlkampfreden - beide Elemente leben vor allem von der Darstellung oder von dem "Wie verkaufe ich mich am Besten?"-Prinzip. Die Präsidentschaftskandidaten sind am Ende des Tages keine Politiker, die die Welt retten möchten, sie sind Staubsaugervertreter und wollen vor allem eins: ihr Produkt (= sich selbst) verkaufen. Dies gilt sowohl für die Republikaner als auch für die Demokraten, für Romney wie für Obama gleichermaßen.

Welche Entscheidung ist am 6. November nun die Richtige? Die viel quälendere Frage dürfte wohl lauten: gibt es überhaupt eine richtige Entscheidung in Bezug auf die Präsidentschaftswahl? An dieser Erkenntnis krankt wohl die gesamte Wahl: die Unzufriedenheit mit Obamas Leistungen in den letzten vier Jahren hat die Menschen so verunsichert, dass sie nun nicht mehr wissen, was sie überhaupt wählen sollen. Vor allem die Unterschicht gehört bei dieser Wahl zu den Verlierern: schön und gut, wenn sie nicht mit Obama zufrieden sind, doch jeder in der Unterschicht weiß, dass Romney keine Alternative für die Ärmsten der Armen darstellt. Romney steht für das 1% in Amerika, das Prozent der superreichen Bevölkerung in den USA, und die können sich dumm und dämlich freuen, dass bei einer Wahl Romneys die Steuerabgaben für sie wieder kräftig gesenkt werden. Warum? In der Hoffnung, dass die Superreichen mit den gesparten Steuern Arbeitsplätze schaffen. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass dieser Schuss gewaltig nach hinten losgehen wird, denn die Superreichen sind nicht gerade dafür bekannt, Samariter zu sein. Also lautet für sie die Devise: "Geld sparen? Gerne! Geld wieder ausgeben? Nicht so gerne!"

Es steht wohl nur eins fest bei den anstehenden Wahlen: es wird sich entscheiden, ob alles im Mittelmaß schlecht bleibt oder ob es in Zukunft noch schlechter wird. Die Karten stehen im Moment unentschieden, passieren kann eigentlich alles am 6. November. Erschreckender wären nur die Aussichten, wenn der Wechsel hin zu Romney nun wirklich stattfinden würde, gerade mit Ryan als Vizepräsidenten. Dann könnte man sich auf die Abschaffung des mühsam eingeführten health care-Programms einstellen, die Verhärtung der Beziehungen zu Russland (bei denen teilweise sogar schon von einem neuen Kalten Krieg die Rede ist) und das Auseinanderdriften der Schichten Reich und Arm.

Der letzte Akt im amerikanischen Wahlkampf war wohl das dritte TV-Duell zwischen Obama und Romney, in dem es vor allem um die außenpolitische Rolle der USA geht. Gerade die angespannte Situation in Syrien zeigte, wie untätig die einst "mächtigste Nation der Welt" diesem Konflikt gegenübersteht. Einzig Hillary Clinton schien nach Kräften bemüht, überhaupt etwas gegen das Assad-Regime zu unternehmen, auch wenn ihre Bemühungen äußerst schwach waren. Ich persönlich bin in diesem ganzen Krieg in Syrien immer wieder erstaunt, wie wenig die Vereinten Nationen oder die Vereinigten Staaten unternehmen, um das Blutvergießen zu stoppen. Keiner weiß, wie es weitergehen soll, schon gar nicht nach der Wahl, ob Obama mehr tätig wird oder ob Romney überhaupt etwas tun wird bleibt offen. Fest steht nur eins: bei einer Wiederwahl Obamas steht Hillary Clinton, die in den letzten vier Jahren wesentlich für außenpolitisch stabile und wiederaufgebaute Beziehungen zuständig war, nicht mehr zur Verfügung. Damit hat Obama nun ein weiteres Zugpferd seiner Regierung verloren, was seinen Wahlkampf wiederum schwächen dürfte. 

Die Folgen der Präsidentschaftswahl 2012 können nicht im Voraus bestimmt werden, keiner kann sagen, was nun wirklich besser oder schlechter wird, egal wer gewählt wird. Ob Obama nun seine Sache in der zweiten Amtszeit besser machen wird oder Romney den Karren wirklich gegen die Wand fahren wird für den Fall, dass er gewählt wird? Es bleibt alles abzuwarten. Fest steht, solange es keine entscheidenden Reformen gibt, um die sozialen Unterschiede und das "wer nicht gewinnt, hat nun einmal verloren"-Prinzip abzuschaffen, wird sich die Situation in den USA nicht ändern. Damit wird sich auch die Situation in der Eurozone nicht wirklich verbessern, immerhin bleibt die USA der Vorreiter sowohl guter wie auch schlechter Prognosen. Frei nach dem Motto: geht es den Vereinigten Staaten schlecht, geht es uns allen schlecht. Mit allen Konsequenzen.

In diesem Sinne hoffe ich, die Bürger der USA werden die richtige Entscheidung treffen. Sowohl für sich selbst, wie auch für die gesamte Weltbevölkerung. Allen Lesern des Blogs eine schöne Woche und offene Augen für das Geschehen in der Weltgeschichte.

LG Gene :-)

Donnerstag, 23. August 2012

Olympische Sommer(loch)spiele 2012: 1. Golddisziplin: Rating

Wo es Olympische Spiele gibt, muss es natürlich auch Disziplinen geben, in denen die Kandidaten antreten dürfen. Aber wer tritt hier eigentlich in welcher Disziplin an... vor allem aber: wofür? Gute Frage, denn Sommerlochspiele sind so ganz anders gestrickt als die "echten" Olympischen Sommerspiele, die vor über einer Woche zu Ende gingen. Dort gab es Disziplinen, die die Menschen vertreten: 100 m Lauf, Diskuswerfen, 4x 100 m Freistil, Judo in verschiedenen Gewichtsklassen.

Nun, dieser Blog ist komplexer als das und ich würde nicht zwangsläufig die Disziplinen der wahren Olympischen Spiele einfach klauen und hier einfügen (copy & paste ist hier nämlich nicht!). Also, was genau sind die Sommerlochspiele eigentlich? Das mag sich der intelligente Leser fragen.

Die Sommerlochspiele sind eine Option zu dem, was sich "Sommerloch" schimpft. Die Zeit, in der sämtliche Politiker und "Rechtschaffenden" der Politik in Urlaub fahren, in der nix im Fernsehen läuft, weil angeblich sowieso alle Menschen entweder im Urlaub oder im Freibad sind und in der die Menschen irgendwie nur auf das Wetter statt auf ehrliche Arbeit fokussiert zu sein scheinen. In dieser Zeit braucht es eine Alternative, etwas Unterhaltendes. Geboren sind die Sommer(loch)spiele. Disziplinen, die schon lange da sind, denen sich aber nicht jeder bewusst wird und in denen wir tagtäglich kämpfen. Um Gold, um Ruhm, um Ehre... wer weiß das schon? Für irgendetwas werden wir wohl kämpfen. Kämpfen um des Kämpfens Willen wäre auch ziemlich sinnlos, oder? Andererseits: das Sommerloch ist wohl das Sinnloseste, was das Jahr zu bieten hat!

