Jede (gute) Serie hat mal ein Ende - diese Weisheit gilt für sämtliche TV-Serien auf diesem Planeten. Wenn eine TV-Serie wirklich qualitativ herausragend ist, muss sie einmal enden. Wie wahr das ist stellt sich heraus, wenn man die Gegenprobe macht und feststellt, dass alle relativ grottigen Serien in Dauerschleife laufen, bis sie wie ein verdurstetes Pferd tot umfallen. Nun will ich nicht unbedingt sagen, dass meine Blogserien qualitativ hervorragend und einzigartig sind... trotzdem weigere ich mich, eine Serie ohne Ende einfach im Regen stehen zu lassen. Die Serie über die "Materialschäden in offenen Fleischwunden" ist nun eine, die bis jetzt nicht beendet, nur durch die Blogserie zum Sommerloch jäh unterbrochen wurde. Jetzt werde ich dem Thema ein würdiges Ende bereiten - oder ich versuche es zumindest.
Wiedermal hat sich in dieser Woche so einiges ereignet, auch wenn die Menschen in Deutschland ausschließlich über die FDP, Rösler's Bemerkungen und die Euro-Krise sprechen. Man(n) redet eben gern über das liebe Geld, auch wenn es wichtigere Themen geben sollte. Kaum ein Mensch macht sich Gedanken darum, dass ein reicher Mensch nicht zwangsläufig glücklich oder gesund sein muss. Das Streben nach Glück und Gesundheit sollte eigentlich das höchste Gut für den Menschen sein - trotzdem nehmen die Menschen die Vollkommenheit des Körpers und Geistes, die Fähigkeit der uneingeschränkten Bewegung und Flexibilität, als selbstverständlich an. Und damit wird wieder das Geld wichtiger.
In dieser Woche ereignete sich indes ein viel wichtigerer Zwischenfall - im französischen Atomkraftwerk in Marcoule im Süden Frankreichs, Nahe bei Avignon, ist ein Mensch ums Leben gekommen und vier wurden zum Teil schwer verletzt. Doch im Gegensatz zu Fukushima verschwand die Nachricht so schnell wieder aus den Top Nachrichten, wie sie aufgetaucht war, die anfängliche Panik wich schnell dem Gefühl der Gleichgültigkeit. Zugegeben, wenn es einen Super-GAU im Jahr 2011 schon gibt, ist es schwer noch irgendetwas zu empfinden bei einem kleinen, harmlosen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk. Es verhält sich wohl wie mit der Kriegsthematik: je mehr tote Menschen in den Nachrichten gezeigt werden, zerbombt oder erschossen im Kriegsgefecht, desto weniger juckt einen das Ganze. Schnell war die französische Umweltministerin dabei zu betonen, es handle sich um keinen gravierenden Atomunfall... und mit einem Handschlag war das Ereignis auch wieder aus den Nachrichten verschwunden. Damit auch wieder zurück zu der schönen neuen Finanzwelt und ihren Problemen mit den Griechen.
Doch das Problem ist damit nicht aus der Welt! Selbstverständlich gibt es immer wieder Industrieunfälle in Atomanlagen, denn die Arbeit in solchen Werken mit Brennstäben, die Radioaktivität absondern, ist gefährlich. Und wenn es zu genüge Unfälle in "normalen" Handwerksbetrieben jeden Tag gibt (auch mit Verlusten von Körperteilen), wieso sollte es im Atombereich anders sein? So sehr die Menschheit auch bemüht ist, Radioaktivität wie ein rohes Ei zu behandeln, es mag ihr nicht so recht gelingen. Wieso nicht? Es könnte an dem Urglauben des Menschen liegen, allem und jedem überlegen zu sein.
Der Mensch ist die intelligenteste, grandioseste und beste Spezies, die es auf diesem Planeten gibt - vielleicht sogar im gesamten Sonnensystem. Wenigstens ist das der feste Glaube des Großteils unserer Menschheit: wir bilden uns jeden Tag aufs Neue ein, dass wir alles beherrschen, kontrollieren und dadurch für unsere Zwecke jederzeit steuern können. Alles, inklusive Radioaktivität. Denn obwohl wir genau wissen, dass sie uns und unserer Gesundheit massiven Schaden zufügt, sind wir gerne bereit, sie zu kontrollieren und sie uns zunutze zu machen.
Kein Mensch kann ohne Radioaktivität mittlerweile auskommen, immerhin beziehen wir unseren täglichen Strom aus genau den Anlagen, die inzwischen so verteufelt sind. Es ängstigt uns einerseits, dass die Radioaktivität von Atomstrom uns schaden und krank machen kann, andererseits sind wir von ihr abhängig. Egal, ob zur Stromgewinnung oder in der Medizin - und in gewissen Dosen (auch wenn es klitzekleine sind) ist Radioaktivität sogar gut für uns. Das Problem liegt (wie auch beim Plastik, beim Erdöl allgemein) in der Menge und dem Bedarf. Grundproblem an der heutigen Welt wird wohl allein die Menschenmenge sein, die auf diesem Planeten existiert - und je mehr Menschen es gibt (speziell, wenn sie im Wohlstand leben), desto mehr Energien werden gebraucht. Nicht nur Wasser oder Lebensmittel, sondern auch "Luxusrohstoffe", Strom, Öl für die Heizung... Dinge, die benötigt werden, damit wir unser aller Hintern schön warm halten können und es bequem haben. Und trotzdem haben wir das gewaltige Problem, mit der Radioaktivität in den rauen Mengen, wie sie auf unserem Planeten bereits gezüchtet wurde, nicht umgehen zu können.
