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Montag, 23. Juli 2012

Rien ne va plus? Wo nichts mehr (hin-)geht und alles zusammenläuft

Zugegeben, ich würde mich gerne entschuldigen. Dafür, dass ich zum xten Mal meinen Blog sträflichst vernachlässige oder dass ich wöchentliche Blogeinträge verspreche und sie nicht reinstelle. Ja, ich könnte mich dafür entschuldigen, ich könnte euch allen (die das hier lesen) sagen, wie leid es mir tut, dass ich nichts geschrieben habe. Und ehrlich: es tut mir auch leid! Ganz einfach, weil ich gerne an diesem Blog schreibe. Allerdings nur dann, wenn ich finde, dass es etwas Wichtiges zu sagen gibt. Man braucht ein Thema, um einen Blog zu schreiben... zumindest meiner Meinung nach.

Es gibt so viele Blogs in dieser großen, blühenden Landschaft genannt "Internet". So viele, dass es eigentlich schon uncool ist, überhaupt einen Blog zu führen. Man gilt schon als Nerd, wenn man einen Blog schreibt, als Außenseiter, der keine sozialen Kontakte hat. Am Besten ein Mensch, der sich nur über einen Blog artikulieren kann. Teilweise mag das stimmen, teilweise nicht. Das ist wohl wie mit den sozialen Netzwerken, in denen Menschen hunderte von Freunden auf der Liste haben und diese Menschen sind dann auch mehr oder weniger zumindest bekannt mit der Person. Andererseits gibt es Menschen, die sammeln Profile auf ihrem eigenen Profil, um den schönen Schein zu wahren, um den Menschen, die ihr Profil betrachten, das Gefühl zu geben: "Wahnsinn, der hat's drauf! Was für ein beliebter Mensch!"

So gesagt: ich gehöre wohl eher in die Nische, habe nicht zig Follower auf meiner Seite, die meinen Blog lesen wollen oder sich dafür interessieren, was ich zu sagen habe. Das ist allerdings okay, denn vor einem Jahr sah die Sache noch ganz anders aus: durch soziale Netzwerke hatte ich mehr Leser auf meiner Seite, zugegeben... andererseits stellt sich die Frage, ob diese Leser wirklich "wünschenswerte Leser" waren. Es gab sowohl positive als auch negative Reaktionen, ein buntes Poutpourri aus Menschen, die mich lobten, mich beleidigten, mir erzählten, wie die Welt funktioniert. Frei nach dem Motto: "Es gibt nichts, was es nicht gibt!". Leider stimmt der Spruch, wie mit allen Dingen des Lebens.

Nun hänge ich hier in meinem Nischenblog, habe kaum Leser, keine Reaktionen auf meine Beiträge... und lange habe ich nichts dazu gesagt, es bei der einen oder anderen flapsigen Bemerkung ruhen lassen. Allerdings bin ich jetzt einmal absolut ehrlich: es stinkt! Verdammt, es stinkt gewaltig. Nicht, dass ich meine, mein Blog sei der beste, spektakulärste und phänomenalste Blog der Welt, es ist nur... ich gucke mir die restlichen Blogs an, die es so gibt. Zugegeben, nicht alle Blogs, dafür hat wohl kein Mensch auf diesem Planeten Zeit. Aber ich habe einige Blogs gesehen, hauptsächlich Blogs, in denen es ums Stricken, Häkeln, Basteln, Kochen, Putzen oder die spannenden "Abenteuer" einer Ehe geht. Womit ich sagen will: es geht oft um Egotrips, mit vielen bunten Bildchen "aufregend" verpackt und mit hunderten Menschen, die dem regelmäßig folgen. Bei einigen dieser Blogs habe ich wirklich gelesen und mich ernsthaft gefragt, ob das überhaupt irgendeinen Menschen auf diesem Planeten interessiert. Ja, tut es! Warum? Vielleicht weil Menschen immer schon auf sehr "leichte Kost" abgefahren sind (in allem, außer beim Essen natürlich!). Es ist schwer herauszufinden, auf was Menschen wirklich stehen, gerade wenn man nicht in der Werbebranche tätig ist. Nun habe ich ein wenig Grundwissen über Marketing und Werbung, mein Problem ist allerdings, dass ich nichts von Werbung halte. Wer das bis jetzt noch nicht gemerkt hat, dem schreibe ich es in aller Deutlichkeit noch einmal hier und jetzt und für alle Zeit: Ich hasse Werbung! Damit katapultiere ich mich jedoch selbst meilenweit vom Mainstream hin zum Nischenblog, den keiner lesen will.