Es gab in den letzten zwei bis drei Jahren wohl kaum eine Disziplin, die so exzessiv und ausgiebig praktiziert und für die "trainiert" wurde wie das "Rating". Natürlich handelt es sich bei diesem Begriff wieder einmal um einen Anglizismus, weil ohne scheint der Deutsche auch gar nicht mehr auszukommen (bzw. auskommen zu wollen). Auf gut Deutsch heißt "Rating" weder Raten noch Radieren noch Radfahren sondern um das Bewerten. Wir bewerten: morgens, wenn wir aus dem Bett aufstehen ("War das jetzt ein gutes Aufstehen oder ein schlechtes Aufstehen?" "Hat mein linker Fuß sich heute beim Aufstehen besser gefühlt als gestern oder schlechter?" "Wie war die vergangene Nacht im Wochen-, Monats- und Jahresvergleich auf einer Skala von 0 bis 10?") bis zum Abend, wenn wir wieder schlafen gehen. Dazwischen gibt es so unzählig viele Möglichkeiten, die verschiedensten Dinge des Tages zu bewerten, wie wir am Tag Atem ziehen (ich hab irgendwo gelesen, es sollen rund 23.000 Mal sein).

Das Bewerten von Dingen ist nun eine sehr komplexe Angelegenheit, man möchte schließlich durch das Bewerten auch etwas erreichen. Was genau? Darüber können sich die Götter wohl streiten. In erster Linie wird das Bewerten dem Menschen wohl Orientierung geben: was mag ich und warum? Was mag ich nicht und wieso werde ich es nie mögen? Welche Konsequenzen soll ich daraus ziehen? Soll ich überhaupt welche daraus ziehen? Es ist natürlich einerlei, ob man bewertet um des Bewertens Willen, aber der Mensch ist ständig danach bestrebt, seine Lebensqualität zu verbessern. Mit anderen Worten: durch das Bewerten schaffen wir die Grundlage für Vorlieben, die wir mit der Zeit lieben lernen und die wir benutzen, um unsere Lebensqualität zu steigern. Und ja, dazu ist es auch wichtig zu ergründen, mit welchem Fuß man besser zuerst morgens aufsteht!

Nun ist es eine Sache, wie oft und wieviel man im Privatleben Dinge bewertet zur Verbesserung des eigenen Lebens. Die Sache wird weitaus komplizierter, wenn Bewerten zum gesellschaftlichem Volkssport wird. Genau darüber philosophieren nun sämtliche Nachrichtenagenturen und die gesamte Gesellschaft seit zwei bis drei Jahren. Privates Bewerten gab es schließlich schon immer, öffentliches Bewerten jedoch hat sich wie ein Flächenbrand ausgebreitet.

Genau an dieser Stelle tritt das wahre "Rating" in Erscheinung, in seiner englischen Form. Rating Agenturen wie "Fitch" oder "Moody's" haben einen bis dato nicht dagewesenen Stellenwert erlangt. Immerhin: wer kannte diese Unternehmen schon vor einigen Jahren? Gab es die zu dieser Zeit überhaupt? Wahrscheinlich schon, das Herauf- und Herabwerten ganzer Staaten wird wohl kaum eine Erfindung von gestern sein. Diese Entwicklung kam schleichend aber sicher und inzwischen scheint es ein Gesetz zu sein, genau das zu glauben und dem zu folgen, was ein paar Broker in ihrer Börsenwahrsagerkugel so alles sehen. Schon merkwürdig, wenn man bedenkt, wie die Menschen normalerweise zu Hexerei und Wahrsagerei stehen.

Alle Gesetze des gesunden Menschenverstandes scheinen über den Haufen geworfen zu werden, speziell in diesen Zeiten, wo der Virus "Eurokrise" mitten unter uns lebt. Wir empfinden jede Handlung eines Wackelkandidaten (vornehmlich Griechenland) als Hiobsbotschaft, als Bedrohung für unser aller Leben. Schließlich gehen die meisten Menschen davon aus, dass wir alle sterben, falls Europa Pleite geht! Schon witzig, wie sehr wir alle am Geld und Wohlstand hängen, dass wir meinen, wir wären so ganz ohne nicht mehr existenzfähig.

Zurück zum Thema: das Rating der Ratingagenturen, die neuen Popstars am Gesellschaftshimmel. Mit dem einzigen Unterschied zu echten Popstars, dass sich Ratingagenturen gar keiner Beliebtheit beim Volke erfreuen. Das stört sie allerdings nicht weiter, es geht ja auch gar nicht darum, ein guter oder beliebter Mensch zu sein, schon gar nicht in der Finanzwelt! Die Ratingagenturen geben mit ihren Einschätzungen potenziellen Großinvestoren Tipps, wo sie ihr Geld anlegen sollten und wo besser nicht. Mit anderen Worten: in den USA - ja (= AAA Wertung), in Griechenland - nein (= C-Wertung). Besonders lustig ist dabei die Begründung, die man immer wieder gerne hört: "Der Ausblick für diese Staaten ist schlecht, sie werden kein Geld bekommen, weil davon auszugehen ist, dass in diesen Staaten das Geld zusammenbrechen wird und es sich eine Investition nicht lohnt, weil dort kein Wirtschaftswachstum erwartet wird." Nun, es heißt nicht wortwörtlich so und diese Begründung ist auch nicht die Einzige, aber so oder so ähnlich läuft das Ganze ab.

Hier nun die Pointe dieses genial-gruseligen Witzes der Ratingagenturen: die Agenturen prophezeien den Anlegern schlechte Wirtschaftsaussichten für bestimmte Länder. Die Investoren sind dadurch in der sicheren Meinung "Das lohnt eh nicht!" und investieren folglich auch kein Geld mehr in diese Staaten. Die Staaten wiederum sind unter anderem aber auf das Geld von Investoren aus dem Ausland angewiesen, damit ihre Wirtschaft in Schwung kommt (man nehme als simpelstes Beispiel hierfür den Import-Export). Die mathematische Gleichung hierzu lautet dann wohl:

Rating + treudoofe Investoren, die auf alles hören = Staaten, die pleite gehen + kein Wirtschaftsaufschwung - abgewanderte Investoren

Natürlich sind die Ratingagenturen nicht der einzige Faktor einer Staatspleite und weiß Gott, die Staaten, die von den schlechten Ratings im C-Bereich betroffen sind tragen oft selbst Schuld an der Misere. Allerdings haben die Ratingagenturen Macht; eine viel zu große Macht, wenn man bedenkt, dass eigentlich so gut wie nichts hinter diesen Ratings steckt. Worum geht es? Um's liebe grüne, nicht stinkende Geld, natürlich! Es geht um Multimillionäre und Milliardäre, die sich sicher sein wollen, in ihrem Leben nie wieder arm zu werden. Deswegen investieren sie nur dahin, wo es sich auch potenziell lohnt. In Griechenland zu investieren lohnt sich nicht wirklich, dann doch lieber in China, die machen wenigstens was aus dem Geld! Nun kann ich schlecht in das Hirn eines Multimillionärs oder Milliardärs gucken, ich habe nicht sooo viel Geld, verstehe aber die Motive, nach denen sie handeln und investieren. Allerdings sei hier eine Unterscheidung gemacht: ich verstehe, wie sie ticken - das heißt aber noch lange nicht, dass ich Verständnis für ihr Verhalten habe!