Gesehen haben wir das dieses Jahr im schlimmst möglichen Unfallszenario, das man sich vorstellen konnte: 20 Jahre nach Tschernobyl hat es das auf Atomkraft schwörende Japan erwischt. Zugegeben, es war zunächst kein menschlicher Fehler, das böse Erdbeben mit dem noch böseren Tsunami war Schuld, das es überhaupt so weit kommen konnte. Doch dann lag es an den Japanern (im Speziellen an der Firma Tepco, der das Atomkraftwerk von Fukushima gehört), die Situation möglichst unter Kontrolle zu halten. Dazu hätte eventuell eine gewisse Übersicht und Besonnenheit gehört, aber welcher Japaner hat schon je damit gerechnet, dass die Atomkraft mit radioaktiv-verseuchten Winden zurückpupsen würde? Der Glaube war so stark an die Institution "Atomstrom", dass der Super-GAU von Fukushima das Weltbild der Japaner in ihren Grundfesten erschüttert hat. Vorher galt Atomstrom als sauber, preiswert und schnell erzeugbar - danach kam der Aspekt "gefährlich" hinzu.
Gut ein halbes Jahr später hat sich einiges geändert - die Wogen, die Fukushima verursacht hat, sind weitestgehend geglättet. Japan hat inzwischen mit Yoshihiko Noda den sechsten Premierminister des Landes in 5 Jahren und dieser setzt wieder auf das Zugpony "Atomkraft" als sicheren Grundstein zur Gewinnung japanischen Stroms. Nachdem die Regierung nach dem Super-GAU vorläufig einige der Atomkraftwerke im Land abgeschaltet hat, schaltet Noda sie nun wieder an... als hätte es Fukushima nie gegeben. Oder als hätte es Fukushima gegeben und eigentlich ist es doch schei*egal! Was sich allerdings verändert hat ist das Bewusstsein der Japaner dem Atomstrom gegenüber - auch wenn die Regierung der Atomlobby gerne die Füße küsst und die Kraftwerke mit Kusshand wieder anschalten lässt, die Bürger des Landes sind kritischer geworden, man könnte sie fast als "aufmüpfig" bezeichnen. Tausende Japaner, die auf der Straße demonstrieren und "Atomkraft - Nein danke!"-T-Shirts tragen (auf Deutsch wohlbemerkt!).
Deutschland gilt seit Fukushima und der Reaktion der hiesigen Regierung weltweit als Vorbild für den Ausstieg aus der Atomkraft - obwohl inzwischen fast alle vergessen, dass das Abschalten der Atomkraftwerke als letztes auf dem Mist von Frau Merkel gewachsen ist. Sie hatte sich noch ein dreiviertel Jahr zuvor für die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke ausgesprochen. Nach Fukushima und einem massiven Zuwachs der atomkritischen Partei "Bündnis '90 - Die Grünen" war dann allerdings alles anders. Plötzlich mutierte Kanzlerin Merkel aus Angst vor dem absoluten Einbruch in der Wählergunst zum militanten Atomgegner, mit Schwert und Ritterinnenrüstung und plötzlich mit einer komplett neuen Religion. Nun wurden die ältesten Atomkraftwerke vom Netz genommen und einem Moratorium unterzogen, der Überprüfung, ob die Kraftwerke noch für den Gebrauch geeignet sind oder schon zur Trashware gehören. Und natürlich hat sich der Engel Angie entschieden, die Kraftwerke vom Netz zu lassen.
Seitdem gilt Frankreich als ultimativer Umweltsünder, was Atomenergie betrifft. Skandalöse 80% des gesamten Stromverbrauchs des Landes wird aus Atomkraft gewonnen - natürlich sind wir Deutschen die Umweltengel, mit weit ausgebreiteten Gutmenschflügeln, die dem Rest Europas zeigen, wie es gehen kann. Staatliche Unterstützung für alternative Energien, damit auch jeder Häuslebauer nach Möglichkeit zur Solaranlage greift und die Verweigerung der Unterstützung der Atomlobby. Die Frage bleibt nur, ob die Frage nach der guten heldenhaften Merkel und dem bösen Gartenzwerg Sarkozy wirklich so leicht beantwortet werden kann, denn die Meldungen über den Stromimport Deutschlands sind erschreckend: so hat der Import an Atomstrom in den letzten 6 Monaten um 50% zugenommen. Und nun darf der kluge Leser ein halbes Mal raten, woher dieser Strom größtenteils kommt... aus dem Land der Croissants und Baguettes.
So wird ein schlechtes Image weit weniger schlecht und ein vermeintlich lupenreines Image getrübt von Rotwein- bzw. Atomflecken aus Frankreich. Der Wunsch nach einer Welt ohne Atomstrom scheint im Ende doch weit utopischer zu sein als befürchtet. Schon Dickens wusste, dass man die Geister, die man rief, so leicht nicht mehr los wird. Zwar geht es beim Atommärchen nicht um Weihnachten (zumindest nicht direkt), aber die bösen Geister der Vergangenheit lassen die Politik wohl nie los, auch wenn sie noch so sehr auf sauberen und umweltfreundlichen Strom pochen. Gleiches gilt für Alternativen zum Benzin. Denn der "Wandel", der sich jetzt in den Köpfen der Politik vollzieht, ist wahrscheinlich schon seit mehr als 20 Jahren bei Teilen der Bevölkerung gewollt - und auch gekonnt! Denn Energien wie die Solar- oder Windenergie sind schon seit sehr langer Zeit "in der Mache", nicht erst seit vorgestern. Ignoriert wurden sie trotzdem fleißig, wegen dem einen, alles beherrschenden Geist der Gegenwart, dem Geld. Die Wirtschaft bzw. die Atomlobby haben alles getan in den vergangenen Jahrzehnten, um sich mit Katzenbuckel kräftig gegen umweltschonende Alternativen zu sträuben. Kein Wunder, das Herunterfahren und die Beseitigung des Atommülls kostet Geld, verdammt viel Geld. Und Geld ausgeben aufgrund des Gutmensch-Syndroms? Schwachsinn! Da könnten wir ja gleich Amnesty International und den WWF als Organisationen zu den neuen Stellvertretern des Weltkapitals machen und dafür sorgen, dass sie das Geld in der Welt gerecht und sinnvoll verteilen. Wo kämen wir da denn nur hin?