Gut, dann möchte das hier niemand lesen, damit kann ich leben. Die Frage stellte sich für mich dadurch die letzten Wochen, ob ich überhaupt noch weiter bloggen möchte. Sind Blogs wirklich das, was ich als Autorin schreiben möchte? Möchte ich damit meine Zeit verschwenden mit dem Wissen, dass sich durch die Anregungen und Analysen meinerseits nichts ändern wird? Kann ich überhaupt noch Themen finden, die meinem eigenen Anspruch gerecht werden, nicht grenzenlos an BILD-Niveau grenzen und darüber in sinnvollem Ausmaß schreiben?

Ich denke, ich kann das. Der Blog wird weiterhin bestehen bleiben. Wie lange, das kann keiner sagen - vielleicht hackt sich auch jemand in meinen Account und löscht alles aus reiner Boshaftigkeit oder weil er denkt, es muss mehr sinnlose als sinnvolle Blogs geben (ohne meinen eigenen jetzt wirklich in eine der Kategorien stecken zu wollen). Und wenn ich keinen Grund mehr sehe, den Blog weiterzuführen, werde ich ihn verwaisen lassen (was ich bereits getan habe). Eins verspreche ich jedoch (obwohl ich beides gut beherrsche): ich werde hier weder über Strickprojekte noch über Kochrezepte philosophieren. Nicht in diesem Blog!

Das war nun eine sehr lange Ansprache zum Thema "Blog - ja oder nein!". Aber ich will nicht nur darüber schreiben, das wäre ein wenig zu wenig und würde diesem Blog genauso wenig gerecht wie Strickmuster und Kochrezepte.

Die Ereignisse der letzten Wochen haben mich immer wieder hin und her gerissen und ich habe mich gefragt, wie ich das Ganze in einem Blogbeitrag thematisch kompensieren kann. Der Krieg in Syrien, die Machtlosigkeit der UN, der Opportunismus Russlands und Chinas zu dem Thema. Dann auf der anderen Seite (immer noch!) die Eurokrise, in Griechenland sowieso, jetzt die beschlossene Hilfe für Spanien. Die Frage, wie sehr man den Steuerzahler damit belasten sollte, Fehler von Banken und Spekulanten auszugleichen. Alle politischen Probleme der Welt dann jedoch wieder einmal in den Schatten gestellt vom ständigen Nörgeln über den nicht vorhandenen Sommer in Deutschland. Also wechseln sich die großen Sorgen immer mit den nichtigen Sorgen ab in einem Hin und Her, das einem Tennisspiel in Wimbledon gleicht. Aber: es haben mich doch eher die wirklichen Sorgen der Gesellschaft beschäftigt - und über das Wetter reden war noch nie so meine Sache!

In den letzten Monaten waren die gleichen Themen in den Nachrichten vorherrschend wie seit Beginn des Jahres und das gesamte letzte Jahr: die drohende Pleite der gesamten Eurozone und der Krieg in Syrien. Wenn man sich die Situation in Syrien anschaut, fragt man sich doch als politisch interessierter Mensch immer und immer wieder, warum diesem Drama nicht endlich ein Ende gemacht wird: tagtäglich sterben Menschen in Syrien, erschossen in Gefechten, Schuldige wie Unschuldige. Traurigerweise können wir alle gut dabei zusehen. Die Frage nach dem "Warum?" kann dabei nicht beantwortet werden.

Mit Entsetzen, Fassungslosigkeit und Kopfschütteln habe ich vor zwei Wochen das Interview mit Syrien's Staatsoberhaupt Assad gesehen, ein Fernehinterview, geführt vom Publizisten Jürgen Todenhöfer. Die Ausreden, mit denen sich Assad anscheinend vorlieblich selbst am glücklichsten machte, zeugten von entweder absolutem Wahnsinn oder dem personifizierten Bösen. Abstreiten, leugnen, Tatsachen verdrehen - die drei klassischen Elemente eines jeden Diktators, verpackt in eine nonchalante Art und Weise zu sprechen, so dass jeder Zuschauer denken mag, was für ein sympathisches Kerlchen Assad doch ist. Erst in solchen Momenten zeigt sich wohl immer und immer wieder, wie falsch wir alle denken, wenn wir uns einbilden, das Böse trüge ein unverkennbares Gesicht, würde nicht in der Tarnung durch die Weltgeschichte geistern und wäre einfacher auszuschalten als jede Lichtquelle.