Es bleibt wohl dabei: die Weltwirtschaft wird von einem immer kleineren Kreis Menschen mit zu viel Geld bestimmt und damit darf dann der Großteil der Menschheit leben. Die Tatsache, dass dieser Kreis Menschen aus dem "Heartland of Capitalism" = den Vereinigten Staaten stammt, macht die Sache geradezu symbolisch für die Wichtigkeit des Kapitalismus. Es gibt auf diesem Planeten wohl kaum ein Land, dass sich mit Wichtigtuerei so hervorgetan hat in den vergangenen 200 Jahren wie die U.S. of A. Wie passend, dass sämtliche Ratingagenturen, die im Moment am globalen Finanzmarkt die entscheidende Rolle spielen, aus Amerika stammen. Konkurrenz gibt es in diesem stars & stripes-Monopol derzeit nur von den Chinesen, die ebenfalls mit einer Ratingagentur vertreten sind. Der Rest ist Schweigen im Wald.

Somit gingen die drei Medaillen (Gold, Silber und Bronze) für's "zu-Tode-rating-europäischer-Staaten" eindeutig an die USA. Das macht dann drei Medaillen im Medaillenspiegel, die Frage, wer Gold, Silber und Bronze erhält, ist in diesem Fall relativ egal. Es macht einfach keinen Unterschied, ob der absolute Sieger im Kampf um Gold an Fitch, Moody's oder Standard & Poor's geht. Die Vorliebe für eine der Agenturen ist wohl nur wie die Vorliebe für eine bestimmte Apfelsorte.

Fakt bleibt aber das nationale Problem im internationalen Konflikt. Wenn in Zukunft die Ratings nur von amerikanischen Agenturen erstellt werden, wird es immer wieder vorkommen, dass diese Agenturen nationalbedingt Vorlieben erstellen. So ist es zumindest aktuell stark verwunderlich, warum die USA trotz finanzieller Krise und innenpolitischen Differenzen ohne wirkliche Verbesserungen auf dem Arbeits- oder Finanzmarkt eine Triple A-Bewertung erhalten, sprich die Spitzenbewertung. Es wäre nachvollziehbar, wenn die USA wirklich noch das Land sind, in denen Milch und Honig fließen... diese Tage sind in den USA allerdings auch gezählt und das liegt nicht am derzeitigen Präsidenten, vielmehr am Stillstand im Land selbst. Denn egal, welcher der beiden Kandidaten im November die Präsidentschaftswahl gewinnt, es wird nicht dazu führen, dass sich viel in den USA verändert, wenigstens nichts, was die internationale Politik betrifft.

Wir befinden uns nun in einem Diktat von amerikanischen Ratingagenturen, die über das Schicksal Millionen Bürger in vielen Staaten entscheiden. Am Dicksten hat es dabei die Europäer getroffen, die derzeit in der Bündniseurokrise stecken. Es macht sich dabei eben besonders bemerkbar, dass Europa in einer Gemeinschaftswährung steckt nach dem Motto "mitgehangen - mitgefangen". Die Griechen sind pleite, also wird nach und nach jedem anderen Staat eine schlechte Prognose gestellt; allein durch den Euro-Rettungsschirm werden selbst finanzstarke Staaten für die amerikanischen Ratingweltmeister zum Risikofaktor - allen voran Frankreich und Deutschland. Egal, wie sehr wir uns anstrengen mögen, wir bürgen teilweise für den Eurorettungsschirm für insolvente Staaten. Das Problem ist inzwischen nur, dass die verschuldeten Staaten mit ihren Programmen kaum aus der Krise herauskommen und somit Fitch & Co noch mehr Gründe geben, warum Deutschland oder Frankreich keine gute Prognose haben. Die Tatsache, dass die USA vor einem Jahr kurz davor standen, sämtliche Lichter ausgeschaltet zu bekommen, weil sie zahlungsunfähig waren, spielt merkwürdigerweise keine Rolle in dem AAA Rating.

Durch das Rating als Investitionsinstrument haben sich neue Verknüpfungen ergeben zwischen Ratingagenturen, Banken und Investoren. Daraus hat sich eine Art Hexenkessel entwickelt, der früher oder später die Finanzwelt zusammenbrechen lassen dürfte. Vereinfacht gesagt: solange der Leitzins für Kredite für Banken ständig gesenkt wird und Banken dadurch abenteuerliche Spekulationsspielchen vollführen können, Staaten allerdings von immer stärker steigenden Kreditzinsen betroffen sind, die durch die Banken festgesetzt werden und zusätzlich Staaten mit Krediten für Schulden aufkommen müssen, die die Banken verursacht haben, um diese vor dem Ruin zu retten, solange wird es keine wirkliche Lösung am Finanzmarkt geben. Natürlich leben Banken von einem "guten" Geschäft. Gute Geschäfte sind fabelhaft. Allerdings frage ich mich, ob die Staaten wirklich als Vollidioten dastehen wollen und sollten. Das Schöne an Geschäften ist doch schließlich, dass die Geschäftspartner von Verhandlungen leben. Genau deswegen sollten die Verhandlungspartner neue Konditionen ausarbeiten zum Schutz von... eigentlich allen!

Was die Investoren wie die Banken wie alle Wichtigtuer dieses Planeten nicht bedenken: gehen die 99% der arbeitenden und armen Bevölkerung endgültig Pleite, haben die 1% der Superreichen von ihrem Geld auch nichts mehr. Schließlich lebt der Club der Superreichen vom Umsatz der Konsumenten, den Menschen, die nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung haben. Es wäre gut, würde die Goldschicht ganz oben mal darüber nachdenken.

In diesem Sinne - Glückwunsch an die amerikanischen Ratingagenturen zu Gold, Silber und Bronze bei den Olympischen Sommerlochspielen... und an alle Leser eine schöne Woche und bis zum nächsten Blogeintrag.

LG Gene :-)

Samstag, 2. Juni 2012

Just blame Syria - der Kampf der "Eierlosen" gegen die neuen Schurken

Ich gebe zu: es fällt mir schwer, wieder in den Fluss eines neuen Blogeintrags zu kommen. Ich war jetzt gut drei Wochen nicht mehr da, was eher ungewollt war, aber man merkt doch, wie schwer es einem fällt, wieder zurück in den Fluss zu kommen. Man muss sich regelrecht aufraffen, motivieren zu neuen Taten - fast wie beim Sport, den man über Winter sträflichst vernachlässigt hat und an den man im Frühjahr urplötzlich denkt, weil man für den Sommer doch wieder eine Bikinifigur braucht. Nun, der Zug mit der Bikinifigur (zumindest der, die Photoshop uns Betrachtern in jedem Magazin ständig und überall vorlügt) ist eh abgefahren. Dafür ist meine Version von Photoshop zu alt und ich habe zu wenige Kenntnisse über "wahrheitsgetreue" Retusche... mit anderen Worten, das Vorheucheln der Dinge, die kein Mensch jemals haben wird.

Vorheucheln - wäre das das Stichwort der Woche? Ich überlege, ob es passt. Wir leben zur Zeit wieder einmal in politisch heiklen Zeiten. Morgen vor genau vier Wochen wurde Francois Hollande zum neuen Präsidenten der V. Republik Frankreichs gewählt. Ein Sozialist. Zum zweiten Mal seit Bestehen der V. Republik. Das Schöne an dem Mann ist, dass er bereits beim Wahlkampf verbal kräftig auf den Putz gehauen hat und sehr deutlich verlautbart hat, dass ihm die Pläne von "Madame Non" Merkel gehörig gegen den Strich gehen. Sparen bis zum Erbrechen und dabei kein wirkliches Investieren in das Wirtschaftswachstum? Irgendjemand musste doch mal früher oder später auffallen, dass diese Sparwelle nicht funktionieren kann. Nun ist Hollande wahrlichst der (bis jetzt noch) unpassendste Kandidat, wenn es um das "Vorheucheln" von irgendetwas geht. Okay, er befand sich vor einem Monat noch im Wahlkampf und jeder, der sich wenigstens 10 Minuten seines Lebens einmal mit Politik auseinandergesetzt hat weiß, dass Politiker gerne zu übertriebenen Versprechen neigen, nur um an die Macht zu kommen. Merkwürdig nur, dass ich bei Hollande so gar nicht dieses Phänomen wahrnehmen will. Ja, vielleicht liegt in dem Wort der Schlüssel - der Wille fehlt mir einfach! Ich möchte nicht glauben, dass jeder, absolut jeder Politiker auf diesem Planeten ein Heuchler und Lügner ist. Die Tatsache, dass Hollande mal endlich wieder als "Mann mit Eiern" auftritt, gibt mir persönlich Hoffnung.