Wahrscheinlich einige hundert Jahre weiter, als wir es jetzt tun. Nur, wen interessieren schon die nächsten zwei oder dreihundert Jahre, wenn eh keiner von uns älter als 80 wird? Ich gestehe, ich schweife ab. Allerdings ist es eine Tatsache, dass der Mensch immer genau das tut, was ihm am meisten schadet. Vielleicht aus der Naivität heraus, dass sie denken, es könnte ihn schon nichts passieren, wenn sie etwas absolut Tödliches tun. Tödliches tun und keine Konsequenzen dafür tragen ist wahrscheinlich ein lang gehegter Kindheitstraum. Dieser schlägt der Menschheit allerdings immer wieder um die Ohren. Am gewaltigsten und schlimmsten immer noch mit Umweltkatastrophen, durch die zig Menschen sterben. Jede dieser Katastrophen führt dann dazu, dass die Menschheit noch ängstlicher und schizophrener wird, was das eigene Wohlergehen anbetrifft als zuvor. Auch wenn dies der einzige Weg ist, die Menschen überhaupt noch zum Denken zu bewegen: Katastrophen und Leichenteile. Und Leichenteile und noch mehr Katastrophen. Die Konfrontation mit dem Tod und die Erkenntnis, dass wir alle nicht Superman oder Wonderwoman sind, macht uns bewusst, dass wir etwas tun müssen, um unsere Gesundheit und unser Glück zu erhalten.
Das neue Bewusstsein in einer neuen, gesunden, bewussten und wundervollen Welt. Umweltbewusstsein ist doch tatsächlich "in", nach all den Jahren der Verschwendungssucht und der Selbstsucht.... wirklich? Träumen wir nicht gerade den Traum, der sich nie erfüllen wird? Denn die Bevölkerung verpestet und verbraucht munter weiter, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen, ob der Strom, das Benzin oder welchen Rohstoff sie auch immer verwenden, wirklich sauber und damit umweltschonend sind. Das gute Gewissen existiert im Alltag nur auf dem Papier... oder weit versteckt im Gutmensch-Gewissen, das irgendwo im Keller des Gehirns liegen mag, wo es besonders dunkel und feucht ist. Denn das eigentliche Problem ist die Verfügbarkeit und die Anstrengung, die verbunden ist mit dem reinen Gewissen. Ab und zu das Auto stehen lassen, um was Gutes für die Umwelt zu tun? Fehlanzeige! Und sauberer Strom? Wenn man in einer Mietwohnung wohnt, hat man nicht die große Auswahl der Saubermann-Alternativen, die bleiben vorerst nur Hausbesitzern vorbehalten, die sich bewusst für eine Umstellung entscheiden.
Das Ende vom Lied ist wohl klar: man kann nur darauf warten, dass die Politik Vernunft annimmt und sich für die Zukunft aller Menschen statt dem eigenen und dem Vorteil der Wirtschaftsbosse entscheidet. Sarkozy sagte vor Kurzem, ein Ausstieg aus der Atomenergie würde ihn rund 45 Milliarden Euro kosten, außerdem seien seine Atomkraftwerke die sichersten in Europa. Nun, das Geld und der unerschütterliche Glaube - zwei Freunde, die schon lange miteinander spielen und sich dabei mehr als einmal gegenseitig in Schwierigkeiten gebracht haben. Wenn diese Beiden allerdings richtig Mist bauen, kann man es immer noch einem Dritten zuschieben. Und wenn das nur der liebe Gott sein sollte, so wird der auch gern dafür herangezogen!
Man sieht sich dann wohl am bitteren Ende der Unvernunft. Die einzige noch mögliche Alternative, um auch nur im geringen Maße etwas gegen die Übermacht der Politik oder Wirtschaft zu tun ist der eigene Verzicht. Auf übermäßigen Konsum von Rohstoffen, die andere Kulturen fast gar nicht verwenden. Nun, diese Kulturen mögen als uncool gelten, weit weniger hip als wir Europäer oder die Amis es sind. Doch eine Erkenntnis macht diese Menschen wahrlich zu einer der klügsten Spezien, die dieser Planet gesehen hat: das Wissen, mit der Natur zusammenzuarbeiten statt gegen sie. Es bleibt abzuwarten, wie lange der zivilisierte, moderne Wohlstandsmensch für diese Erkenntnis noch brauchen wird.
In diesem Sinne, ein verspätetes "Ich wünsche allen Lesern ein schönes Wochenende!". Bis Freitag und auf ein Neues! ;-)
LG Gene :-)
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Samstag, 17. September 2011
Samstag, 26. März 2011
Die Legende der Lemminge und "Zwischendenzeilen-Lesern"
Dieses Mal bin ich spät an - was nicht daran liegt, dass ich mir keine Gedanken gemacht habe oder machen konnte über das Thema diese Woche. Die Verspätung ist nur darauf zurückzuführen, dass einem manchmal das "Wie" fehlt, die Art, wie man den Leuten eine bestimmte Thematik näherbringt.