Die Mühe, das Böse vom Guten zu unterscheiden, macht den meisten Menschen wohl denn auch so viel aus, dass sie sich dafür entscheiden, lieber wegzuschauen als zu handeln. Nur so ist wohl zu erklären, dass der Konflikt in Syrien seit 18 Monaten vor sich hinbrodeln kann und es hier in Deutschland (oder allgemein in der westlichen Welt) kaum jemand interessiert. Das alte Thema: "Was mich nicht betrifft, interessiert mich auch nicht!" trifft wohl wieder zu. Erst in dieser Woche, zum ersten Mal in den ganzen 18 Monaten, gab es einen Vorsprung von 1 % bei einer "Mehrheit" der Deutschen, die für eine Einmischung der Vereinten Nationen in den Konflikt sind. 1%! Es ist verdammt traurig, dass Menschen, denen es gut geht, nicht mehr bereit sind, anderen Menschen, die in Not sind, zu helfen. Die Angst, selbst dabei in Gefahr zu geraten, scheint wohl zu groß zu sein. Die Befürchtung, wir könnten nicht alle 200 Jahre alt werden, nagt an uns wie die Maus an einem Stück Käse. Das eigene Wohl scheint so verdammt wichtig zu sein, dass wir alle Dinge, die uns nicht betreffen, aber nichtsdestotrotz schrecklich sind, ganz weit von uns weg schieben. Es ist wichtig, glücklich zu sein, zufrieden zu sein, gesund zu sein. Das sehe ich alles ein, auch ich strebe danach und ich finde das auch für jeden Menschen wichtig. Wahrscheinlich ist das aber der entscheidende Knackpunkt: ich finde das für jeden Menschen wichtig, jeder Mensch hat ein Recht auf dieses Grundgut an Lebensqualität. Doch nicht jeder Mensch hat Zugang zu diesem "Wohlfühlpaket". Den meisten Wohlstandsmenschen wird es leider immer egaler, wie andere Menschen über die Runden kommen, Hauptsache, es geht ihnen selbst gut.

So geht es wohl auch in Syrien. Erst vor kurzem sagte Sigmar Gabriel, der SPD-Parteivorsitzende, wir werden eines Tages zurückblicken und es bitter bereuen, heute nicht in den Syrienkonflikt einzugreifen. In Sebreniza war es damals ähnlich, es wurde viel zu lange gewartet, es wurde nicht eingegriffen - Tausende von Menschen starben. In Syrien sind wir auch längst dort, weit über 15 000 Menschen sind bereits tot, Tausende flüchten über die Grenzen in die Türkei und in den Libanon. Assad lässt dabei selbst über die Grenzen schießen, die Menschen fliehen unter Todesangst, wenn sie überhaupt die Grenzen überqueren können. Wie lange wollen wir noch zusehen? Haben wir alle zuviele Actionfilme in unseren Leben gesehen, dass wir nicht mehr eine wirklich ernste Lage erkennen? Ist uns denn wirklich alles scheißegal, solange wir nur glücklich, satt und zufrieden mit uns selbst sind? Ist das Masturbieren auf das eigene Leben wirklich so schön, dass man alles um sich herum vergisst?

Wenn ich Dokumentationen über die Zeit um und nach dem zweiten Weltkrieg sehe, stelle ich mir noch viel mehr Fragen. Wir leben seit nunmehr 67 Jahren in Frieden. Hier in Deutschland, keiner redet von weltweitem Frieden. Die Welt ist viel zu weit von weltweitem Frieden entfernt und wahrscheinlich werden wir den Frieden nie erreichen, da es zu viele Unterschiede gibt. Unterschiede, die unser Leben lebenswert machen, es auf der anderen Seite allerdings zur Qual werden lassen. All das entstanden aus der Freiheit zu entscheiden, dem Willen, sich für A und gegen B zu entscheiden. Die Entscheidung, geleitet von Vorlieben, die dann im Ende zu Meinungsverschiedenheiten führt. Dann die Konflikte, die daraus entstehen, um dann in Streit und Auseinandersetzungen zu resultieren. Die nächste Stufe hierzu ist nur noch der Krieg: sich bis hinter die Zähne zu bewaffnen und den Meinungsgegner auszuschalten.