Noch so ein potenzielles "Stichwort der Woche": Männer mit Eiern! Ich erlebe in den letzten Jahren vieles: Männer ohne Geld, Männer ohne Nerven... vor allem aber: Männer ohne Eier! Ist dieses Phänomen der Emanzipation geschuldet? Kein Mensch nimmt die Männer mehr für voll, weil die Frauen immer mehr an die Macht drängen? Kann doch gar nicht sein, oder? So viele Frauen kommen gar nicht an die Macht, dass sie den Männern in ihren "Boy's Clubs" wirklich gefährlich werden könnten. Trotzdem: Männer werden weich wie Mürbeteigplätzchen - einmal leicht mit den Zähnen touchiert, schon hat man den ganzen Krümelkram über die Kleidung und auf dem Boden verteilt. Erst vor zwei Wochen durfte ich das Buch "Inshallah - Gefangen im Iran" von Markus Hellwig lesen. Ich hätte es bereits ahnen müssen, als ich las, dass der gute Mann, der 131 im iranischen Gefängnis gesessen hat, für die Bild am Sonntag als Journalist arbeitet. Aber manchmal ist es dann einfach zu spät, man hat sich ein Buch gekauft und (zur iranischen Hölle!) man liest es auch. Was dabei raus kam, war ein gewollt auf Spannung getrimmtes Werk, dass durch all seine Bemühungen nach "suspense" mir sogar das Mitleid und das Mitgefühl für Hellwig entrissen hat. Vor allem wunderte ich mich, wie sehr der gute Mann auf der einen Seite auf "harten Mann" machen wollte mit Liegestützen und "Full Metal Jacket"-Anleihen, um dann zwei Seiten später wegen seiner Tochter, die er so sehr vermisst, in Dauertränen auszubrechen.

Ich gebe zu, es ist schwer, sich auch nur im geringsten Maße vorzustellen, wie es sein muss, in einem Gefängnis zu sitzen, das noch unschuldig, man weiß nicht, was genau man verbrochen haben soll, man bekommt es auch nicht gesagt. Stattdessen gibt es ewig lange Verhöre und eine Gefängniszelle ohne Fenster und keine Auskunft darüber, ob man am nächsten Tag nun frei kommt oder aber standrechtlich hingerichtet wird. Diese Gedanken im Hinterkopf halfen mir persönlich aber auch nur, noch einigermaßen Mitgefühl mit Hellwig zu empfinden und das Buch nicht nach dem Lesen rituell zu verbrennen, sondern einfach weiterzuverschenken. Es sollen schließlich mehr Personen was von diesen literarischen Ergüssen haben.

Worauf ich hinaus will? Nun, die Männer scheinen nicht mehr das zu sein, was sie einmal waren. Letztes Jahr habe ich in meiner Vorweihnachtszeit Clint Eastwood als Helden und Weltenretter hochstilisiert. Davor habe ich Mahatma Ghandi's Todsünden zitiert. Obwohl beide Männer unterschiedlicher nicht sein könnten, sie hatten und haben (im Falle von Eastwood) eins wahrlich gemeinsam: sie waren Männer, die etwas zu sagen hatten - und die "Eier" (plump gesagt) es auch zum Ausdruck zu bringen. Doch inzwischen vermisst man zwischen all den auf sexy und ansehnlich getrimmten Männern mit ihrer Pseudoweichheit die Männer, die die Welt, die Gesellschaft retten könnten, vor allem aber die, die den Verstand haben, genau das zu tun. Mit Ideen, die die Gesellschaft revolutionieren könnten und ein neues Denken heraufbeschwören könnten.

An dieser Stelle "mind you": damit sind NICHT die Piraten gemeint! Ich kann es nicht mehr lesen, nicht mehr hören und nicht mehr sehen, die ewige Lobhuselei in Richtung Piratenpartei. Vorschusslorbeeren auf eine Partei, die das Urheberrecht am Besten komplett abschaffen will und den ganzen Tag nur das Internet im Kopf hat. Erst kürzlich durfte ich das Zitat einer berühmten Persönlichkeit lesen (den Namen habe ich leider vergessen!) der sagte, dass das Internet die wichtigste und revolutionärste Erfindung seit der des Feuers sei. Alles klar! Das Internet. Also die Erfindung des Lichts, der Elektrik, des Telefons (was alles existenziell mit dem Internet zusammenhängt) steht im Stellenwert HINTER dem Internet? Langsam vermute ich, dass die neuen Männer dieser Gesellschaft einfach komplett verrückt geworden sein müssen. Gut, bevor ich nun als neue "Alice Schwarzer" gelte: sagen wir einfach, die Menschen (inklusive Frauen!) dieser Gesellschaft müssen verrückt geworden sein. Allerdings vermisse ich bei den Männern die Führungsqualitäten früherer Tage und genau das macht es so schwer, in dieser Welt noch etwas Positives zu sehen.

Keine Sorge, es gibt genug Dinge, die ich toll finde an diesem Planeten - allerdings sind immer weniger dieser Dinge dem Erfindergeist oder dem Gedankengut des Menschen geschuldet! Die Männer der Neuzeit sorgen immer häufiger für Kopfschütteln oder absolute Enttäuschung - angefangen von der Kunstszene über Sportler und Geschäftsleute, die allesamt für immer weniger Leistung immer mehr Geld verdienen bis hin zu Politikern. Speziell letztere sorgen immer mehr für immer tiefergreifendere Enttäuschungen. Es begann wohl vor langer Zeit, aber spätestens 2008, als der neue "Messias der USA", Barack Obama, zum Präsidenten gewählt worden war, wussten alle ein Jahr später, dass die Zeiten der revolutionären, starken Männer vorbei ist. So sehr Obama sich auch um ein gutes Image bemühte und versuchte, dem Image des neuen Weltenretters gerecht zu werden, es wollte ihm nicht wirklich gelingen. Zugegeben, die republikanische Partei der USA hat einen riesigen Anteil an all dem Scheitern Obamas, andererseits hat Obama so wahnsinnig viel versprochen und nicht nur so wahnsinnig wenig davon gehalten, er hat auch einige seiner eigenen Versprechen kurzerhand gebrochen. Er hat Dinge wahrgemacht (zum Beispiel den Abzug der Truppen aus dem Irak, gut für die US-Soldaten!), einige Dinge halbherzig wahrgemacht (siehe Gesundheitsreform) und viele Dinge nicht wahrgemacht (zum Beispiel das Umsetzen von mehr sozialer Gerechtigkeit).