Doch wieso geht es um die Legende der Lemminge und "Zwischendenzeilen-Lesern", wo jeder doch nur über Japan und Lybien in den letzten Wochen redet? Ein anderes Thema scheint es kaum zu geben, irgendwie steht alles im Zusammenhang mit der Dramatik, die sich auf unterschiedlichste Weise in diesen beiden Ländern abspielt. Nur was haben die Lemminge, diese putzige Art der Wühlmäuse, mit Japan zu tun? Dazu später mehr.
Zunächst einmal müssen wir uns einer Tatsache stellen: wir haben mehr als eine Gemeinsamkeit mit Lemmingen. Nicht nur, dass wir alle Säugetiere sind, nein, das wäre ein wenig zu einfach. Dann könnte ich (wiedermal) die Menschen auch mit Katzen vergleichen. Doch zu diesem Thema gibt es einen großen Unterschied. Denn Katzen sind zwar gesellschafts- und soszialfähig, andererseits sind sie genauso gute Einzelgänger; das wiederum fällt dem Menschen doch reichlich schwer. Sich mit sich selbst zu beschäftigen fällt dem Menschen meist schwerer, als eine Doktorarbeit zu schreiben (dass beides in direktem Zusammenhang steht, lassen wir mal beiseite!). Mir geht es mehr um die Tatsache, dass nicht jeder Mensch eine Doktorarbeit schreiben kann; dazu ist nunmal nicht jeder intellektuell fähig (und nein, ich hacke nicht wieder auf Dr. (sorry, ehemals Dr.) Karl Theodor zu Guttenberg herum) und mit dem Alleinsein verhält es sich genauso.
Beobachtet man das Verhalten der Menschen, dreht sich vieles nicht nur ums Geld, es geht vor allem darum, miteinander Kontakt zu haben. Darum dreht sich ja auch das ganze Internet - es geht schon lange nicht mehr darum, Geschäfte über das Internet zu tätigen oder sich Wissen anzueignen, zuallererst beschäftigen sich die User damit, mit anderen Menschen (die ihnen meist völlig unbekannt sind) in Kontakt zu treten. Facebook, Twitter, wer-kennt-wen, Lokalisten.de - sind nur einige Beispiele (die wahrscheinlich bekanntesten im deutschsprachigen Raum) und es gibt ja noch viel mehr, denn wir halten es nicht mehr wie früher, indem wir uns Brieffreunde hielten, wir brauchen mehr! E-mails an Menschen schreiben war gestern und ist fast schon zu anonym. Heute geht es darum, miteinander schnell und möglichst öffentlich befreundet zu sein. Denn Freundschaften sind mehr als der Versuch, die Einsamkeit aus dem Wohnzimmer zu vertreiben - es geht darum, der Welt zu zeigen, wie beliebt man ist. 100 Freunde? Das ist jawohl das Mindeste, wenn man unter 10 Freunden hat, ist man eh ein Loser. Mit mehr als 1000 Freunden gilt man zwar schnell als Spinner bei denen, die nichts von anonymen Freundschaften halten, aber die meisten Menschen möchten am Liebsten auch zu der Liste der 1000 gehören, die auf der Liste dieses einen Helden sind, der anscheinend mit allen kann: Geschlecht, Alter, Religion, Sozialstatus? Egal, Hauptsache rauf auf die Liste!
Und genau damit sind wir schon bei der entscheidenden Parallele zwischen Menschen und Lemmingen angelangt. Laut Legende ziehen Lemminge durch die Tuntra und begehen auch mal gerne auf ihren Wanderungen eine Art Massenselbstmord. Dies ist allerdings (Sensationsgier darf an dieser Stelle wieder ausgeschaltet werden!) eine Legende und nicht dokumentiert. Wahr ist allerdings, dass diese putzigen Tierchen in Massen durchs Land ziehen und auf der Suche nach neuen Lebensräumen sind, was viele der Tiere nicht überleben. Und wenn ich sarkastisch wäre, könnte ich glatt behaupten, dass in Japan das Gleiche zur Zeit der Fall ist: die Menschen mussten vor den Wassermassen des Tsunamis fliehen, Hunderttausende befinden sich zur Zeit in Notunterkünften und keiner weiß, wie lange dieser Aufenthalt dauern wird. Dazu kommt dann die Atomkatastrophe, die uns alle natürlich viel mehr interessiert als das Schicksal der Menschen, die ihre Häuser, ihr gesamtes geregeltes Leben und Teile oder die komplette Verwandschaft verloren haben. Mitgefühl ist in heutigen Zeiten eben ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Und genau deswegen liegt der Fokus der Berichterstattung in den Nachrichten auf Fukushima I und nicht auf die Notunterkünfte, auf leidende Menschen und die Frage, wie diese Menschen ihr Leben wieder in den Griff bekommen sollen (wenn ihnen das je gelingen wird!).