Bedauerlicherweise denke ich in letzter Zeit immer öfter, dass wir das wahrscheinlich brauchen, in all der aufgeladenen Stimmung. Es bedarf wohl eines Krieges, damit die Menschen wieder zu Verstand kommen. Freilich keines Krieges ausschließlich in Syrien, daraus würde Deutschland wohl nie etwas lernen. Nein, Deutschland braucht wiedermal Krieg. Einfach alles, was zu blöd ist, auf den Baum zu klettern, über den Haufen schießen. Das klingt utopisch? Nicht  mehr ganz dicht? Seien wir doch mal ehrlich: wir alle sind doch nicht mehr ganz dicht, wenn wir uns nur noch auf technische Errungenschaften und immer mehr Reichtum konzentrieren und es gleichzeitig fertigbringen, das Schicksal tausender Menschen im Krieg komplett zu ignorieren. Natürlich ist Syrien weit von uns weg, das macht die Sache aber nicht weniger dramatisch. Auch die Hungersnot in der Sahelzone ist weit weg... ist sie deswegen weniger dramatisch, weniger mitreißend? Anscheinend schon. So lange hier jeder Bierbauch täglich seinen Schweinebauch auf den Mittagstisch bekommt, ist die Welt in Ordnung.

Vielleicht braucht Deutschland einmal hautnahe das Elend, den Krieg, die Gefahr, jeden Tag zu den Opfern gehören zu können. Vielleicht braucht dieses Volk mal die geballte Faust Leben ins Gesicht, zu spüren, was es heißt, täglich ums Überleben zu kämpfen, sich anzustrengen, die Klamotten, die man am Leib trägt, noch zu halten, um nicht alles zu verlieren. Zugegeben, es gibt viele Menschen, denen es bereits jetzt so geht, mitten in Deutschland. Menschen, die täglich kämpfen müssen, um in diesem wirtschaftlichen Standard mithalten zu können. Auch das kann eine Qual sein, genauso gravierend wie die Qual in der Sahelzone, nichts zu essen zu haben. Trotzdem: was ist mit den Menschen, denen es einfach zu gut geht, die Leid und Elend ignorieren können? Brauchen die nicht mal irgendeine Art "Hallo, wach!"-Spritze, die ihnen zeigt, wie das Leben funktioniert, worauf es ankommt?

Nun, wer bin ich schon, den Menschen zu erzählen, worauf es im Leben ankommt? Die unterschiedlichen Vorlieben des Lebens sorgen einfach dafür, dass jeder Mensch andere Prioritäten hat und sich nach ihnen richtet. Wer kann oder darf da schon sagen, was wirklich wichtig ist und was nicht? Im Ende muss die Vernunft siegen, egal in welche Richtung! Aber Vernunft, Vernunft... was war das nochmal? Und wie definiert man sie?

Vielleicht gibt es darauf bis zum nächsten Blogeintrag Antworten. Wahrscheinlich ist, dass es einen nächsten Eintrag geben wird. Wann? Ich will mich nicht auf den nächsten Samstag festlegen. Wenn es mir allerdings gelingt, hoffe ich doch auf eure Leserschaft... wo auch immer ihr alle sein mögt!

In diesem Sinne, allen Lesern eine schöne neue Woche und bis zum nächsten Mal.

LG Gene :-) 


Sonntag, 8. April 2012

Atomarer Wortsalat oder: Die Wahl der Waffen = Worte

Es gibt wohl kein Thema der letzten Tage, was so heiß diskutiert wird, wie das der Prosa von Günther Grass zum Thema "Israel". Ganz unpassend ist das nicht, jetzt zum Osterfest, denn irgendwie wird doch immer wieder über Religion zum Fest des Todes und der Auferstehung von Jesus Christus diskutiert. Zugegeben, es diskutiert nicht jeder darüber, die meisten Menschen halten das Osterfest eh nur für das Fest des Osterhasen und der Ostereier. Warum Osterhase und Ostereier? Das fragt doch kein Mensch mehr, die Symbolik der Fruchtbarkeit kennen die Menschen meist sowieso nur aus dem eigenen Sexualleben. Da inzwischen nicht mehr mit Symbolik, sondern nur noch mit Aktion gearbeitet wird, interessiert das auch nicht mehr groß. Wichtiger als die Symbolik des Ostereis und die des Osterhasen ist wohl die Werbewirksamkeit der beiden Symbole. Hauptsache, alles ist bunt und konsumträchtig verpackt, dann klappt es auch mit den Verkaufszahlen.