Aber das soll jetzt nicht nach einer Werbekampagne für Mitt Romney klingen, denn dieser Mann hat mindestens genauso wenig Schneid wie Obama, wenn nicht sogar weniger. Trotzdem oder gerade deswegen die Frage: ist das nicht verdammt traurig? Der "mächtigste Mann der Welt" ist nur noch ein Schatten seiner Selbst. Man wünscht sich einen Cowboy an die Spitze des Landes - nein, nicht George Dabbelju Bush junior, das war doch auch kein Cowboy und Eier hatte der schon gar keine! Nein, irgendwann denkt man an die alten Spaghettiwestern und ist (schon wieder!) bei Clint Eastwood. Nicht so viele Worte, dafür mehr Taten. Gut, vielleicht ist dieser Traum reine Utopie, weil die Welt derart kompliziert geworden ist, dass wir mehr Worte brauchen, um komplexe Themen und Sachverhalte in einen Kontext zu bringen. Begeisterung löst dieses ewige Geschwafel bei mir allerdings nicht aus - es wird viel zu viel geredet und wenn ich mir dann bei "Markus Lanz" dreimal pro Woche Diskussionen um Sinn und Unsinn der Piratenpartei angucken darf mit immer der gleichen Quintessenz, dann frage ich mich ernsthaft, ob ich noch in einer Unterhaltungstalkshow bin oder schon im versteckten Wahlkampf für eine Partei ohne richtiges Parteiprogramm.

Ähnlich geht es auch in den USA derzeit zu - so wirklich ein Parteiprogramm haben beide Kandidaten doch nicht mehr. Jetzt wird sogar die Schwulenehe zum Hauptthema des Wahlkampfes und bei aller Ehre, ich weiß, das Thema ist wichtig, sehr sogar und es muss eine endgültige Lösung dafür gefunden werden (vorzugsweise mit einem Pro für die Schwulenehe!), aber in Zeiten einer weltweiten Wirtschaftskrise sich damit auseinanderzusetzen, ob jetzt nun Mann und Mann und Frau und Frau heiraten dürfen oder nicht, das erscheint mir doch etwas grotesk. Grotesker allerdings erscheint mir die Unmännlichkeit Obamas, für das eigene Scheitern der Wirtschaft in den USA die Verantwortung zu übernehmen, und wenn auch nur teilweise. Stattdessen hält Obama lieber leidenschaftliche Reden darüber, wie sehr Europa aufpassen soll, damit es nicht in eine flächendeckende Krise gerät. "Ja, schönen Dank auch, Herr Obama! Wir wissen Bescheid, vor allem, weil Sie sich so wunderbar um Ihr Land kümmern und dort alles so super im Griff haben!" Das sind wohl die Worte, die ich dem Mann immer mal wieder entgegenrufen möchte, es aber nicht kann, weil mein Sprachorgan nicht laut genug und mein Arm nicht mächtig genug ist, um den "mächtigsten Mann dieses Planeten" zu erreichen.

Nun, inzwischen geht es also um den Machtkampf der Männer, die noch ein wenig Schneid haben und diejenigen, die wohl schon vor langer Zeit mental kastriert wurden. Positiv kann man bei Hollande anmerken, dass er (noch!) Ideen hat und die Traute, diese hervorzubringen, auch gegen den Willen der Staatsmänner (und -frauen) anderer Staaten. Gerade im Problem der Woche, des Monats, des gesamten letzten Jahres, wird das jetzt deutlich: Syrien. Viel wurde versucht, es wurde wahnsinnig viel Diplomatie gezeigt im Lösung um den Konflikt zwischen Regierung (sprich: Präsident Assad) und der Opposition. In der letzten Woche nun wieder ein Massaker in der Nähe der Hochburg der oppositionellen Kämpfer in Homs, wobei über 100 Menschen ihr Leben verloren. Besonders traurig daran: über die Hälfte der Opfer waren Kinder. Genau an dieser Stelle fragt man sich dann, was das noch mit Politik zu tun hat. Regierung und Opposition in Syrien schieben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe, dabei weiß die gesamte Weltöffentlichkeit, dass nur die Regierung für dieses Massaker verantwortlich sein kann. Warum? Weil Russland ihnen die Möglichkeit dazu gibt, indem es immer wieder neue Waffen an die Regierung verkauft.

Sind schlussendlich nur noch die Männer "mit Eiern" gesegnet, denen man gleiche besser schon von Vorneherein abgeschnitten hätte? Wladimir Putin, der "Wieder-"Präsident (in Wirklichkeit war er im Prinzip nie weg!), der sich wiedermal als neuer Schurke im alten Gewand, dafür aber mit geliftetem Gesicht zeigt, hat es mal wieder geschafft, den Rest der Welt so richtig zu verärgern, denn er unterstützt Assad und sieht gar nicht ein, warum er das nicht tun sollte. Assad wiederum nutzt diese Waffen nun und will sie an Anhänger der Regierung im Volk verteilen. Mit anderen Worten: einem Bürgerkrieg in Syrien steht nun nichts mehr im Wege.

Und die "Eierlosen" im Westen? Die beweisen wiedermal, warum sie ihren Namen verdient haben und wollen "eine diplomatische, gewaltlose" Lösung. Die USA und Deutschland meinen, eine Intervention des Westens "würde die Sache nur verschlimmern". Doch seien wir einmal ehrlich: wenn es keine Intervention gibt, wird es die Toten so oder so geben - nur dann eben fünf Minuten später und schlussendlich wesentlich mehr, weil dieses Abschlachten in Syrien nie aufhören wird. Werden die Oppositionellen irgendwann schweigen? Vielleicht, wenn genug von ihnen erst ermordet wurden. Werden die Überlebenden deswegen weiterleben dürfen? Wohl eher nicht, denn Assad wird auch nach Zerschlagung der Revolutionsbewegung auf Rache sinnen und alle Anhänger der Opposition töten lassen. Unter diesem Gesichtspunkt fragt man sich, ob der Vorschlag von Hollande zum Kriegseinsatz wirklich der Schlechteste ist. Obama glänzt wieder einmal mit Tatenlosigkeit, indem er die "friedliche" Lösung bevorzugt und meint, es wäre nicht klug, jetzt in Syrien einzufallen. Bedenken, dass es wohl gar keine friedliche Lösung mehr gibt für dieses Land, werden nicht einmal ansatzweise in Betracht gezogen. Hollande steht in Bezug auf diese Frage eher auf verlorenem Posten, denn auch Deutschland ist (schon wieder!) gegen jegliche Einmischung. Stattdessen wird auf vielen internationalen Krisensitzungen auf Russland und China eingeredet, dass diese beiden Staaten doch noch irgendwie zur Vernunft kommen und Sanktionen und politischen Druck auf Syrien mit unterstützen. Es ist wahrlich ein Kampf zwischen denen, die Eier haben müssten, sie aber irgendwo verloren haben und denen, die besser mal feige wären, statt immer ihre Eier durch die Gegend zu schaukeln und ihre falschen Ideologien zu vertreten.

Natürlich kann man zu alledem "Ansichtssache!" sagen, doch wer die Bilder aus Syrien sieht weiß, wie brisant die Situation dort ist und wie aussichtslos sie wirkt. Schlimmer als Ägypten, fataler als in Libyen. Assad hat sich wohl vorgenommen, schlimmer als Mubarak und Gaddafi in einer Person zu sein - und es gelingt ihm verdammt gut! Welches Ende Assad nun nehmen wird (ob er wie heute Mubarak zu lebenslanger Haft verurteilt oder wie Gaddafi auf offener Straße irgendwann doch hingerichtet wird) bleibt abzuwarten, wie üblich. Bis dahin wird es nur viel zu viele Tote und viel zu viel Leid geben. Mit Unterstützung des Auslandes - sei es aktiv durch Waffenverkauf wie bei Russland oder inaktiv durch die Untätigkeit der USA und Deutschland.