Die Lage ist dramatisch in Fukushima und ich lese und höre viel von den "Fukushima 50", mit denen ich mich letzte Woche schon etwas beschäftigt habe. Dabei wird dann leider auch viel Blödsinn geredet, es wird davon geredet, diese Menschen würden das in Ahnungslosigkeit machen und nur für's Geld. Auf der anderen Seite kann man diese Kritiker auch fragen, was sonst getan werden sollte? Ich bezweifle, dass einer der Kritiker selbst nach Fukushima gehen und die Lage dort in den Griff kriegen will. Der Versuch dieser Menschen ist bewundernswert, auch wenn sie sich anscheinend nicht der Ausmaße bewusst sind, auch wenn sie nicht wissen sollten, dass ihre Lebenserwartung dramatisch sinkt. In dieser Thematik kann man sich auch fragen, ob wir wirklich alle 100 Jahre alt werden müssen? Es ist bekannt, in Japan werden die Menschen alt, sehr alt sogar (das wird hauptsächlich ihrer gesunden Ernährung zugeschrieben), aber muss deswegen automatisch jeder so alt werden? Und was nutzt es diesen Menschen, selbst wenn sie so alt geworden wären, in einer Welt so alt zu werden, die auseinanderbricht? Es wurde Mist gebaut, ganz schön viel Mist, dessen müssten sich doch eigentlich inzwischen alle bewusst sein. Das, was die "Fukushima 50" versuchen (zusammen mit vielen anderen Helfern, die im Übrigen fast gar nicht erwähnt werden!) ist, eine Katastrophe, die sowieso schon da ist, so weit wie möglich einzudämmen. Und es gibt doch weiß Gott genug Menschen, die jetzt schon über mögliche Spätfolgen krakehlen. Viele davon kommen (und das ist besonders traurig, wie ich schonmal gechrieben habe!) aus Deutschland. Dass wir uns immer noch über die Folgen für uns im Zusammenhang mit Fukushima I machen, ist nicht nur beinahe ein Skandal, es ist eine eigenständige für mich unbegreifliche Katastrophe.
Daraus entsteht dann unser eigenes, unser persönliches "Lemming"-Verhalten. Als ich diese Woche dann durch die Nachrichten sah, dass selbst die BRAVO, eine Jugendzeitschrift, die sich mit Themen beschäftigt, die noch banaler als die Jugend von heute sind, in dieser Wochenausgabe ein Poster mit dem Anti-Atom-Logo "Atomkraft? Nein Danke!" eingefügt hat, ist mir fast schlecht geworden. Natürlich denken die Menschen nun, die Jugend macht sich wenigstens Gedanken um die Umwelt, sie macht sich über die Versorgung des Landes mit Strom Gedanken. Aber stimmt das wirklich? Wenn man sich die Jugendlichen dann im Interview anhört, bekommt man nur Phrasen zu hören, die in jeder Nachricht laufen. Das soll eigenständige Meinungsbildung sein? Diese Meinungsbildung haben die BRAVO-Leser nur mit der BILD-Leserschaft gemeinsam: es geht darum, die Meinung der Massen zu vertreten, mit Individualität hat das, was von sich gegeben wird, sehr wenig zu tun. Der Aufkleber, Button, T-Shirt Aufdruck "Atomkraft-Nein Danke!" wird zum Modeaccessoire. Und wenn Karl Lagerfeld das geahnt hätte, er hätte diesen Trend wahrscheinlich bereits vor einiger Zeit aufgegriffen und auf den Laufsteg gebracht!
Das Ganze hat nichts mehr mit der Überzeugung zu tun, die Atomkraft abzuschaffen. Denn die, die diese Überzeugung schon immer hatten, haben auch immer für diese Überzeugung gekämpft. Eine Überzeugung hat nur wenig mit Nachrichten oder Aktualität zu tun, aber das wissen nur Diejenigen, die nicht dem Lemming-Verhalten verfallen sind. Die Masse liebt die Abwechslung, und die Abwechslung ist der Tod einer jeden Überzeugung, schlichtweg weil eine Überzeugung (und speziell ihre Vertretung) Ausdauer verlangt. Und Ausdauer ist das genaue Gegenteil von Abwechslung. Ausdauer ist genau das, was auch jeden Frühjahr Tausenden die Ambition, endlich Sport zu treiben, im Keim ersticken lässt. Wenn man sich wirklich dafür einsetzt, mehr Joggen zu gehen (oder, dass Atomkraftwerke abgeschaltet und durch alternative Energien ersetzt werden) bedeutet das, dass man einer Monotonie verfällt. Man propagiert immer wieder die gleichen Überzeugungen, gibt immer wieder die gleichen Parolen an verschiedenen Stellen von sich, bis man sich lächerlich vorkommt, schlimmer noch: man fängt irgendwann an, nicht mehr an das zu glauben, was aus dem eigenen Munde kommt.
Deswegen ist das Verhalten der Masse auch gestrickt, wie es gestrickt ist: heute Lybien, morgen Japan, übermorgen ein neuer Lebensmittelskandal, der beides wieder außer Gefecht setzt. Man redet immer gerne über das, was gerade so aktuell ist. Mitgefühl ist meist eine sehr geheuchelte Emotion in der heutigen Zeit, gerade, da alles sich immer schneller dreht, wie ein Kreisel, der besonders viel Antriebskraft erfährt. Es mag heute noch interessant sein, nach Fukushima zu schielen und der Welt inzwischen mit Hochgenuss zu erzählen, wie sehr man sich jetzt davor fürchtet, in einem in Deutschland ansässigen japanischen Restaurant Sushi zu essen, dessen Bestandteile allesamt NICHT aus Japan stammen - morgen ist diese Problematik für uns auch wieder vergessen.
Nur für die Menschen in Japan nicht. Die werden wahrscheinlich noch sehr lange in ihren Notlagern hängen und darauf warten, dass genug Hilfe eintrifft, die ihnen die Unterstützung bietet, die sie verdient haben. Der Rest ist Warten.
Gut, soviel zu den Lemmingen. Aber wir haben noch nicht über die "Zwischendenzeilen-Lesern" gesprochen, eine Gattung, die nur unter Menschen vorkommt und eigentlich nicht wirklich erkennbar ist. Sie wechselt auch ihr Erscheinungsbild, fast wie ein Chamäleon. Zwischendenzeilen-Lesern sind Indivualisten, das allerdings nicht ausschließlich. Sie können auch Opportunisten sein, wie sich gerde im Lybien-Konflikt zeigt.