Aber zurück zum Thema: die Religion. Es gibt wohl nur noch einen geringeren Anteil der Menschheit, die wirklich religiös lebt und in absolutem Gottvertrauen durch's Leben rennt. Die meisten Menschen verlassen sich inzwischen dann doch lieber auf die Kraft des Kapitalismus oder sie verzweifeln an gleicher. Gott ist zu einer Symbolfigur geworden, die viele Menschen oft als verstaubt ansehen mögen. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die sich immer fanatischer in die Kraft der Religion begeben, eintauchen in den Pool aus Gebet und Tradition. Religion wird oft als letzter oder einziger Halt in einer sich ständig verändernden Welt gesehen... denn selbst wenn morgen die Welt auf dem Kopf steht, die Religion besteht aus Traditionen und unerschütterlichen Grundfesten. Unerschütterlich? Nun, sie hat sich auch verändert, die Religion, selbst sie, die "Mutter aller Stereotypen" muss sich irgendwann einmal anpassen in vielen Themen. Mit Verlaub, nicht in allen, aber in vielen. Speziell, um neue Mitglieder für die "gute Sache Gottes" zu rekrutieren. Vielleicht klingt das Wort "rekrutieren" an dieser Stelle zu sehr nach Al Qaida... doch mal ehrlich: es macht nicht solch einen wahnsinnig großen Unterschied, wohin ein Mensch rekrutiert wird. Wichtig ist, dass er manipulierbar ist. Ob diese Manipulation nun dazu führt, dass er zur Waffe greift und Unschuldige erschießt oder einfach durch das Leben geht und psychologisch Menschen beeinflusst, ist erst einmal unerheblich.

Vielleicht bin ich genau deswegen gegen die Religion als Massenphänomen. Es geht nicht in erster Linie um den Glauben an Gott, es geht um die Gruppendynamik, vergleichbar (damit es auch alle Jugendlichen verstehen!) mit der Dynamik sozialer Netzwerke. Immer mehr Menschen folgen dem Trend, keiner weiß irgendwann mehr, warum, aber ab einer gewissen Stelle wird alles akzeptiert, was nicht niet- und nagelfest ist. Wenn dann noch die Religion über den gesunden Menschenverstand gestellt wird, ist wohl die Zeit gekommen, an der es verdammt gefährlich wird. Nein, ich meine mit dem "gesunden Menschenverstand" nicht die Wissenschaft, sondern einfach das selbstbestimmte Denken eines jeden Individuums.

So gesehen ist es wohl auch zu erklären, warum dieser Tage so heftig debattiert wird über die Prosa von Günther Grass. Mit seinem "Werk", einem 69zeiligen Gedicht, in der er die Politik Israels an den Pranger stellt und dem Staat unterstellt, er gefährde den Weltfrieden, hat sich der Literaturnobelpreisträger innerhalb weniger Tage so viele Feinde gemacht wie die Kinder dieser Tage wohl Ostereier gesucht haben. Es stellt sich unweigerlich die Frage, wenn Grass die Politik Israels im Hinblick auf den Iran kritisiert und dafür erst heute von der Regierung als "Persona non grata" abgestempelt wird, ob man ein Land wie Israel überhaupt kritisieren darf. Oder besser gesagt: darf ein Deutscher Israel überhaupt kritisieren?

Gerade an diesem Feiertag wird wieder einmal die Symbolik eines tiefen Grabens wieder aufgewühlt. Ein Jude, genagelt ans Kreuz von den Römern, die selbst nicht das Wort Jesus Christus glauben wollten, um dann später die Religion selbst aufzugreifen und als Katholizismus unter die Leute zu bringen... allein diese Wendungen sind recht absurd, wenn man sie sich genau ansieht.

Religionskonflikte gab es seitdem (und auch bereits vorher unter anderen religiösen Gruppierungen) immer wieder, doch keiner ist wohl so im Gedächtnis geblieben wie der Antisemitismus unter Adolf Hitler, der versuchte, die nicht arische Rasse auszulöschen. Vor allem auf die Juden hatte es Hitler abgesehen, der Neid auf deren Geschäftssinn und die Meinung, dass sie unrein seien, sorgte für Hass und schlussendlich grenzenloses Leid. 6 Millionen Juden wurden durch den Holocaust getötet, hinzu kamen Millionen Soldaten im zweiten Weltkrieg und Millionen Zivilisten.