Meine Hoffnung bleibt, dass irgendwann der Westen einsieht, dass Russland mit seinen Drohungen mehr als nur heiße Luft ausbläst, da dieses Land (genauso wie China!) zum eigenen Wirtschaftswohl auch die westlichen Staaten braucht. Vielleicht auch, dass Putin einsieht, dass in Syrien menschenverachtendes Unrecht geschieht, auch wenn er bei sich selbst und menschenverachtendem Verhalten gerne mal mehr als ein Auge zudrückt! Schlussendlich aber, dass andere Staaten Frankreich in seinem Vorhaben nach einem Militärschlag unterstützen werden. Auch wenn ich gegen Krieg bin, aber es gibt wohl Situationen, in denen kein Krieg weitaus schlimmere Folgen hat und wesentlich mehr Leid bringen wird als das gezielte Beenden von langwierigem Blutvergießen durch Truppen einer Diktatur. Kofi Annan, ehemaliger UN-Generalsekretär, hat viele diplomatische Lösungen gesucht und gefunden und diese auch versucht anzuwenden. Doch seit der letzten Woche wissen wir, wie aussichtslos die Lage in diesem Land ist. Im Übrigen konnte das Ausland weitaus schneller in den Irak einfallen auf die bloße Vermutung hin, Saddam Hussein könnte Massenvernichtungswaffen besitzen. Die Prioritäten sind wohl doch reichlich verschoben im Land der Eierlosen: Menschenleben zählen so wenig immer da, wo Wirtschaftsinteressen im Vordergrund stehen.

Das ist wohl ein weiterer Grund, von all den Menschen der neuen Gesellschaft und ihren nicht vorhandenen Ideen nicht mehr viel zu halten. Es bleibt die Hoffnung, dass die Handvoll Männer mit Eiern, die übriggeblieben sind, genug Mut haben und behalten, immer wieder aufzustehen und ihre Meinung zu äußern. Wir werden sehen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern des Blogs ein schönes Wochenende und bis zum nächsten Eintrag nächste Woche - dann mitten in der EM 2012! Was ein Glück!

LG Gene :-)




Freitag, 6. Januar 2012

"Was wären wir nur ohne...?" - Neues Jahr, altes Spiel... viel Glück!

Der Beginn des neuen Jahres und schon ist (plump ausgedrückt) die Kacke wieder einmal so richtig am Dampfen. Ein Mythos, der glaubte, das neue Jahr 2012 würde irgendwie besser werden als das Vorjahr, dass sich die Dinge ändern würden, dass wir wirklich etwas aus der Vergangenheit gelernt hätten. Zumindest Politiker scheinen fast immun zu sein, wenn es um den Lernprozess im Allgemeinen gilt.

Nach den Schlagzeilen der letzten Wochen ist es fast müßig, überhaupt noch über das Thema "Kreditaffäre" und dem Bundespräsidenten Christian Wulff zu sprechen. Es wurde so viel kritisiert, dann gerätselt und schließlich wurde die erste richtige Stellungnahme von Wulff in dieser Woche erwartet. Hätten wir gravierendere Probleme, hätten wir gar nicht die Zeit, uns damit auseinanderzusetzen. Aber anscheinend sind wir im Wintertief, dass uns diese Affäre so wichtig ist. Nein, es ist nicht die Stelle, an der Christian Wulff verteidigt wird, wie es dieser Tage so viele Menschen tun. Es ist auch nicht die Zeit, Parolen wie "Jeder Mensch macht mal Fehler!" zu schwingen und alles zu verzeihen. Dafür ist die Affäre zu tiefgreifend, gerade im Zusammenhang mit einem Amt wie dem des höchsten Staatsmannes. Trotzdem stellen sich einem viel mehr Fragen als die, die die letzten Tage aufgeworfen werden. Eine Affäre um einen Mann, der gerne Luxusurlaube mit dubiosen Unternehmern wie Carsten Maschmeyer unternimmt und sich Privatkredite für ein "Einfamilienhaus" (ob man bei einem Wert von 500 000 Euro wirklich noch von Einfamilienhaus sprechen kann, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln!) unter günstigeren Konditionen besorgt, sorgt für Zündstoff in einer Zeit, in der Staaten von der Pleite bedroht sind und mehr denn je auf die Gleichberechtigung geachtet wird - oder werden sollte!

Den Menschen ist es heute, seit sämtlichen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, wichtiger denn je, dass in einer Gesellschaft die Menschen möglichst gleich behandelt werden und über die "Kasten" in den Köpfen hinweg gesehen wird. Bei "Kasten" denkt man gerne an Indien und die Ungerechtigkeit, in eine bestimmte gesellschaftliche Position hineingeboren zu werden und aus dieser bis zum Tod nicht mehr herauszukommen. Ein Außenstehender bezeichnet dieses Verfahren als absolut ungerecht und ist froh, in einer Demokratie ganz ohne hinduistischen Hintergrund und damit ohne Kastensystem zu leben. Wenn man sich das Konstrukt der Demokratie allerdings anguckt, sieht man mehr Geißeln der Gesellschaft vor sich, als man meinen könnte. Demokratie bedeutet Freiheit (nicht wortwörtlich, aber diese Staatsform wird vor allem mit diesem Attribut in Verbindung gebracht) und je mehr Freiheiten die Menschen genießen, desto mehr nehmen sie sich heraus. Wieder ein Beweis, dass der Mensch nicht wirklich dazulernt, denn genauso benehmen sich auch Kinder: je mehr man ihnen erlaubt, desto weiter gehen sie - und damit auch mal gerne über jede Grenze hinaus.

Ähnlich geht es den Bürgern in der Gesellschaft - präziser gesagt denen, die es sich leisten können. Denn Geld spielt die wahrscheinlich größte Rolle in der Frage, wie weit man in seinen persönlichen Freiheiten gehen darf und wie sehr man damit anderen auf die Füße treten kann/möchte/darf. Genau das hat die Demokratie mit dem Kastensystem gemeinsam: wenn du Geld hast, bist du einfach mehr Wert als die Anderen. Sicher, die Menschen in Indien genießen einen gewissen Standard (zumindest in den meisten Gebieten) aufgrund ihres Gesellschaftsranges, den sie von Geburt an besitzen. Trotzdem zeichnet sich in der Demokratie das gleiche Bild ab und das nicht erst seit gestern. "Geld regiert die Welt!" lautet die Plattitüde - und sie stimmt heute mehr denn je. Wahrscheinlich genau deswegen fühlt sich Christian Wulff auch so sehr vom Geld angezogen, immerhin ist es doch schöner, bei Luxusurlauben mit viel "Bling Bling" zu relaxen als das bescheidenere (wenn auch nicht ärmliche!) Leben eines Berufspolitikers zu führen.