Einerseits können Zwischendenzeilen-Lesern diejenigen sein, die gegen die Masse schwimmen und in Heuchelei auch das Unrecht erkennen. Es gibt aber auch die, die Zwischen den Zeilen lesen - und sich anschließend aus dem Staub machen! Zur zweiten Kategorie gehört wohl (wieder einmal) die schwarz-gelbe Koalition. Jetzt, da sich die Vereinten Nationen endlich mal dazu durchgerungen haben, gegen Gadaffi Maßnahmen zu ergreifen, die eigentlich ja schon fast wieder zu spät ums Eck kommen, sagt Madame Non wieder einmal "Nein" - bzw. diesmal ist es wohl eher Monsieur Non, Guido Westerwelle. Die schlimmste Krankheit, seit es FDP Politiker gibt, hat sich mal wieder die Ehre gegeben, gegen alles zu sein, wofür die breite Masse eigentlich wäre. Zumindest die breite Masse derer, die im Zusammenhang mit Lybien ein wenig ihren Verstand einschalten. Dass es an der Zeit ist, Gadaffi zu entkräften, ist wohl inzwischen vielen klar. Und trotzdem befürwortet die Mehrheit der Deutschen das "Nein" des Bundesaußenministers. Ob es die Angst vor Vergeltung von Seiten Gadaffis ist oder einfach die Faulheit, sich für jemand anderes als sich selbst einzusetzen, ist schwer zu sagen beim deutschen Volk. Auf der einen Seite haben wir keine Probleme, uns Buttons an die Jeansjacke zu stecken, die zwar eine politische Aussagekraft besitzen, aber nichts weiter bewirken, aber wenn wir uns dann politisch für etwas stark machen müssten - scheuen wir die Verantwortung gegenüber Menschen, die wir nicht kennen.
Schließt sich da wiedermal der Kreis? Es war auch schon oft zu hören, dass im Internet Selbstmorde auf Sozialnetzwerken angekündigt werden und keinen der Internetfreunde hat es interessiert. Es scheint, als wäre die Fürsorglichkeit mit dem "Accept"-Button unter eine geschlossene Freundschaft gestorben. Was danach ist, interessiert doch niemand. Was interessieren mich meine Internetfreunde, was interessieren mit die Menschen in nordafrikanischen Staaten, die ich nicht kenne? Die Angst ums eigene Leben (oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit jedes Einzelnen) ist doch zu groß.
Im Massenphänomen ist doch schlussendlich jeder für sich selbst verantwortlich. Und wenn es das Massensterben der Lemminge je gegeben hat - manchmal wünscht man sich, dieses Massensterben würde bei den Menschen stattfinden. Nicht im körperlichen Sinne - einfach das Bedürfnis, ständig dem neuesten Trend in jeglicher Form hinterherzuhetzen, könnte doch so langsam mal aussterben. Es wäre sinnvoller und besser für die Welt, als wir alle denken.
In diesem Sinne - ein schönes Wochenende
LG Gene ;-)
Doch wieso geht es um die Legende der Lemminge und "Zwischendenzeilen-Lesern", wo jeder doch nur über Japan und Lybien in den letzten Wochen redet? Ein anderes Thema scheint es kaum zu geben, irgendwie steht alles im Zusammenhang mit der Dramatik, die sich auf unterschiedlichste Weise in diesen beiden Ländern abspielt. Nur was haben die Lemminge, diese putzige Art der Wühlmäuse, mit Japan zu tun? Dazu später mehr.
Zunächst einmal müssen wir uns einer Tatsache stellen: wir haben mehr als eine Gemeinsamkeit mit Lemmingen. Nicht nur, dass wir alle Säugetiere sind, nein, das wäre ein wenig zu einfach. Dann könnte ich (wiedermal) die Menschen auch mit Katzen vergleichen. Doch zu diesem Thema gibt es einen großen Unterschied. Denn Katzen sind zwar gesellschafts- und soszialfähig, andererseits sind sie genauso gute Einzelgänger; das wiederum fällt dem Menschen doch reichlich schwer. Sich mit sich selbst zu beschäftigen fällt dem Menschen meist schwerer, als eine Doktorarbeit zu schreiben (dass beides in direktem Zusammenhang steht, lassen wir mal beiseite!). Mir geht es mehr um die Tatsache, dass nicht jeder Mensch eine Doktorarbeit schreiben kann; dazu ist nunmal nicht jeder intellektuell fähig (und nein, ich hacke nicht wieder auf Dr. (sorry, ehemals Dr.) Karl Theodor zu Guttenberg herum) und mit dem Alleinsein verhält es sich genauso.
Beobachtet man das Verhalten der Menschen, dreht sich vieles nicht nur ums Geld, es geht vor allem darum, miteinander Kontakt zu haben. Darum dreht sich ja auch das ganze Internet - es geht schon lange nicht mehr darum, Geschäfte über das Internet zu tätigen oder sich Wissen anzueignen, zuallererst beschäftigen sich die User damit, mit anderen Menschen (die ihnen meist völlig unbekannt sind) in Kontakt zu treten. Facebook, Twitter, wer-kennt-wen, Lokalisten.de - sind nur einige Beispiele (die wahrscheinlich bekanntesten im deutschsprachigen Raum) und es gibt ja noch viel mehr, denn wir halten es nicht mehr wie früher, indem wir uns Brieffreunde hielten, wir brauchen mehr! E-mails an Menschen schreiben war gestern und ist fast schon zu anonym. Heute geht es darum, miteinander schnell und möglichst öffentlich befreundet zu sein. Denn Freundschaften sind mehr als der Versuch, die Einsamkeit aus dem Wohnzimmer zu vertreiben - es geht darum, der Welt zu zeigen, wie beliebt man ist. 100 Freunde? Das ist jawohl das Mindeste, wenn man unter 10 Freunden hat, ist man eh ein Loser. Mit mehr als 1000 Freunden gilt man zwar schnell als Spinner bei denen, die nichts von anonymen Freundschaften halten, aber die meisten Menschen möchten am Liebsten auch zu der Liste der 1000 gehören, die auf der Liste dieses einen Helden sind, der anscheinend mit allen kann: Geschlecht, Alter, Religion, Sozialstatus? Egal, Hauptsache rauf auf die Liste!