Genau auf diese Geschichte stützt sich seitdem jeder Streit zwischen Israel und Deutschland. Nun gab es keine ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen beiden Ländern (es gibt wohl akutere Spannungen zwischen Ländern), aber die Beziehung ist wohl eine der fragilsten auf diesem Planeten. Die Aktionen dieser einen Vergangenheit Deutschlands wird dem Land wohl noch bis zum Tag des Jüngsten Gerichts anhaften, egal, wie sehr wir uns wandeln und dem Rest der Welt öffnen, wie multikulturell wir sind. Irgendwo sind wir immer die Nazis, die Menschen, deren Vorfahren Adolf Hitler in seinem Wahn gefolgt sind. Anzumerken sei an dieser Stelle nur, dass diese Kritik meist von Menschen kommt, die nicht einmal genau über die Situation in dieser Zeit Bescheid wissen, keine Ahnung von der Machtergreifung Hitlers haben und nicht wissen, wie viele Menschen nun wirklich mit Herzblut Nazis waren und wie viele zu den Unterdrückten gehörten. Keine Verteidigungen an dieser Stelle, es ist nur so wahnsinnig passend, dass nun in der Sache Grass seine Vergangenheit als SS-Soldat ausgeschlachtet wird. So sagt der israelische Innenminister Eli Jischai, Günther Grass sei ein "antisemitischer Mensch" und man merke ihm seine Vergangenheit als SS-Soldat immer noch an.

Die Frage, die einem unwillkürlich da in den Kopf kommen muss: Wirklich? Ist Günther Grass ein Antisemit, weil er es in einer Demokratie für nötig hielt, Zustände zu kritisieren, die er für unangemessen hält? Es mag zweifelhaft sein, ob Grass mit seinen Aussagen zu 100% Recht hat (wirklich unwahr sind seine Aussagen auch nicht, allerdings müsste das Ganze wohl differenzierter betrachtet werden), es ist aber eine andere Frage, ob man ihm deswegen etwas unterstellen muss, was ihm nicht nachgewiesen werden kann. Hat er zuvor Äußerungen dieser Art gemacht und damit bewiesen, dass er antisemitisch veranlagt ist? Nein. Er schrieb selbst in der Prosa, er habe lange geschwiegen, gerade wegen der Vergangenheit Deutschlands und seiner eigenen und weil es als nicht statthaft gilt, sich als Deutscher kritisch gegenüber Israel zu äußern. Recht hatte er wohl, er hätte wohl besser die Klappe gehalten bzw. die Finger still!

Zumindest wird es so, wenn man sich jetzt die Reaktionen anguckt, in Deutschland wie in Israel. Wenn etwas eigentlich gar keine große Wirkung hat, dann blasen wir die Sache so lange auf, bis aus einem Luft- ein Heißluftballon entsteht, der locker ein Dutzend Menschen durch die Luft tragen könnte. Die Situation zwischen Israel und dem Iran ist kritisch. Punkt. Iran ist eine große Gefahr für die Welt, zumindest deren vom Wahn zerfressene Regierung rund um Ahmadinedschad. Punkt. Israel benimmt sich gerne und oft wie die Axt im Walde, wenn es um Drohungen gegen das Ausland geht, das ihm gerade nicht passt. Damit steht Israel dem Iran in nix nach. Nun kann man diese Mentalität bei Israel mit der Angst zu tun, die sie immer wieder treibt, die Vergangenheit, durch die sie tiefe Wunden mit sich herumträgt. Die Frage ist in der Sache Grass inzwischen nur, ob Israel nicht andere Probleme hat, die es zu bewältigen hat, als sich auf einen alten Schriftsteller einzuschiessen, nur weil er etwas kritisiert hat. Die Forderung des Innenministers, Grass nun den Nobelpreis abzuerkennen, ist schlicht lächerlich und entbehrt jeder Grundlage.