"Den Ruhm eines Politikers (und jetzt Staatsoberhaupt) zu genießen ist toll, aber da geht wahrscheinlich noch mehr!", so oder so ähnlich muss der Herr Bundespräsident sich das wohl gedacht haben. Und was als kleine Schlagzeile im Dezember begann, hat sich inzwischen zu einer Krise im Land ausgebreitet. Keiner politischen, eher einer moralischen - der Graben zwischen den Befürwortern und Kritikern Wulffs ist wohl größer denn je zuvor. Dabei hätten wir es doch alle besser wissen müssen... schlimmer noch: wir wussten es alle besser! Bereits bei der Bundespräsidentenwahl im Jahr 2010 war die Mehrheit der Deutschen für Joachim Gauck als Nachfolger des zurückgetretenen Horst Köhler und eben nicht für Schnösel Wulff. Doch was nützt der Wille des demokratischen Volkes, wenn der Präsident "nur" von den Vertretern des Volkes gewählt wird? Und das will heißen: mehrheitlich von den Regierungsparteien, von denen die Mehrheit des deutschen Volkes bereits ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl im September 2009 nicht mehr überzeugt war. Die Tatsache, dass der Bundespräsident durch die Bundesversammlung gewählt wird ist schön und gut, doch wo das Volk nicht überzeugt ist, soll da wirklich der Wille der Politiker vor dem Willen des Volkes stehen? Anscheinend ja und genau deswegen wurde Wulff auch zum Staatsoberhaupt ernannt und eben nicht der vielleicht wesentlich fähigere, weil erfahrenere Joachim Gauck.

Doch, alles heulen und Zähne knirschen nützt nichts, es geht um die Ehre des Landes. Wenn Wulff zurücktreten würde wegen der Affäre (was er allein schon aus einem Übermaß von Selbstüberschätzung und Arroganz nicht tun wird), befände sich Deutschland inmitten einer politischen Krise. So schnell, wie Horst Köhler im Jahr 2009 von Kanzlerin Merkel aus dem Amt gejagt wurde, war es schon arg peinlich, überhaupt einen neuen Bundespräsidenten wählen zu müssen aus heiterem Himmel. Und jetzt, zwei Jahre später, wieder das gleiche Spiel? Darauf lässt sich zumindest die Politik nicht ein, selbst die Opposition nicht - und warum? Aus Angst, dass wir im Ausland als lächerlich gelten könnten, als instabil. Vielleicht auch aus Angst vor den Ratingagenturen, die der deutschen Bonität dann wiedermal einen Strick drehen könnte und die Aussichten direkt mal noch eine Stufe runterschrauben könnten. Genau aus diesem Grund wird Deutschland wohl den Luxus-Bundespräsidenten behalten und die Kritiker müssen zähneknirschend akzeptieren müssen, dass man im Leben doch etwas gleicher ist als die anderen, sobald man ein hohes Amt inne hat.

Doch das Thema "Wulff" ist in dieser Woche nicht mein zentrales Thema - es hat zwar verdammt viel damit zu tun, aber es geht mehr um eine Grundsatzfrage: "Was wären wir nur ohne...?" und diese Frage bezieht sich nicht nur auf Deutschland oder die USA, sondern mehr auf die ganze Welt. Wir befinden uns in einem ständigen Wandel und trotzdem wirkt es immer wieder, als würden wir auf der Stelle treten. Für Deutschland heißt das: wir haben eine schwarze Regierung, einen noch schwärzeren Bundespräsidenten (politisch gesehen natürlich!) und die schwärzesten Aussichten für die nächste Bundestagswahl. Mit anderen Worten (bzw. Buchstaben): CDU (oder CSU in Bayern). Der Glaube an den Konservatismus hüpft und freut sich des Lebens, nicht nur hier, auch in den USA, in denen in dieser Woche die Vorwahlen für den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner begonnen hat. Mitt Romney, der Inbegriff des Konservatismus, hat knapp die Wahl vor dem nahezu religiös fanatischen Rick Santorum in Iowa gewonnen. Der Hype um den Konservatismus ist auch in den Vereinigten Staaten in vollem Gange - und es wirkt (zumindest in den Medien) so, als würden sich die Menschen nach den "guten alten Werten" zurücksehnen. Schluss mit Liberalismus und Sozialismus (die in den USA eh mit dem Kommunismus gleichgesetzt sind), her mit der Tradition!

Tradition ist wohl das entscheidende Schlagwort, wenn man an den Konservatismus denkt. Den Konservativen ist es immer ganz wichtig, auf die "Erhaltung der traditionellen Werte" zu achten - hier heißt das in erster Linie: alle Menschen sind frei, soviel Geld zu horten, wie sie gerade möchten und es sich so tief in ihre Taschen zu stopfen, dass keiner mehr drankommt. In den USA heißt das: alles Neue ist schlecht! Homosexualität ist böse, Arme, die Unterstützung zum Überleben wollen, sind böse und schlecht für's Geschäft, Gleichheit von Rassen, Geschlecht und Religion ist am Allerschlimmsten! Es gibt nur einen Gott und der hilft nur den USA - Amen!

Gott ist in diesem Zusammenhang wohl das zweite wichtige Stichwort: der Konservatismus vertritt die Ansicht, dass "der Glaube an das Walten der göttlichen Vorsehung in der Geschichte und die Einsicht in die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft" vorliegt (siehe auch hier). Was das heißt? Gott wird's schon richten und eigentlich sind wir nicht wirklich fähig, vernünftig zu sein, ohne, dass uns der liebe Gott dabei hilft. So oder so ähnlich sehen es auch die Konservativen in den USA, denn sie betonen, sie wollen einen Präsidenten, der "an Gott glaubt". Mehr als das: sie wollen einen Menschen als Staatsoberhaupt, der in einer Krise erst einmal kräftig betet, bevor er überhaupt eine Entscheidung trifft. Also: zurück zu George Dabbelju Bush jr., der ebenfalls zum Inbegriff des Konservatismusses wurde, indem er in dunklen Zeiten aufhörte zu trinken und den "Weg zu Gott" fand. Es ist erstaunlich, wieviel Wert die Konservativen auf die göttliche Kraft legen, wo wir in einer sehr irdischen Welt mit sehr irdischen Problemen leben, die allesamt (man ahnt es!) irdisch gelöst werden könnten. Die Menschen leben nicht ohne Grund auf diesem Planeten ohne die "Oberhand Gottes", die sie bei jedem Toilettengang begleitet, schließlich hat Gott den Menschen (in diesem Zusammenhang das ganze Natursystem) mit der Fähigkeit ausgestattet, die eigenen Geschicke zu leiten und zum Positiven (oder eben auch zum Negativen) zu verändern. Wäre dem nicht so, wäre Gott längst unter uns, würde bleiben und wäre schon längst über den Burnout hinaus bei all dem, was er zu tun hätte.
Trotzdem vertreten die Konservativen gerne die Parole: "Gott ist für uns alle da und wird uns retten!" Es ist fast grotesk, wenn man darüber nachdenkt, dass Gott uns alle aus der Scheiße retten soll, die wir selbst wissentlich und sehenden Auges verursacht haben. Doch wofür ist Gott denn sonst da?

"Was wären wir nur ohne... Konservatismus?" lautet also die zentrale Frage. Wo wären wir, wenn wir uns nicht auf die Tradition stützen würden, das Hochhalten der alten Werte und dem Spießbürgertum im Allgemeinen? Es ist witzig, wenn man darüber nachdenkt und sich umschaut, denn wir sprechen inzwischen von Traditionen, die es im eigentlichen Sinne gar nicht gibt. Traditionen sind Verhaltensweisen und Bräuche, die in alten Zeiten entwickelt wurden und die es wert sind, auch in der Neuzeit am Leben erhalten zu werden. 'Aber welche dieser Traditionen gibt es heutzutage überhaupt noch? Jeder Konservative beschäftigt sich mit den technischen und politisch neuesten Spielereien, es wird Flickschusterei an allen Ecken und Enden betrieben und die Traditionen alter Politikgenerationen werden über Bord geworfen - weil sie einfach nicht mehr in das Wirtschaftssystem 2012 hineinpassen. Mit anderen Worten: Tradition = ja, Wirtschaft = 2 x ja! Damit hat die Wirtschaft doppeltes Stimmrecht vor der Tradition. Und wenn eine Tradition nicht mehr passt, wie die modifziert... womit sie dann aber streng genommen nicht mehr zu den Traditionen gehört. Aber diese Verhaltensweise wird inzwischen überall angewandt, man sehe sich allein die Traditionen rund um "Weihnachten" an (solange ist das ja noch gar nicht her!). Weihnachten wird inzwischen so ausgelegt, wie es den Menschen gerade so passt: Hauptsache Geschenke, warum Weihnachten gefeiert wird, weiß eh kein Schwein mehr und wen interessiert es überhaupt? Das Wesentliche ist der Spaß an der Sache! DAS ist dann wohl die entscheidende "Tradition" (wenn nicht die einzige) die im Zusammenhang mit Weihnachten aufrecht erhalten wurde.