Und genau damit sind wir schon bei der entscheidenden Parallele zwischen Menschen und Lemmingen angelangt. Laut Legende ziehen Lemminge durch die Tuntra und begehen auch mal gerne auf ihren Wanderungen eine Art Massenselbstmord. Dies ist allerdings (Sensationsgier darf an dieser Stelle wieder ausgeschaltet werden!) eine Legende und nicht dokumentiert. Wahr ist allerdings, dass diese putzigen Tierchen in Massen durchs Land ziehen und auf der Suche nach neuen Lebensräumen sind, was viele der Tiere nicht überleben. Und wenn ich sarkastisch wäre, könnte ich glatt behaupten, dass in Japan das Gleiche zur Zeit der Fall ist: die Menschen mussten vor den Wassermassen des Tsunamis fliehen, Hunderttausende befinden sich zur Zeit in Notunterkünften und keiner weiß, wie lange dieser Aufenthalt dauern wird. Dazu kommt dann die Atomkatastrophe, die uns alle natürlich viel mehr interessiert als das Schicksal der Menschen, die ihre Häuser, ihr gesamtes geregeltes Leben und Teile oder die komplette Verwandschaft verloren haben. Mitgefühl ist in heutigen Zeiten eben ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Und genau deswegen liegt der Fokus der Berichterstattung in den Nachrichten auf Fukushima I und nicht auf die Notunterkünfte, auf leidende Menschen und die Frage, wie diese Menschen ihr Leben wieder in den Griff bekommen sollen (wenn ihnen das je gelingen wird!).
Die Lage ist dramatisch in Fukushima und ich lese und höre viel von den "Fukushima 50", mit denen ich mich letzte Woche schon etwas beschäftigt habe. Dabei wird dann leider auch viel Blödsinn geredet, es wird davon geredet, diese Menschen würden das in Ahnungslosigkeit machen und nur für's Geld. Auf der anderen Seite kann man diese Kritiker auch fragen, was sonst getan werden sollte? Ich bezweifle, dass einer der Kritiker selbst nach Fukushima gehen und die Lage dort in den Griff kriegen will. Der Versuch dieser Menschen ist bewundernswert, auch wenn sie sich anscheinend nicht der Ausmaße bewusst sind, auch wenn sie nicht wissen sollten, dass ihre Lebenserwartung dramatisch sinkt. In dieser Thematik kann man sich auch fragen, ob wir wirklich alle 100 Jahre alt werden müssen? Es ist bekannt, in Japan werden die Menschen alt, sehr alt sogar (das wird hauptsächlich ihrer gesunden Ernährung zugeschrieben), aber muss deswegen automatisch jeder so alt werden? Und was nutzt es diesen Menschen, selbst wenn sie so alt geworden wären, in einer Welt so alt zu werden, die auseinanderbricht? Es wurde Mist gebaut, ganz schön viel Mist, dessen müssten sich doch eigentlich inzwischen alle bewusst sein. Das, was die "Fukushima 50" versuchen (zusammen mit vielen anderen Helfern, die im Übrigen fast gar nicht erwähnt werden!) ist, eine Katastrophe, die sowieso schon da ist, so weit wie möglich einzudämmen. Und es gibt doch weiß Gott genug Menschen, die jetzt schon über mögliche Spätfolgen krakehlen. Viele davon kommen (und das ist besonders traurig, wie ich schonmal gechrieben habe!) aus Deutschland. Dass wir uns immer noch über die Folgen für uns im Zusammenhang mit Fukushima I machen, ist nicht nur beinahe ein Skandal, es ist eine eigenständige für mich unbegreifliche Katastrophe.
Daraus entsteht dann unser eigenes, unser persönliches "Lemming"-Verhalten. Als ich diese Woche dann durch die Nachrichten sah, dass selbst die BRAVO, eine Jugendzeitschrift, die sich mit Themen beschäftigt, die noch banaler als die Jugend von heute sind, in dieser Wochenausgabe ein Poster mit dem Anti-Atom-Logo "Atomkraft? Nein Danke!" eingefügt hat, ist mir fast schlecht geworden. Natürlich denken die Menschen nun, die Jugend macht sich wenigstens Gedanken um die Umwelt, sie macht sich über die Versorgung des Landes mit Strom Gedanken. Aber stimmt das wirklich? Wenn man sich die Jugendlichen dann im Interview anhört, bekommt man nur Phrasen zu hören, die in jeder Nachricht laufen. Das soll eigenständige Meinungsbildung sein? Diese Meinungsbildung haben die BRAVO-Leser nur mit der BILD-Leserschaft gemeinsam: es geht darum, die Meinung der Massen zu vertreten, mit Individualität hat das, was von sich gegeben wird, sehr wenig zu tun. Der Aufkleber, Button, T-Shirt Aufdruck "Atomkraft-Nein Danke!" wird zum Modeaccessoire. Und wenn Karl Lagerfeld das geahnt hätte, er hätte diesen Trend wahrscheinlich bereits vor einiger Zeit aufgegriffen und auf den Laufsteg gebracht!