Ein Autor hat das Recht (und muss das Recht haben) zu kritisieren, zu polarisieren und seine Meinung kundzutun. Egal, ob diese Meinung der Menschheit nun passt oder nicht. Grass hat dies getan, ob wir nun für oder gegen seine Aussagen sind, spielt nicht wirklich eine Rolle. Jeder kann dazu seine Meinung kundtun, ihn allerdings jetzt zum "Musternazi" abzustempeln, ist schlicht widerlich. Nicht, weil er nie was mit der SS zu tun hatte, wir wissen alle, er hatte sich damals, als Grünschnabel, freiwillig bei der Armee gemeldet (wie fast alle seiner Altersgenossen zu dieser Zeit!). Der entscheidende Grund ist, dass diese Beleidigungen und Anschuldigungen an der eigentlichen Sache vorbeigehen. Merkwürdigerweise diskutiert jeder über die Zuständigkeit von Grass oder ob er so etwas überhaupt schreiben durfte. Was er nun geschrieben hat, ist im Ende völlig egal. Die Zeit, über das Geschriebene nachzudenken und zu analysieren, bleibt wohl nicht in der Hetzjagd auf einen neuen Staatsfeind. So hat speziell die BILD wiedermal den Vogel mit ihrer Schlagzeile über Grass abgeschossen (was allerdings nicht verwundert, immerhin ist diese Zeitung doch der Inbegriff der Hetzpropaganda).

Man kann nun für Grass's Meinung sein oder eben gegen sie, es spielt keine Rolle. Wir sollten uns vielleicht fragen, wo wir uns gerade befinden. Es ist Ostern, das Fest der Auferstehung von Jesus Christus, einer Symbolfigur sowohl des jüdischen wie auch des christlichen Glaubens. Traurigerweise entzweien wir uns alle in dieser Zeit mehr, als das wir zusammenwachsen. Wie gesagt, ich bin nicht religiös im Herdentierprinzip, wie es die meisten Menschen sind, aber die Frage muss gestellt werden, ob ein Mensch wirklich aufgrund seiner Herkunft abgestempelt werden darf. Das mag für Israel und die Juden gelten, aber auch speziell für die Deutschen. Das "Alle Deutschen sind Nazis"-Denken muss aus den Köpfen verschwinden, speziell aus den israelischen Köpfen. Nicht jeder Deutsche ist ein Nazi, auch nicht jeder, der es wagt, Israel zu kritisieren. Israel kann nicht den Freifahrtschein für jede Aktion erwarten aufgrund seiner von Zerstörung und Demütigung geprägten Vergangenheit. Auch Israel begeht Fehler, viele Fehler, speziell politische Fehler. Auch wenn der Iran zu einer großen Gefahr wird, ist Israel nicht die Weltpolizei, die alles im Alleingang regeln kann und soll.

Die Hoffnung liegt wie so üblich auf das Vergessen. Das Gedicht, die Reaktion Israels, die derzeitigen Anspannungen zwischen Deutschland und Israel, alles so wieder vergessen sein. In spätestens einem Monat wird das wohl der Fall sein. Oder es herrscht bis dahin kalter Krieg zwischen den Nationen. Einen Zwischenweg gibt es wohl nicht. Zu einer Lösung kann es nur kommen, wenn Israel lernt, mit Kritik angemessen umzugehen statt die beleidigte Leberwurst zu spielen. In der Vergangenheit hat Israel bewiesen, wie kritikunfähig die Regierung und Teile des Landes sind. Aber kann das wirklich alles gewesen sein? Ich glaube nicht daran. Die Menschen in Israel haben genug Grips zu verstehen, dass eine Kritik nicht primär ein Schlag ins Gesicht sein muss, sondern auch ein Denkanstoß zu neuen Lösungen sein kann. In der Sache Iran wird ein von Israel eingeleiteter Militärschlag nicht die Lösung sein, sondern nur zu einem neuen Krieg mit Tausenden von Toten führen. Kann das die wirkungsvollste und beste Lösung sein? Es wird wohl die naheliegendste sein, aber ob es die beste ist, darüber darf und muss gestritten werden.

Wenn Grass eins erreichen wollte, dann die Diskussion über Israel, doch er hat sich ein Eigentor geschossen. Ungewollt. Jetzt muss er mit den Konsequenzen leben, die seine Prosa verursacht hat. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Menschen endlich anfangen, über die politischen Schwierigkeiten, die Grass angesprochen hat, zu sprechen, statt über die Vergangenheit oder die mögliche Gesinnung des Autors. Die Kuh beim Schwanz anzupacken hat bis jetzt noch nie geholfen, Milch zu kriegen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein schönes Osterfest und eine gute neue Woche. Bis zum nächsten Samstag.

LG Gene :-)

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