Also, der Konservatismus ist immer noch weit verbreitet in der Gesellschaft, obwohl die Menschen auf modern tun und denken, sie wären der Zeit einen Schritt voraus, wo sie gleichzeitig am Rückstand festhalten wollen. Man könnte auch behaupten, die Menschen versuchen, gleichzeitig vorwärts und rückwärts zu gehen. Zugegeben, das ist auch eine Herausforderung, sie ist bis jetzt nur noch keinem gelungen. Und wahrscheinlich deswegen scheitert der Konservatismus auch immer wieder an seinem eigenen Anspruch, die Tradition zu erhalten, auf Gott zu vertrauen und gleichzeitig für ständigen Wachstum zu sorgen. Wachstum. Auch so ein Wort, an dem ich mich jetzt schon (das Jahr ist gerade einmal 6 Tage alt!) zu Tode gehört habe. In allen Ecken und Enden (gerade bei den Konservativen) wird der Schwerpunkt der Wirtschaft und der gesamten Menschheit auf das Wirtschaftswachstum gelegt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Wachstum bei den Menschen ankommt (diesen Witz "Der Aufschwung kommt bei den Menschen an" gebraucht selbst unsere Kanzlerin nicht mehr!), sondern allein darauf, dass es aufwärts geht. Es spielt keine Rolle wohin oder wer davon betroffen ist, aber es muss weiter alles in der Wirtschaft wachsen. Woher das alles genommen werden soll, weiß keiner, aber die Konservativen werden nicht müde, genau auf diesem Kaugummi herumzukauen.

Die Feststellung, wie wichtig das Wirtschaftswachstum ist, geht vor jedem anderen Problem, das wir auf dieser Welt haben. Gleichzeitig müssen die Wähler der Konservativen bei guter Laune gehalten werden. Und das ergibt unterm Strich: die Wirtschaft muss weiter wachsen, die Reichen brauchen aber dafür keinen Cent auszugeben. Im Gegenteil: sie bekommen durch das Wirtschaftswachstum noch Geld hinzu.
Wer sich nun fragt, wie das funktionieren soll, dem sei gesagt, dass die Lösung denkbar einfach ist: das Geld für das Wachstum wird vom einfachen Volk erarbeitet, gleichzeitig wird der Arbeiter auf einem möglichst niedrigen Level gehalten, damit der Gewinn aus der harten Wirtschaftsleistung genau am richtigen Platz ankommt: bei den Wählern der Konservativen!
Vielleicht ist genau das die Tradition, von der die Konservativen immer sprechen: die Reichen haben alles und behalten es und die Armen arbeiten zwar hart, haben aber kaum etwas und sollen nach Möglichkeit auch nicht wirklich etwas dazubekommen.

Zuviel "Schwarzmalerei"? Zuviel kann es eigentlich nicht sein, immerhin reden wir von den politisch "Schwarzen". Aber Spaß beiseite, ein wenig Schwarz/weiß-Malerei war gerade schon im Spiel, die Konservativen sind immerhin nicht nur schlecht. Konservatismus an sich ist auch nicht verkehrt, leider geht genau der Teil des Konservatismus flöten, den die Menschen so dringend bräuchten.
Konservatismus steht im Zusammenhang mit der Tradition auch für menschliche Werte und Moralvorstellungen, die erhalten bleiben sollen. Aber in Zeiten von Internet, neuen Technologien, immer mehr Geld und immer mehr Auswahl in der Partnerwahl ist es schwierig geworden, untereinander respektvoll zu sein und mit Bedacht an die Dinge des Lebens zu gehen. Respekt, Toleranz, Wertschätzung der Menschen und der Natur scheinen in den Hintergrund gerückt zu sein, wichtiger ist das Geld und das Streben nach Macht. Das ist alles schön und keiner kann sich diesem Streben wirklich entziehen (auch ich nicht!), es bleibt nur die Frage, ob der Wegfall dieser "Traditionen" nicht früher oder später zum Zerfall des Konservatismus führen wird. Konservative, die ihre eigenen hochgehaltenen Traditionen nicht mehr leben, werden nicht mehr in der Lage sein, glaubwürdig zu sein. Damit werden dann alle Konservativen zu Christian Wulff, dem Vertreter des "neuen Konservatismus" mit dem Credo: "Entscheidend ist, was mir gut tut - ohne Rücksicht auf Kollateralschäden!".

Das mag dann auch der Grund sein, warum die Mehrheit der Wähler in Deutschland immer noch zufrieden mit der "Arbeit" des Bundespräsidenten ist (ich frage mich ja immer noch, was er bis jetzt großartig geleistet hat, aber Schwamm drüber!) und sagt: "Er ist auch nur ein Mensch, Menschen machen Fehler und jeder hat eine zweite Chance verdient!"
Wahrscheinlich denken die Menschen genau bei diesem Satz an den Haufen Fehler, den sie selbst begehen und die sie sich längst verziehen haben. Die Einsicht, Fehler zu begehen und dafür die Konsequenzen zu tragen scheint von der angenehmeren Variante, einfach die Fehler nur einzusehen und dann zu vergessen, abgelöst worden zu sein. Fehler begehen, ja - wegen einem Fehler gleich die Koffer packen? Auf keinen Fall, dafür haben wir alle zu hart gekämpft, um den Nischenplatz in der Gesellschaft zu ergattern.

Für den Rest des Jahres (ist ja noch eine Weile) bleibt abzuwarten, was passieren wird. Ob sich der Konservatismus auch in den USA (wieder einmal!) durchsetzen wird, ob hier in Deutschland Christian Wulff das Jahr politisch überleben wird oder nicht und wohin Deutschland politisch will. Die Politik ist zuversichtlich, immer gestützt auf das "Wirtschaftswachstum". Gleichzeitig bleibt zu bedenken: wer hoch steigt, erlebt die Höhenluft - und die ist verdammt dünn. Vielleicht hat die FDP in dieser Woche genau deswegen nur noch 2% bei den Umfragewerten - erfolgreiche Menschen (wie die Liberalen) haben oft das Problem, das sie die Realität verkennen und sich deswegen immer weiter einreden, sie seien für Erfolge verantwortlich, obwohl sie kurz vor dem gesellschaftlichen Tod stehen. "Glück auf!" kann man der FDP nur sagen und ihr viel Spaß beim "Drei Königs-Treffen" in Stuttgart wünschen.

Außerdem wünsche ich allen Lesern ein schönes Wochenende und viel Spaß und Freude im Leben - bis zum nächsten Eintrag an dieser Stelle am nächsten Freitag.

LG Gene :-)

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