Das Ganze hat nichts mehr mit der Überzeugung zu tun, die Atomkraft abzuschaffen. Denn die, die diese Überzeugung schon immer hatten, haben auch immer für diese Überzeugung gekämpft. Eine Überzeugung hat nur wenig mit Nachrichten oder Aktualität zu tun, aber das wissen nur Diejenigen, die nicht dem Lemming-Verhalten verfallen sind. Die Masse liebt die Abwechslung, und die Abwechslung ist der Tod einer jeden Überzeugung, schlichtweg weil eine Überzeugung (und speziell ihre Vertretung) Ausdauer verlangt. Und Ausdauer ist das genaue Gegenteil von Abwechslung. Ausdauer ist genau das, was auch jeden Frühjahr Tausenden die Ambition, endlich Sport zu treiben, im Keim ersticken lässt. Wenn man sich wirklich dafür einsetzt, mehr Joggen zu gehen (oder, dass Atomkraftwerke abgeschaltet und durch alternative Energien ersetzt werden) bedeutet das, dass man einer Monotonie verfällt. Man propagiert immer wieder die gleichen Überzeugungen, gibt immer wieder die gleichen Parolen an verschiedenen Stellen von sich, bis man sich lächerlich vorkommt, schlimmer noch: man fängt irgendwann an, nicht mehr an das zu glauben, was aus dem eigenen Munde kommt.
Deswegen ist das Verhalten der Masse auch gestrickt, wie es gestrickt ist: heute Lybien, morgen Japan, übermorgen ein neuer Lebensmittelskandal, der beides wieder außer Gefecht setzt. Man redet immer gerne über das, was gerade so aktuell ist. Mitgefühl ist meist eine sehr geheuchelte Emotion in der heutigen Zeit, gerade, da alles sich immer schneller dreht, wie ein Kreisel, der besonders viel Antriebskraft erfährt. Es mag heute noch interessant sein, nach Fukushima zu schielen und der Welt inzwischen mit Hochgenuss zu erzählen, wie sehr man sich jetzt davor fürchtet, in einem in Deutschland ansässigen japanischen Restaurant Sushi zu essen, dessen Bestandteile allesamt NICHT aus Japan stammen - morgen ist diese Problematik für uns auch wieder vergessen.
Nur für die Menschen in Japan nicht. Die werden wahrscheinlich noch sehr lange in ihren Notlagern hängen und darauf warten, dass genug Hilfe eintrifft, die ihnen die Unterstützung bietet, die sie verdient haben. Der Rest ist Warten.
Gut, soviel zu den Lemmingen. Aber wir haben noch nicht über die "Zwischendenzeilen-Lesern" gesprochen, eine Gattung, die nur unter Menschen vorkommt und eigentlich nicht wirklich erkennbar ist. Sie wechselt auch ihr Erscheinungsbild, fast wie ein Chamäleon. Zwischendenzeilen-Lesern sind Indivualisten, das allerdings nicht ausschließlich. Sie können auch Opportunisten sein, wie sich gerde im Lybien-Konflikt zeigt.
Einerseits können Zwischendenzeilen-Lesern diejenigen sein, die gegen die Masse schwimmen und in Heuchelei auch das Unrecht erkennen. Es gibt aber auch die, die Zwischen den Zeilen lesen - und sich anschließend aus dem Staub machen! Zur zweiten Kategorie gehört wohl (wieder einmal) die schwarz-gelbe Koalition. Jetzt, da sich die Vereinten Nationen endlich mal dazu durchgerungen haben, gegen Gadaffi Maßnahmen zu ergreifen, die eigentlich ja schon fast wieder zu spät ums Eck kommen, sagt Madame Non wieder einmal "Nein" - bzw. diesmal ist es wohl eher Monsieur Non, Guido Westerwelle. Die schlimmste Krankheit, seit es FDP Politiker gibt, hat sich mal wieder die Ehre gegeben, gegen alles zu sein, wofür die breite Masse eigentlich wäre. Zumindest die breite Masse derer, die im Zusammenhang mit Lybien ein wenig ihren Verstand einschalten. Dass es an der Zeit ist, Gadaffi zu entkräften, ist wohl inzwischen vielen klar. Und trotzdem befürwortet die Mehrheit der Deutschen das "Nein" des Bundesaußenministers. Ob es die Angst vor Vergeltung von Seiten Gadaffis ist oder einfach die Faulheit, sich für jemand anderes als sich selbst einzusetzen, ist schwer zu sagen beim deutschen Volk. Auf der einen Seite haben wir keine Probleme, uns Buttons an die Jeansjacke zu stecken, die zwar eine politische Aussagekraft besitzen, aber nichts weiter bewirken, aber wenn wir uns dann politisch für etwas stark machen müssten - scheuen wir die Verantwortung gegenüber Menschen, die wir nicht kennen.
Schließt sich da wiedermal der Kreis? Es war auch schon oft zu hören, dass im Internet Selbstmorde auf Sozialnetzwerken angekündigt werden und keinen der Internetfreunde hat es interessiert. Es scheint, als wäre die Fürsorglichkeit mit dem "Accept"-Button unter eine geschlossene Freundschaft gestorben. Was danach ist, interessiert doch niemand. Was interessieren mich meine Internetfreunde, was interessieren mit die Menschen in nordafrikanischen Staaten, die ich nicht kenne? Die Angst ums eigene Leben (oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit jedes Einzelnen) ist doch zu groß.
Im Massenphänomen ist doch schlussendlich jeder für sich selbst verantwortlich. Und wenn es das Massensterben der Lemminge je gegeben hat - manchmal wünscht man sich, dieses Massensterben würde bei den Menschen stattfinden. Nicht im körperlichen Sinne - einfach das Bedürfnis, ständig dem neuesten Trend in jeglicher Form hinterherzuhetzen, könnte doch so langsam mal aussterben. Es wäre sinnvoller und besser für die Welt, als wir alle denken.
In diesem Sinne - ein schönes Wochenende
LG Gene ;-)
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